Die Legende der Wächterengel

Lea und Nekael - Verbotene Liebe

Die Probekapitel

 

Leas Kinderjahre

  

 

 

Denn ER hat seinen Engeln befohlen,

dass sie dich behüten, auf allen deinen Wegen,

dass sie dich auf den Händen tragen

und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

(Psalm 91, Vers 11 und 12)

 

 

 

4. Der Beginn eines neuen Lebens

 

Lea schwebte als helle, körperlose Form über der dunkelblonden Frau, die im Kreißsaal auf dem großen Bett lag und ihre Mutter werden würde. Sie lag in den Wehen. Dicke Kissen stützten ihren Rücken. Zwei in weiß gekleidete Frauen standen an der Seite ihrer zukünftigen Mutter und beschäftigten sich mit ihr und dem noch Ungeborenen - dem Wesen, dem sie Seele sein würde

Hochkonzentriert waren Ärztin und Hebamme bei der Arbeit, um dem neuen Erdenbürger auf die Welt zu helfen. Die Hebamme schaute immer wieder auf den Monitor, um die Herztöne des Babys zu kontrollieren. Die Ärztin beobachtete aufmerksam die Gebärende. Neben dem Kopf ihrer Mutter saß ihr dunkelhaariger Vater auf einem Stuhl. Er hielt besorgt die Hand seiner Frau und blickte gespannt abwechselnd vom Monitor zur Hebamme und von der Ärztin zu seiner Frau. Man merkte ihm an, dass er nervös war, sich hilflos fühlte und gerne seiner Frau etwas von den Schmerzen abgenommen hätte, die sie in Wellen schüttelten, wenn wieder eine Wehe im Anmarsch war. Es war dennoch eine ruhige, angenehme Atmosphäre im Raum, da die beiden Frauen in Weiß alles routiniert im Griff hatten.

Lea schwebte nicht allein über dem Geschehen. Sie war von anderen lichtvollen Wesen umgeben, die sie auf dem Weg in dieses Leben begleiteten. Es waren ihr persönlicher Schutzengel und weitere Engel, die sie als Schutz umgaben. Ihr helles Licht spendete Lea Sicherheit und ein Gefühl von Geborgenheit. Die Menschen unter ihnen konnten sie nicht wahrnehmen. Sie spürten nur die Ruhe, die sie verströmten. Gleich würde der Moment kommen, in dem Lea sich mit dem werdenden Leben unter ihr vereinen musste. Aufregung erfasste sie und Angst.

„Ich werde immer in deiner Nähe sein und dir helfen, wenn du mich brauchst.“, tönte es sanft in ihrem Kopf.

„Ich weiß!“, brach es aus ihr hervor. „Aber ich habe Angst vor dem, was in diesem Leben geschehen soll.“

„Niemand zwingt dich, etwas zu tun, zu dem du nicht bereit bist.“, redete ihr Schutzengel auf sie ein.

Die Wehen wurden stärker und Lea spürte, wie sie langsam und unaufhaltsam zu dem kleinen Körper hingezogen wurde. Sie zögerte noch.

„Toll! Und was ist, wenn ich es nicht schaffe? Es ist eine so schwierige Aufgabe. Wäre es nicht besser gewesen, damit einen Engel zu betrauen? Ich fürchte mich davor. Wie kommt GOTT auf eine so abstruse Idee, dass ein Mensch einen Dunklen Engel ins Licht zurückführen könnte?“ Es klang verzweifelt.

„GOTT wird dafür seine Gründe haben. Auch uns teilt ER nicht immer alles mit. Denk an David und Goliath! Auch scheinbar schwache Wesen können über starke Wesen siegen. Du musst einfach daran glauben, dass GOTT es dir ermöglicht, diese Aufgabe zu bewältigen. Sonst hätte er sie dir nicht gestellt!“

„Ja, ja! Glaube versetzt Berge! In seinem Zustand bringt dieser Engel es wahrscheinlich fertig, mich zu einem Wesen der Dunkelheit zu machen!“ Das kam fast anklagend.

Einer der Lichtwesen hüllte sie in sein Licht ein und versuchte sie zu beruhigen.

