Die Legende der Wächterengel

Judith und Semjasa

 

Dies ist die Informationsplattform für meinen nächsten  Roman.

Leider hänge ich seit etwa einem Jahr, was an meinem späten Studium liegt. Ich bin mit meiner Master-Arbeit beschäftigt, und das noch eine ganze Weile. Ich hoffe, dass ich spätestens im nächsten Jahr den Roman fertig stellen kann. Er ist zu ca. 85% fertig und es juckt mich immer wieder in den Fingern. Mir fehlt nur die Zeit und die Ruhe... 

Soviel sei jedoch schon verraten:

Die Grundvoraussetzungen ergeben sich aus  "Saphira und Asasel": Judith ist eine US-Amerikanerin und Semjasa ist wegen eines Zusammentreffens mit Asasel von Mephistopheles "geimpft" worden, damit er sich ja nicht von den Verrätern Nekael und Asasel beeinflussen lässt. Den Quatsch mit der Beziehung zu einer "Menschenfrau" wird er sich nicht auftischen lassen. Oder?

Tja, was soll ich zu Semjasa sagen? In der Vergangenheit war er mit seinen Eigenheiten der passendste Führer der Wächterengelgruppe. Jetzt werden ihm genau diese Eigenschaften zum Problem: absolute Loyalität und Kurstreue. Aber auch Luzifer musste deswegen ein Kunstgriff bei ihm vornehmen. *g* Judith wird richtig Arbeit haben mit ihrem Engel. Ihr Weg wird deshalb auch ein anderer sein müssen als der von Lea und Saphira...

Hm... Semjasa wird später auch mit ihr Geduld haben müssen. Judith ist noch ziemlich jung und nicht so ganz raus aus dem Erwachsenwerden. Meine "Mitleser" (Kritiker) finden die Darstellung recht gelungen. (Stand: August 2012)

Ein kleiner Vorgeschmack, was bei diesem Roman zu erwarten ist:

 

1.    Semjasa und Mephistopheles

 

Zwischen einer lockeren Wolkendecke schien bleich ein halbrunder Mond über den bewaldeten Strandbereich einer Halbinsel von Chesapeake Bay, USA. Die Halbinsel lag nur einen Katzensprung von Washington D.C. entfernt und geografisch günstig zu New York – zumindest, wenn man dies in Form von Luftlinien betrachtete. Im ruhigeren Westen der Halbinsel, im Schatten entlaubter Bäume, hatte sich eine durchsichtige, finstere Gestalt niedergelassen und starrte landeinwärts auf die Bucht – Semjasa.

Die Halbinsel war sein Lieblingsplatz im Nordosten der USA. Das Land allein war so riesig, dass er sich im Laufe der langen Zeit, die er hier als Verführer diente, fünf Stammplätze ausgesucht hatte: im Nordosten, Nordwesten, Südwesten, Südosten und ungefähr in der Landesmitte. Keiner der Plätze hatte Vorrang vor einem der anderen. Wo Semjasa sich aufhielt, war ihm völlig gleichgültig. Hätte er eine Landkarte erstellen sollen, wäre vielen Menschen eine Gänsehaut den Rücken hinuntergelaufen. Er orientierte sich nicht an Bergen, Meeren, Seen, Orten oder Straßen. Seine Orientierungspunkte waren die Ballungen dunkler Energien und Gebiete, die reif waren, mehr mit Dunkelheit überzogen zu werden. Besonders dunkle Punkte seiner persönlichen Karte der USA waren die wirtschaftlich und politisch aktivsten Gebiete. Reiche Firmenbesitzer, Manager und machthungrige Politiker waren Semjasa seit Beginn der Industrialisierung besonders „ans Herz gewachsen“. Zumal sie viel mehr Schaden und Zerstörung anrichten konnten als alle armen Kriminellen zusammen.

Zur Abwechslung dachte er mal nicht an seine nächsten Kandidaten, sondern an seine gestrige Begegnung mit Mephistopheles, der einer der Berater Luzifers war. Der hochrangige Finstere hatte ihn direkt von einem Zusammentreffen mit einem merkwürdigen Engel weggeholt, der sich als ehemaliger Verführer Asasel ausgegeben hatte. An diesem Engel hatten ihn mehrere Dinge gestört.

Erstens hatte er eine Grundschwingung besessen, die der Farbe Orange entsprach. Unmöglich! Es gab Lichtengel und Dunkle Engel und dazwischen GAR NICHTS! Ein Engel wie Asasel konnte es eigentlich nicht geben! Zweitens hatte dieser Typ behauptet, er sei im Auftrag des Himmels unterwegs und würde über die Einhaltung der Abmachung auf Seiten der Finsternis wachen. Was für eine Anmaßung! Die Einzigen, die solche Befugnisse hatten, waren entweder Michael auf himmlischer Seite oder Luzifer auf der finsteren Seite, wenn er Wind von den Übertretungen seines Gefolges bekam. Warum Luzifer in dieser Hinsicht so rigoros war, verstand keiner so recht im Reich. Die Begründung, dass GOTT sonst noch mehr Auflagen für die Finsteren ersinnen würde, erschien den Meisten nicht stichhaltig genug. Luzifer musste doch genauso wie seinen Untergebenen daran gelegen sein, der Finsternis so viel Macht wie möglich auf der Erde zu verleihen!? Das einzig Positive, dass der Herrscher der Finsternis sich in dieser Sache einschaltete war, dass er damit den Stand der Dunklen Verführer stärkte – so die Sicht Semjasas. Seine reingeistige Existenz brachte ihn immer wieder in einen Zustand von Verzweiflung und Raserei. Allein die Tatsache, dass nur Verführer frei auf der Erde agieren durften, versöhnte ihn mit diesem Zustand. Drittens, wenn Asasels Aussage stimmte, dass er ein ehemaliger Verführer war, hätte er logischerweise nur rein geistig existieren dürfen. Doch er wirkte materieller als jeder andere übliche Engel. Wie war das zu erklären?

 

Mephistopheles hatte ihm Antworten auf seine Fragen gegeben, die ihn mit neuem Hass auf den Himmel erfüllt hatten. Wenn stimmte, was der Berater ihm aufgetischt hatte, waren durch eine hinterhältige Taktik der Halleluja-Schreier zwei Verführer umgedreht worden, um dem Licht Vorteile gegenüber der Finsternis zu verschaffen. Das war gegen alle Regeln! Er hatte Mephistopheles aus tiefster, schwarzer Seele zugestimmt, dass kein weiterer Verführer mehr verloren gehen durfte. Er würde sich nicht umdrehen lassen. NIEMALS! Den einzigen Stich, den er dabei verspürte, war die Körperlichkeit Asasels gewesen, die der verräterische Engel augenscheinlich genoss. Wie hatte er sich nur so korrumpieren lassen können? (Na ja! In einem nicht allzu versteckten Teil seines Seins würde er sich auch korrumpieren lassen. Aber doch nicht vom HIMMEL!!!)

Einen anderen Teil hatte er gar nicht begreifen können. Die Lichtidioten hatten Menschenfrauen zu Halbengeln gemacht und sie den Verrätern Nekael und Asasel als „ihre“ Frauen aus einer längst vergangenen Zeit untergeschoben. Dies diente dazu, sie fest an den Himmel zu binden, weil dieser angeblich so gnädig war, ihnen die Wiederaufnahme der alten Verbindung zu gestatten. Wer glaubte denn so etwas Verdrehtes? Engel und Menschen vermischten sich nicht! Semjasa betrachtete Menschen als niedere Spezies, die es zu verderben galt. Dummerweise waren sie die Diejenigen, die der Erde ihren Stempel aufdrücken durften und nicht die viel edleren Engel. GOTT war so schwachsinnig!

 

„Semjasa?“

„Du schon wieder, Mephistopheles?“

„Ich möchte dir zeigen, was aus Verführern wird, die sich mit vom Himmel bearbeiteten Menschenfrauen einlassen.“

„Wozu soll das gut sein? Ich werde mich nicht vom Lichtgesocks einkassieren lassen!“

„Sagen wir als weitere Abschreckung und zur Befriedigung einer Neugier, die ich in dir gespürt habe, Verführer.“, lockte der Berater.

Semjasa machte so etwas wie einen tiefen Atemzug. Neues Öl auf ein frisch entfachtes Feuer gießen? Na gut!

„Ich komme! Wo steckst du denn?“

„Ich bin in einem Nebenraum des Überwachungskristalls. Verbinde dich mit meinem Geist und spring!“

 

Der Nebenraum, von dem Mephistopheles gesprochen hatte, enthielt einen multifunktionalen Schreibtisch, der Luzifers in gewisser Weise ähnelte. Er war nur um Einiges kleiner. Mephistopheles hielt zwei Kristalle in der Hand und nickte Semjasa zu, als dieser in seiner direkten Nähe auftauchte.

Schau dir genau an, was ich dir zeigen werde! Gestern habe ich dir von der fatalen Wirkung der Menschenfrauen auf die ehemaligen Verführer nur erzählt, heute wirst du sehen, wie unwürdig sich Nekael und Asasel verhalten und wie sehr sie den Stand der Engel – insbesondere der Dunklen Engel – entehren!“

„Leg die Kristalle ein!“, forderte Semjasa.

„Nichts lieber als das!“, lächelte Mephistopheles voll hämischer Vorfreude auf die Wirkung, die die Sequenzen auf den noch intakten Verführer haben mussten. Er schob einen durchsichtigen Stabkristall in eine bestimmte seitliche Öffnung der Platte. Es bildete sich ein stehendes Hologramm darüber, das sich von selbst abspielte. Der erste Kristall enthielt die Szenen, die Naamah schon Asasel vorgespielt hatte, um ihn wütend auf Nekael zu machen, was leider nach hinten losgegangen war. Bei Semjasa verhielt sich der Anblick von dem eng umschlungenen Pärchen jedoch ganz nach Wunsch. Er verzog angewidert und verständnislos sein Gesicht.

„Infam und unwürdig, nicht wahr?“, kommentierte Mephistopheles das Gesehene.

„Wie kann sich ein Dunkler Engel nur so weit gehen lassen? So wie der aussieht, kann er sich auf gar nichts Anderes mehr konzentrieren als auf diese Himmelshure.“

„Solltest du dich von dieser Weibergeschichte einlullen lassen, wird genau das mit dir passieren, Semjasa!“

„Ich sagte bereits, dass ich mich davon nicht beeindrucken lassen werde! Zeige mir diesen Asasel!“

Der zweite Kristall zeigte eine Szene im Central Park, der Semjasa sehr vertraut war. Eine sportlich wirkende, dunkelhaarige Frau in einem hellblauen Anzug wurde von zwei Männern bedroht, die Semjasa unschwer als Abschaum ausmachen konnte. Die Frau wirkte seltsamerweise nicht ängstlich sondern hoch konzentriert. Als wenn sie durchaus in der Lage war, sich zu verteidigen. Plötzlich tauchte aus dem Nichts der Engel auf, der sich Semjasa gegenüber als Asasel ausgegeben hatte und vertrieb die Männer auf eine für Dunkle Engel typische Art. Deutlich war dabei zu sehen, wie viel ihm die Frau bedeutete. Seltsam! Wenn die Schlampen ständig in der Nähe der Abtrünnigen waren, wo war Asasels Flittchen geblieben, als er gestern Abend auf den Engel getroffen war? Da fiel ihm die Hütte ein, in der Licht geschienen hatte. So! Hatte der Verräter ihm sein „bestes Stück“ vorenthalten!