„Erst wenn du weit genug bist, dass er sich dir nähern kann, ohne dass er dich mit in die Dunkelheit reißt, wirst du Kontakt zu ihm aufnehmen dürfen. Das haben wir doch alles miteinander besprochen! Ich und die anderen Engel, die dir als Schutz zugeteilt sind, werden dich vor allen Gefahren bewahren und deine Gegenwart für die „Gefallenen“ hier auf der Erde verschleiern, bis der Zeitpunkt gekommen ist, deine Aufgabe zu beginnen.“

Leas körperlose Form wurde immer länger und sie begann durch den Bauch ihrer Mutter in das kleine Mädchen zu fließen.

„Ihr habt gut reden! Von euch muss sich auch keiner in einen Körper begeben und wieder von vorn anfangen. Außerdem ist es sehr lästig, jedes Mal alles vergessen zu müssen!“, beschwerte sie sich.

Fast war Lea schon vollends in den kleinen Körper geschlüpft, der ihr im Moment noch sehr eng vorkam und mit Macht begann sie zu fühlen, wie das kleine Mädchen, dem sie nun Seele sein würde, darum kämpfte, auf die Welt zu kommen. Sie spürte die schnellen, heftigen Herzschläge, des kleinen Körpers, den sie bewohnen sollte und Panik stieg in ihr auf. Wenn sie verzweifelt hätte gucken können, so wäre dies der richtige Moment gewesen. Das Letzte was sie wahrnahm, bevor sie vollends mit dem kleinen Wesen verschmolz, waren die liebevollen „Gesichter“ ihrer Begleiter, die ihr Mut zu machen schienen, dem Schicksal, das ihr zugedacht war, entgegenzugehen.

Die Presswehen waren in vollem Gange und Lea kämpfte mit dem kleinen Mädchen, oder vielmehr als das kleine Mädchen, auf die Welt zu kommen. Unter großer Anstrengung quälte sie sich durch den engen, dunklen Kanal. Nach einer weiteren Wehe wurde es kalt und hell um sie herum und sie fühlte sich von Händen emporgehoben und beäugt. Sie schlug ihre Augen auf und holte das erste Mal in diesem Leben Luft. Sie schrie aus Leibeskräften und schloss geblendet gleich wieder ihre Augen. Das Entfalten der Lungenflügel beim ersten Atemzug war anstrengend und schmerzhaft. Als der Schmerz nachließ, öffnete sie die Augen erneut und nahm über sich mehrere helle Flecken war, die ihr irgendwie Geborgenheit, Liebe und Zuversicht vermittelten.

Als sie abgenabelt, gewaschen und in weiße Tücher eingewickelt neben ihrer Mutter lag, schaute diese sie erschöpft, aber glücklich an. Der frischgebackenen Mutter fielen die großen wachen Augen ihrer Tochter auf und sie dachte: „Als wenn sie schon alles wüsste und mehr sehen könnte als ich.“

Ein weiteres Gesicht tauchte neben dem der Mutter auf, dass sie freundlich und neugierig betrachtete. Die zugehörige Stimme war tief und aufgewühlt, als sie sich an das Baby wandte: „Willkommen auf der Welt, kleine Lea! Wir freuen uns auf ein Leben mit dir!“

Sanft streichelte der Vater seiner Tochter über den Kopf.

Wie die Eltern wissen konnten, wie ihr Name war? Engeln fällt es leicht, den Menschen etwas einzugeben, wenn diese nach etwas suchen...

„Ist sie nicht hübsch?“, fragte die Mutter. „Sie sieht genauso aus wie du, Alexander.“

„Wie willst du das denn jetzt schon erkennen können?“ Er sog den Anblick seiner kleinen Tochter förmlich in sich hinein. „Sie ist wunderschön!“, Alexanders Stimme zitterte vor Rührung. „Und wenn sie groß ist, wird sie dir wie aus dem Gesicht geschnitten sein, Yvonne.“

„Wenn du meinst! Aber sie wird deine Haarfarbe haben.“, wies sie auf den dunklen Flaum. „Sieh nur, die kleinen Händchen und Füßchen. Es ist kaum vorstellbar, dass aus ihr mal eine Erwachsene werden wird. Wie eine Puppe! Hoffentlich tue ich ihr nicht weh beim Wickeln.“

„Für eine Puppe sieht sie aber ziemlich lebendig aus.“, grinste Alexander

„Das Wickeln werden sie schnell lernen und so zerbrechlich, wie sie im Augenblick meinen, sind Babys nicht. Da brauchen sie keine Angst zu haben.“, beruhigte die Hebamme Yvonne.