„Ich sehe schon! Die Szenen wirken so auf dich, wie ich gedacht habe.“, meinte Mephistopheles zufrieden.

„Wie kann man bei soviel Blödheit nicht voller Abscheu sein! Ich bin lieber solo!“

„Gut! Dann möchte ich dem nur noch hinzufügen, dass du dich vor den sogenannten „Frauen der Wächterengel“ in Acht nehmen musst. Sie sind gefährlich, auch wenn sie nicht so aussehen!“

„Menschenfrauen und gefährlich?“, entgegnete Semjasa verächtlich.

Außer den Satansbräuten und Dämoninnen gab es keine gefährlichen, weiblichen Wesen. Es sei denn, die Engel des Himmels nahmen ihre weibliche Form an.

„Die Hure Nekaels hat Aniguels Liebling Albion besiegt und ihn dem Himmel übergeben.“, trumpfte der Berater auf.

„WAS?“, schreckte Semjasa hoch.

„Hast du mir nicht zugehört? Man hat die Schlampen zu Halbengeln gemacht! Sie haben mehr Macht als ein normaler Mensch. Halt dich von ihnen fern!“

„Zu was sind sie fähig?“, wollte Semjasa wissen.

„Genaues wissen wir nicht! Doch sie müssen in der Lage sein Energien zu orten, sich mit einem Schild zu schützen, Gedanken zu lesen und zu springen. Nekaels Hure beherrscht außerdem das Fliegen. Ihr Name ist übrigens Lea.“

„Wieso lässt der Himmel so eine Übertretung der eigenen Regeln zu?“, ärgerte sich Semjasa.

„Wir befinden uns im Krieg! Da hält sich niemand mehr an Regeln! Deshalb werde ich dich in Zukunft unterstützen.“

„Bekommen die noch übrig gebliebenen Verführer die gleiche Behandlung?“, grinste Semjasa, Morgenluft witternd.

„Oh ja! Jeder Berater außer Aniguel, der für die Koordination zuständig ist, wird in Zukunft einen Verführer unterstützen. Das kann direkt oder indirekt geschehen. Wir beginnen zunächst mit der indirekten Art.“

„Was heißt das?“, verschränkte Semjasa die Arme vor der Brust.

Mephistopheles überlegte, was er dem Verführer sagen sollte, während er die Kristalle wieder an sich nahm. Aniguel würde sie zur weiteren Verwendung einem anderen Berater übergeben. Mochten sie eine ähnliche Wirkung auf die andern Verführer haben wie bei seinem Aspiranten! Mit einem betont nachdenklich wirkendem Gesicht wandte er sich dem eigentlich ungeliebten Verführer zu.

„Wir im Reich verfolgen die Ereignisse auf der Erde sehr genau. Du bist gerade dabei eine ausgewachsene Wirtschaftskrise herbeizuführen. Wir könnten dir mit den dunklen Seelen, die uns verpflichtet sind, helfen. Die Lawine, die wir zusammen in Gang setzen würden, hätte Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft!“

„Das ist meine Absicht! Mit Unterstützung einiger Freiwilliger wäre die Wirkung sicher größer!“, räumte Semjasa ein.

„Dann ist das abgemacht! Du teilst mir mit, wie viel Menschen du gleichzeitig beeinflussen musst und ich sende dir die entsprechende Anzahl williger Geister.“

„Sonst noch was?“, erwärmte sich Semjasa für die unerwartete Zusammenarbeit.

„Könnte sein!“, fasste sich Mephistopheles ans Kinn.

„Rück raus!“

„Das hängt damit zusammen, dass du als Geist direkt zu beschwören bist. Dieser Umstand macht dich schwach, Verführer. Dem müsste abgeholfen werden...“

„Wie denn, Superhirn?“

Semjasas Laune sank augenblicklich, was man an seiner Aura ablesen konnte. Sie flammte tiefschwarz auf.

„Wir müssten Menschen finden, die bereit wären, einem Dunklen Engel als Versteck zu dienen. Am besten nicht nur eine Person, sondern mehrere.“

„Du meinst Freiwillige, die bereit sind, mich ihren Körper übernehmen zu lassen?“, lachte Semjasa hässlich auf.

Erstens war das verboten – zumindest über einen längeren Zeitraum und zweitens würde jeder Mensch bei seiner Anwesenheit das Schreien bekommen.

„Du meinst, es gäbe keine? Täusch dich nicht!“, hielt Mephistopheles dagegen.

„Dann präsentier sie mir!“

„Darüber werden wir das nächste Mal sprechen! Wir haben schon eine Organisation im Blick, die okkulte Praktiken zelebriert und über die gesamten Staaten verteilt sind.“

„Du machst mich neugierig!“, schwebte Semjasa dicht an Mephistopheles heran.

„Das war meine Absicht! Geh jetzt! Niemand soll erfahren, dass wir gemeinsame Sache machen!“, scheuchte der Berater Semjasa fort.

„Verstehe!“, lächelte Semjasa, erratend, dass er Teil einer Verschwörung sein würde.

Sei es drum! Die Berater schienen etwas Ansprechendes ausgekocht zu haben. Ohne sich weiter von seinem neuen „Partner“ zu verabschieden, sprang er zurück zu dem Platz, von dem er gestartet war.

Semjasa hielt es jedoch nicht lange dort aus. Die Aussichten von Mephistopheles machten ihn kribbelig. Wieso waren die Finsteren nicht schon viel früher auf diese Form der Zusammenarbeit gekommen? Warum hatte es erst zu einem Schlagabtausch mit dem vermaledeiten Himmel kommen müssen? Der Verführer stieg pfeilschnell in die Höhe und überlegte, in welche Richtung er fliegen wollte. Lange musste er nicht überlegen. Die Westküste der USA war drei Stunden zurück. Dort konnte er sich noch ein wenig austoben, um Dampf abzulassen, bevor auch dort der Großteil der Bevölkerung Nachtruhe halten würde.

 


 

2.    Judith

 

Die letzten drei Monate waren die Hölle gewesen. Mitten im Highschool Abschluss hatte die Katastrophe begonnen. Judith Estelle Roserock lag blass und abgemagert bis auf die Knochen in einem weißen, großen Krankenhausbett und resümierte diese Zeit zum wiederholten Male:

 

Während sie für die Abschlussarbeiten gebüffelt hatte, hatte sie sich immer schwächer gefühlt und eine Infektion nach der anderen bekommen. Da sie ohnehin sehr schlank war, wurde sie innerhalb kurzer Zeit spindeldürr. Zuerst hatten ihre Eltern und auch sie das auf den Stress zurückgeführt, den Prüfungssituationen mit sich bringen und gehofft, dass sich der Zustand bald bessern würde. Doch er verschlechterte sich schleichend und beängstigenderweise scheinbar unaufhaltsam. Als ihre Mutter sie zu einem Naturmediziner schleppen wollte, weil sie am Ende ihrer eigenen Weisheit war, hatte sich Judith gesperrt und einen normalen Hausarzt vorgezogen. Ob zum Glück oder nicht, hätte Judith nicht sagen können. Jedenfalls hatte der Hausarzt bei ihr Leukämie –genauer „akute myeloische Leukämie“ oder AML – diagnostiziert. Der Schock der darauf bei Judith und ihren Eltern einsetzte, brauchte mehrere Tage, um sacken zu können.

Mary Jane Roserock hatte unter lautem Protest ihrer Tochter alle Talismane und Schutzsteine in das Zimmer von Judith zurückgetragen. Wie in Trance und sehr mechanisch wirkend hatte sie die Gegenstände so, wie sie früher gestanden, gelegen oder an der Wand gehangen hatten, verteilt. Der folgende, heftige Streit hatte bei Mary Jane einen Weinkrampf ausgelöst. Unter Schluchzen hatte sie hervorgebracht, dass sie die Leukämie nur hatte bekommen können, weil ebendiese Talismane und Schutzzauber nicht mehr in ihrem Zimmer gewesen waren um sie zu schützen. Judy hatte darauf verächtlich geschnaubt und die Arme vor der Brust verschränkt, ihre Mutter aber gewähren lassen, als die fortfuhr das Zimmer mit all dem esoterischen Kram wieder zuzupflastern. Wer war eigentlich der Patient?, war es ihr zynisch durch den Kopf gegangen. Nachdem ihre Mutter in schweigendem Triumph die Tür hinter sich geschlossen hatte, hatte sie all die vertrauten Dinge betrachtet und schwermütig gelächelt. Ihr war klar gewesen, dass ihre Mom es eigentlich nur gut mit ihr meinte. Und wenn es ihr half mit der Krankheit ihrer Tochter umzugehen. Sei es drum! Schaden konnte der Plunder nicht. Helfen aus Judiths Sicht aber auch nicht. Sie glaubte nämlich nicht an die ganze Voodoosoße, die ihre Eltern so gerne zelebrierten.

Am darauffolgenden Tag war die Therapie im Krankenhaus besprochen worden. Judith war heilfroh, dass sie wenigstens die Prüfungen geschafft und trotz aller Widerstände ein gutes Abschlusszeugnis erhalten hatte. Das angestrebte Studium in Krankenpflege musste sie allerdings auf unbestimmte Zeit verschieben. Vielleicht würde sie es gar nicht mehr aufnehmen können. Denn möglicherweise würde sie diesen Scheiß nicht überleben! Als ihr dies mit aller Deutlichkeit klar geworden war, waren auch ihre Dämme gebrochen. Sie hatte sich ihr Kissen vor den Bauch gekrallt, das Gesicht draufgelegt und sich die Seele aus dem Leib geheult. Sollte das schon alles gewesen sein?

 

Der Hausarzt hatte die Roserocks in das Krankenhaus mit der nächstgelegenen onkologischen Abteilung eingewiesen. Der Facharzt Dr. Dillon hatte so zuversichtlich auf die Familie gewirkt, dass sie wieder neue Hoffnung schöpfte. Er hatte erklärt, dass nach einer einleitenden Chemotherapie mit wohl zwei aufeinanderfolgenden Abschnitten eine Festigungstherapie folgte, an die sich eine Erhaltungstherapie von etwa einem Jahr Dauer anschließen würde. Sollte die Behandlung positiv verlaufen, wovon er aufgrund des Alters seiner jungen Patientin ausging, würde sie die Leukämie besiegt haben. Voller Zuversicht hatte Judith daraufhin ihren Aufenthalt auf der Krebsstation gestartet. Der Anblick der Patienten, die bereits seit ein paar Wochen Chemotherapie erhalten hatten, hatten ihr jedoch ein mulmiges Gefühl in der Magengegend verursacht. Ihr würde es bald genauso ergehen ...

Die Zytostatika hatten bei ihr mit vollem Erfolg gewirkt – mit Haupt- wie Nebenwirkungen, trotz abmildernder Medikamente. Judith war von Übelkeit und Erbrechen gequält worden, so dass sie weiter abnahm und vorsorglich über einen Zugang künstlich ernährt wurde. Ihr Spiegelbild hatte sie nach kurzer Zeit nicht mehr angesehen. „Leiche auf Urlaub“ war noch geschönt. Das Schlimmste aber war gewesen, dass ihr die Haare nach wenigen Tagen auszufallen begannen. Ihr Vater hatte ihr eine seiner Lieblings-Baseballmützen mitgebracht, die sie ihm zuliebe eine Weile trug. Weil ihre Mutter sich so hilflos fühlte, trug Judith ihr auf, eine weiche Häkelmütze aus dunkelbrauner Baumwolle anzufertigen. Die würde ihre Haarfarbe imitieren. Als die fertiggestellt war, hatte sich Judith ihren Eltern zuliebe an den Spiegel über dem zimmereigenem Waschbecken gestellt und sich darin betrachtet. Was für ein Schock!

Ihre Haut war nahezu weiß geworden und die Augen lagen tief in den Höhlen drin. Die braunen Sprenkel in ihren blaugrauen Augen hatten seltsam dumpf gewirkt. Am schlimmsten hatte sie jedoch die eingefallenen Wangen empfunden, die beredt von der Krankheit zeugten, die sie ertragen musste. Das war gestern gewesen...

 

Heute hatte Dr. Dillon ihr bei der Visite erzählt, dass sie Weihnachten zu Hause verbringen durfte. Die erste Therapie wäre überstanden. Sollte sich ihr Zustand jedoch wieder verschlimmern oder eine Infektion auftreten, hätte sie sofort wieder zu erscheinen. Judith hatte es ihm versprochen. Sie hing mehr an ihrem Leben, als sie es selbst für möglich gehalten hatte. Den Termin für die nächste Therapie bekam sie gleich mit und einen Arztbrief für Dr. Miller, ihrem Hausarzt. Anfang Februar würde die Tortur von Neuem beginnen.

 

Da klopfte es an der Tür.

„Herein!“

Es waren ihre Eltern, die sie abholen wollten. Judith blickte ihnen aufmerksam ins Gesicht, sie sahen ähnlich geschafft aus wie sie, aber hoffnungsvoll. Das ließ sie lächeln.

„Judy, Schätzchen!“, eilte Mary Jane an das Bett ihrer Tochter.

Vorsichtig nahm sie eine Hand und hielt sie, als wäre sie hochgradig zerbrechlich.

Ihr Vater George Abe stellte sich ans Fußende und umfasste zärtlich ihren Knöchel.

„Wir können los! Die Krankenschwester hat mir eben noch den Arztbrief für Dr. Miller reingereicht. Beim Packen der Tasche, müsst ihr mir leider helfen. Ich fühle mich wie ein ausgewrungener Waschlappen.“

„Kein Problem!“

Ihr Vater ging an den Spind, der über Wochen die wenigen Habseligkeiten seiner Tochter enthalten hatte und packte sie zusammen. Währenddessen half ihre Mutter ihr auf, sodass sie sich von ihrer Zimmernachbarin Laura verabschieden konnte. Sie würde über die Feiertage leider bleiben müssen. Ihre Ersttherapie hatte gerade erst begonnen. Krankheiten fragten eben nicht, ob die Zeit gerade passte oder nicht.

„Halt die Ohren steif, Laura! Schau mich Wrack an! Ich habe es überlebt und der Teufel soll mich holen, wenn ich die zweite Therapie nicht auch überstehe! Und du wirst es auch schaffen!“

Laura traten ungewollt Tränen in die Augen. Judith war ein Schatz gewesen und hatte ihr neuen Lebensmut eingehaucht.

„Ich wünsch dir schöne Weihnachten! Vielleicht sehen wir uns beim nächsten Aufenthalt wieder!“, würgte sie hervor.

Sie trug ein hellbraunes Tuch um den Kopf, um die bereits beginnende Glatze zu kaschieren. Sie hatte so schöne blonde, lange Haare gehabt.

„Lass dich wenigstens reich beschenken! Wir bleiben in Kontakt! Deine E-Mail und deine ICQ-Adresse habe ich ja.“, strich Judith ihr über den Arm.

„Ich freu mich auf deine erste Nachricht! Mach es gut!“

Laura drückte schwach die Hand, die auf ihrem Arm lag.

George Abe räusperte sich. Er war schon fertig.

„Wir können!“

„Bis bald, Laura!“

Leise schlossen die Roserocks die Tür hinter sich. Bei jedem Schritt in Richtung Ausgang hellte sich ihre Stimmung ein wenig auf.

 

Auf der Fahrt nach Hause schaute Judith aus dem Fenster, als wenn sie die Landschaft, die sich nach dem Ortsausgang der großen Stadt anschloss, zum ersten Mal sehen würde. Zuerst folgten eine Reihe von schwarz aussehenden Feldern, auf denen Reste des ersten Schnees zu sehen waren. Ein Fluss schlängelte sich rechts von ihr entlang. Von oben gesehen hätte die Gegend gewirkt, als wenn man mit riesigen Murmeln Rillen gezogen hätte. Mitten in dieser merkwürdig anmutenden Region befand sich der Ort, in dem sie wohnte. Ihre Eltern hatten sich, als sie noch klein war, hier angesiedelt. Alles Notwendige an Infrastruktur war da, aber auch nicht mehr. Als sie in die Straße einbogen, in der ihr Haus stand, kam Judith Nicolas, ihr einziger echter Freund aus ihrer Schulzeit und Nachbarssohn, in den Sinn. Ob er zu Hause war? Sie hoffte es. Sie hatte ihre Eltern zwar wirklich lieb, doch Nicolas stand fester mit den Beinen auf der Erde als sie. Dabei bezog sich Judith auf die Lebenseinstellung von Mary Jane und George Abe. Die Beiden hatten sich auf einem Workshop über die Wirkung von Edelsteinen kennen gelernt. Seitdem waren sie unzertrennlich gewesen und hatten gemeinsam alle weiteren Workshops und Seminare besucht. Nachdem sie geheiratet hatten und Judith geboren war, hatten sie ihre Tochter überall mit hingeschleppt. Judith hatte so von klein auf alle spirituellen Irrungen und Wirrungen ihrer Eltern mitbekommen. Mit Eintritt in die Pubertät hatte sie einen Koller bekommen und sich geweigert, weitere abgedrehte Lehren zu hören und sich mit Nicolas und seinen Eltern arrangiert. Er wurde zu ihrem Anker, wenn sie flüchten musste. Es hatte Tage gegeben, da hatte Nicolas mehr in ihr als eine Freundin sehen wollen. Judiths Inneres hatte sich gewunden. Tagelang hatte sie ihr Hirn zermartert, wie sie ihm am besten erklären konnte, dass er ihr bester Freund, aber nicht der Freund sein konnte? Sie hatte überhaupt keine Lust auf zwischenmenschliche Beziehungen gehabt und hatte sie auch jetzt nicht. Nicolas hatte es mühsam begriffen, sich aber nicht dazu entschließen können, sich anderswo eine Freundin zu suchen.

Als sie auf die Auffahrt fuhr, bemerkte sie ein ungewohntes Auto auf der Einfahrt von Nicolas’ Haus. Ihr Herz machte einen Sprung. Ob er sich ein eigenes zugelegt hatte? Langsam stieg sie aus und ließ ihren Blick über den eigenen Vorgarten schweifen. Der Rasen war kurz und ein schwarzer Streifen zum Gehweg zeigte an, wo im Frühjahr und Sommer Blumen standen. Ein gepflasterter Querweg führte von der Auffahrt direkt am Haus entlang und traf sich mit den Platten, die vom Gehweg aus verlegt waren, direkt vor dem Eingang. Während ihr Vater die Reisetasche aus dem Kofferraum holte, schloss ihre Mutter die weißgestrichene und mit einem grünen Kranz dekorierte Haustür auf.

„Willkommen zurück!“, wies sie einladend hinein und unterdrückte mühsam die aufsteigenden Freudentränen.

„Danke!“, nickte Judith ihr zu.

Beinahe befangen betrat sie das Haus. Ehe sie den Parka selbst ausziehen konnte, half ihr Vater ihr und hing ihn auf einen Bügel an der Garderobe. Verlangend sah Judith die Treppe hinauf. An ihrer Zimmertür war ein rotumwundener Mistelzweig befestigt.

„Geh nur!“, nickte ihre Mutter ihr zu.

„Wir kümmern uns um alles hier und rufen dich, wenn es Essen gibt!“, fügte ihr Vater hinzu.

Die Erwähnung von Nahrung ließ Judith in sich hineinhorchen. Als ihr Magen ruhig blieb, atmete sie auf. Die Aussicht auf normales Essen löste in ihr sogar ein wenig Euphorie aus.

„Danke!“, wiederholte sie sich und schlich die Stufen hoch.

Mary Jane und George Abe blickten ihr halb glücklich halb sorgenvoll hinterher, bis sie in ihrem Zimmer verschwunden war. Es wird alles gut!, redeten sie sich ein.

 

An diesem Abend hatte Judith das erste Mal in ihrem Leben das Gefühl nicht allein zu sein, obwohl niemand in ihrem Zimmer sein konnte. Die Gegenwart fühlte sich merkwürdig tröstlich und beschützend an. Hatten ihre Eltern damit etwas zu tun? Oder spielte ihr Geist ihr einen Streich?

 


 

3.    Milon, der besorgte Schutzengel

 

Achtzehn Erdenjahre lang hatte Milon als Schutzengel eine relativ ruhige Kugel schieben können. Er wusste jedoch, dass dies nur so etwas wie eine Atempause war. Seinem Schützling Judith würden in diesem Leben bald Dinge bevorstehen, die man ihr vor Beginn dieser Inkarnation wohlweislich verschwiegen hatte. Von der schweren Krankheit, die sie gerade durchmachte, hatte sie jedoch Kenntnis besessen. Judith hatte das Krebsleiden nach anfänglichen Schrecken angenommen und sich dem gestellt. Die Leukämie würde sie im Nachhinein zäher und stärker machen, als sie ohnehin schon war, befand Milon. Gerade diese Eigenschaften würde sie in naher Zukunft nötig brauchen. Judiths Schicksal würde sich bald vollenden. Ihr Schutzengel war sich im Klaren, was das bedeutete und er hatte Angst davor. Für sich und für Judith.

Als sie vor ein paar Wochen ins Krankenhaus kam, wurde er trotz all seiner Sorgen auf Ereignisse in Judiths Umfeld aufmerksam, die ihn hatten aufhorchen lassen. In diesem und in anderen Krankenhäusern der Region stieg der Anteil an dunklen Energien deutlich an. Was hatte das zu bedeuten? Wenig später, sprach ihn ein „Kollege“ an. Er war, gelinde gesagt, missgestimmt.

 

Der Schutzengel einer jungen Ärztin nahm ihn beiseite und sah ihn beinahe anklagend an.

„Milon?“

„Was ist los, Mesah?“

„Bist du nicht einer der Schutzengel von den Frauen, die vor langer Zeit mit den gefallenen Wächterengeln liiert waren?“

„Ja! Judith war einst mit Semjasa zusammen.“

„Nun gut! Dann höre, was ich dir im Namen vieler anderer Schutzengel zu sagen habe. Hast du die dunklen Energien in der Nähe wahrgenommen?“

„Wie könnte ich nicht?“

„Es handelt sich dabei um eine ganze Horde von dunklen Seelen, die in die Gedanken vieler Frauen eingedrungen sind. Alle üben einen gesundheitsbezogenen Beruf aus, haben dunkle Haare, braune Augen und sind etwa Mitte zwanzig. Klingelt da was bei dir?“

„Oh nein!“, schlug sich Milon mit einer Hand vor den Mund.

„Oh doch! Wir nehmen an, dass man im Finsteren Reich nach deiner Judith sucht. Wir haben uns deshalb mit Metatron in Verbindung gesetzt und nachgehakt.“

„Und?“, fragte Milon bang.

„Er und Michael informierten uns, dass zwei Wächterengel wiedererstanden sind – mit Hilfe der Seelen der damaligen Frauen. Nekael und Asasel sind in die Reihen der Lichtengel zurückgekehrt.“, teilte Mesah ihm kühl mit.

„Das heißt, dass die Finsteren nach Judith suchen, um sie daran zu hindern, Semjasa zu helfen!?“

„So ist es! Die Schutzengel aller Frauen, die bisher von dunklen Geistern überfallen worden sind, bitten dich, dich mit Metatron in Verbindung zu setzen. Das Erscheinen dieser dunklen Geister ist unnatürlich und muss gestoppt werden. Unsere Schützlinge sind, wenn auch unbewusst, in Angst und Schrecken versetzt worden. Das muss ein Ende haben!“, forderte Mesah.

Milon blickte Mesah kummervoll an. Ausgerechnet jetzt! Judith ging es denkbar schlecht. Doch er konnte die anderen Schutzengel nur zu gut verstehen.

„Ich kümmere mich darum!“, versprach er.

„Gut! Dann kehrt hoffentlich bald wieder Ruhe in dieser Sache ein! Bis dann!“, neigte Mesah sein Haupt und kehrte auf direktem Wege zu seinem eigenen Schützling zurück.

 

Von der Nachricht war Milon erschlagen. Er hatte gehofft, dass Judith mehr Zeit gelassen worden wäre, bis sie sich dieser, ihrer Aufgabe stellen musste – und ihm auch. GOTT hatte anscheinend eine andere Vorstellung davon, was passend war. Trotz der Dringlichkeit der Bitte Mesahs wartete er aus Sorge um Judith noch ein paar Tage, bis er sich mit Metatron in Verbindung setzte. Der lud ihn zu sich ein. Als Milon noch vor seinem Besuch nach der Sicherheit von Judith während seines Aufenthaltes in der Engelwohnstatt fragte, wurde er beruhigt. Judith würde nach menschlichen Maßstäben besser bewacht werden als das berühmte „Fort Knox“. Die Antwort verwirrte ihn. Stand Judith in diesem Leben unter besonderem Schutz? Und wenn ja, seit wann? Er hatte davon bisher nichts mitbekommen. Warum? Antwort auf all seine Fragen gab ihm Uriel.

 

Milon materialisierte vor dem Tor zu Metatrons Residenz und klopfte an. Der Engel, der ihm öffnete, bat ihn freundlich herein und begleitete ihn bis zur Tür von Metatrons Thronsaal. Der Oberste Engel sah ihm  erwartungsvoll entgegen. Überrascht bemerkte Milon die Anwesenheit von Uriel und Zadkiel an Metatrons Seite. Er hatte zwei andere Erzengel dort erwartet: Michael und Raphael. Seine Frage stand ihm nicht nur im Geist, sondern auch offen auf der Stirn.

„Willkommen, Milon! Ich bin Michaels Vertretung.“, lächelte Uriel ihn an.

„Bitte?“, entfuhr es Milon.

„Meine rechte Hand ist mit Raphael und Gabriel auf der Hochzeit von Asasel und Saphira eingeladen.“, erklärte Metatron.

„Als Gäste?“, fragte Milon verwundert.

„Ja, als Gäste!“, seufzte der Oberste Engel.

„Es sind neue Zeiten angebrochen, Milon! Auch du wirst das sehr bald am eigenen Leib erfahren!“, orakelte Zadkiel.

„Du bist aus Sorge um Judith gekommen! Sprich!“, kam Metatron gleich zur Sache.

Ungewöhnlich, dachte Milon bei sich! Der Oberste Engel war früher nicht so direkt gewesen...

Er räusperte sich, um sein Erstaunen zu überspielen.

„Vielleicht wirke ich ein wenig übereilt, was meinen Schützling angeht. Judith ist bis jetzt nichts Ungeplantes zugestoßen. Aber in ihrer Nähe sind verstärkt dunkle Seelen aufgetaucht, wie euch sicher von Mesah berichtet worden ist. Er hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Finsteren Judith suchen würden und dabei junge Frauen angreifen, die das Pech haben der Inkarnation Judiths zu ähneln, in der sie mit Semjasa zusammen gewesen war. Der Schutzengel Mesah forderte von mir, mich um die Sache zu kümmern.“

„Hört sich nach einer Aufgabe für Asasel an.“, bemerkte Zadkiel.

„Wieso Aufgabe für Asasel?“ Milon blickte geradezu verdattert drein.

„Er ist wieder in Form eines Wächterengels eingesetzt und ahndet Übertretungen der Abmachung auf Seiten der Finsternis.“

„Auf Seiten der Finsternis? Mesah hat mir gesagt, dass er wieder ein Lichtengel ist!“, kam es verständnislos von Milon.

Metatron lächelte mitleidig. Er konnte Milons Verwirrtheit so gut nachvollziehen.

„Sowohl Nekael als auch Asasel sind zur Hälfte Dunkle Engel geblieben, damit sie rebellische Finstere direkt zurück ins Reich verfrachten können. Sie unterstehen damit sowohl Metatron als auch Luzifer.“. erklärte Uriel und wartete gespannt auf Milons Reaktion.

Die kam prompt. Milon entgleisten geradezu die Gesichtszüge. In ihm arbeitete es. Es konnte keine Engel geben, die gleichzeitig beiden Seiten dienten. Die Dualität ließ das nicht zu. Niemand und Nichts konnte Licht und Finsternis gleichzeitig repräsentieren. Oder etwa doch?

„Oder doch, Milon!“, sprach Metatron.

Sein ganzes Mitgefühl hatte er in diese Worte gelegt. Das „Warum?“, welches Judiths Schutzengel darauf überdeutlich auf der Stirn stand, wurde erneut von Uriel aufgegriffen.

Er erzählte ihm in knappen Worten die jüngste Geschichte von Nekael und Lea, sowie Asasel und Saphira. Sprachlos und ungläubig lauschte Milon seinen Worten. In ihm entstand das Verlangen, sich selbst von den Fakten zu überzeugen, auch wenn er wusste, dass Uriel die Wahrheit sprach, denn wahre Lichtengel logen niemals.

Er zählte innerlich auf, was der Erzengel ihm an nachzuprüfenden Daten genannt hatte: Wiederverkörperte Wächterengel im Stand von Erzengeln, die allen Ernstes Metatron und Luzifer dienten, Lea und Saphira unsterblich und als Kanal der Herrlichen Sieben. Ihm wurde heiß und kalt. Wenn das wirklich den Tatsachen entsprach, was stand Judith in GOTTES Namen bevor?

„Judith wird in naher Zukunft eingeweiht werden müssen, Milon.“, unterbrach Zadkiel seinen Gedankengang.

Uriel schien lächelnd in sich selbst versunken zu sein.

 

„Asturel?“

„Was gibt es?

Der Ton des Angesprochenen klang bang.

„Ruhig Blut, Hüter der Wächterengelfrauen! Es ist Nichts passiert. Zumindest noch nicht!“, besänftigte der Erzengel ihn.

„Wie meinst du das?“

„Na ja! Milon steht hier vor mir. In Judiths weiterer Umgebung passieren in jüngster Zeit eine Menge merkwürdiger Dinge. Als Schutzengel einer Wächterengelfrau hat er richtig geraten und ist deswegen zu Metatron geeilt und hat um Hilfe gebeten. Die Dunkle Seite beginnt sich zu rühren. Du und die neuen Erzengel Luzifers werden demnächst alle Hände voll zu tun haben, schätze ich.“

„Ich komme!“, erwiderte Asturel knapp.

„Nicht nötig! Es wird sehr bald eine Besprechung bei Metatron mit allen himmlischen Beteiligten geben. Halte dich nur bereit! Und teile das den anderen Engeln in deiner Nähe mit!“, trug Uriel ihm auf.

„Mache ich!“, beendete Asturel das Gespräch.

 

Milon hatte jedes Wort mitgehört.

„Asturel ist tatsächlich Führer einer übergeordneten Schutzengelgruppe? Sorgt er für Judiths Schutz solange ich hier bin?“

„Zweimal ja!“, nickte Metatron. „Und um dir die anderen unausgesprochenen Fragen auch noch zu beantworten. Sie wird seit ein paar Wochen verdeckt von seinen Engeln und auch aus dem Überwachungsraum beobachtet. Asturel hat dich bewusst nicht kontaktiert, um keine Aufmerksamkeit auf Judith zu lenken.“

„Warum?“

„Er möchte nicht, dass die Finsteren zu früh auf deinen Schützling aufmerksam werden.“

„Danke! Das ist rücksichtsvoll. Nur wenn ich das richtig verstehe, wird Judith zwangsläufig bald die Aufmerksamkeit der Finsteren erregen.“

„Das ist richtig! Darum werden wir im Vorfeld eine Konferenz mit allen betroffenen Engeln des Himmels abhalten, um ein gemeinsames Vorgehen zu besprechen.“

„Werden Lea und Saphira auch mit dabei sein?“, wollte Milon wissen.

Er nahm sich vor, die Frauen zu befragen, um für Judith die Lage zu erkunden.

„Ja! Sie und die Menschenfrau Maja. Sie ist Asturels Gefährtin.“, erklärte Uriel.

„Habe ich noch mehr verpasst?“, rutschte es Milon ein wenig ironisch heraus.

„Nein!“, lachte Zadkiel ihn freundschaftlich an. „Aber du kannst Mesah sagen, dass Uriel und ich verdeckt einen Teil unserer Legionen in eure Nähe schicken werden. Die hohen Schwingungen werden die finsteren Seelen vergraulen.“

„Nochmals danke! Wann soll die Konferenz wegen Judith stattfinden?“

„Übermorgen!“

„Warum erst dann?“, fühlte Milon auf einmal Dringlichkeitsgefühle in sich aufsteigen.

„Aus Rücksicht auf Asasel und Saphira.“, erklärte Zadkiel.

„Na gut! Ruft mich bitte, wenn alle versammelt sind.“

„Judith wird kein Leid widerfahren! Sie ist viel zu wichtig!“, beruhigte Uriel Milons Unruhe.

Milon verbeugte sich statt einer Antwort vor Metatron und den Erzengeln. Sein Gesicht zeigte eine Mischung aus Ungeduld und Erleichterung.

„Bis übermorgen!“, verabschiedete er sich.

Nach Metatrons zustimmendem Nicken sprang er auf direktem Wege zu Judith zurück. Neugierig versuchte er die Engel zu orten, die Judith verdeckt beschützten. Nichts! Die Engel hatten ihre Energien total abgeschirmt.

„Danke, Kameraden!“, dachte er absichtlich laut.

Er erhielt zwar keine direkte Antwort, aber ein Gefühl von Freundschaft umgab ihn diffus. Das reichte. Angstfrei suchte er Mesah auf und informierte ihn, dass zum Schutz sämtlicher Frauen der Region Engel aus den Legionen Zadkiels und Uriels auftauchen würden. Kaum hatte er das getan, waren gleichmäßig verteilt Quellen hoher Schwingungen auszumachen.

„Hab Dank, Milon! Das werden wir dir nicht vergessen!“

„Das war das Mindeste, was ich für euch als Wiedergutmachung tun konnte.“, erklärte Judiths Schutzengel schlicht.

Ohne Umschweife sprang er zurück zu ihr und sah, dass sie mit ihren Eltern und Nicolas am Tisch saß und das erste Mal seit Wochen mit Appetit aß. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihm aus. Er spürte in ihren Körper hinein. Im Augenblick waren alle Leukämiezellen fort. Jetzt mussten sich nur noch die normale Zellen regenerieren und das Immunsystem erholen.

Mehr später, bzw. wenn der Roman fertiggestellt sein wird. Wann, kann ich überhaupt noch nicht sagen. Es gibt leider zu viele Dinge, die vor dem Schreiben kommen (müssen). Grobe Schätzung in 1,5 bis 2 Jahren.