Lea wurde unruhig, sie verspürte ein Ziehen im Magen. Hunger? Hunger! Oh, nein! Sie verzog ihr Gesicht und begann zu schreien. Wie sonst sollte sie sich auch bemerkbar machen?

Alexander half Yvonne, sich auf dem Bett aufrechter hinzusetzen und sah zu, wie die Hebamme Mutter und Kind zueinander brachte. Gierig nahm Lea die große Brustwarze in den Mund und saugte mit kräftigen Zügen daran, was bei Yvonne ein heftiges Ziehen in der Brust auslöste. Schmatzende Geräusche verkündeten, dass auch wirklich Milch aus der Brustwarze floss.

Nicht lange danach lag Lea zufrieden schlummernd im Arm ihrer Mutter und schlief ihrem neuen Leben entgegen.

 

 

 

5. Leas Kindheit

 

Kaum befand sich Lea mit ihrer Mutter zu Hause, als ihr Gedächtnis so blank wie bei allen Neugeborenen war. Sie lernte die Welt mit all ihren Sinnen ganz von neuem kennen. Die Erinnerungen an die Engel, die sie bei ihrer Geburt begleiteten, verloren sich. Auch konnte sie diese nicht mehr direkt wahrnehmen, wenn diese sie besuchten, um nach ihr zu sehen. Dennoch gab es in ihrem jungen Leben ab und zu etwas, das scheinbar nicht ganz mit rechten Dingen zuging.

Als Lea etwa drei Monate alt war, trug sich folgendes zu:

Ihre Mutter hielt sich nach dem morgendlichen Babyalltag zu einem Kaffee in der Küche auf, als sie hörte, wie ihre kleine Tochter erwachte. Auf leisen Sohlen, um sich nicht sofort bemerkbar zu machen, schlich sie zu der nur angelehnten Tür und schielte zu dem links von der Tür stehenden Kinderbett. Lea war gerade aufgewacht und hatte noch „Schlafäugelein“. Sie schien sich selbst etwas zu erzählen, schaute dabei aber ziemlich intensiv an eine Stelle in der Luft vor ihrem Bettchen. Es wirkte irgendwie wie eine Unterhaltung mit jemandem, der nicht da war. Ihr Zimmer befand sich in südlicher Ausrichtung und die späte Morgensonne schickte helle Strahlen in Leas Zimmer. Auf dem Teppich war auf diese Weise ein Schattenbild des Fensters zu sehen. Dennoch schien es, als sei es nicht der Sonnenstrahl, der Leas Interesse geweckt hatte. Dass Yvonne mit ihrer Annahme gar nicht so falsch lag, konnte sie ja nicht wissen und geglaubt hätte sie es auch nicht, sondern sich für nicht ganz zurechnungsfähig gehalten, da sie in letzter Zeit durch ihre Tochter ziemlich ausgelaugt war. Sie hatte immer noch ihr Nachthemd und ihren Bademantel an. Sie war müde wegen der durchbrochenen Nächte, die Lea ihr bescherte und hatte Ringe unter den Augen. Ihre dunkelblonden schulterlangen Haare, die sie mit einem dünnen Haargummi zu einem einfachen Zopf gebunden hatte, sahen aus, als hätte sie sich gerade erst noch im Bett gewälzt. Zum Kämmen war sie an diesem Tag noch nicht gekommen. Die sonst glänzenden blaugrauen Augen blickten trübe aus ihrem blassen, hübschen Gesicht. Daher kam ihr alles ganz normal vor

„Na, mein Schatz? Ausgeschlafen?“ fragte Yvonne und betrat das Zimmer „Unterhältst du dich etwa mit einem Sonnenstrahl?“.

Lea zuckte zusammen, als ihre Mutter sie ansprach. Es schien, als wenn sie in Gedanken weit weg gewesen wäre. Sie hatte ihre Mutter gar nicht bemerkt. Als sie ihr ins Gesicht sah, lächelte sie süß, wie es nur Babys können; jenes Lächeln, das einem als Mutter das Herz übergehen und die Strapazen der Babyzeit vergessen lässt. Yvonne nahm ihre Tochter aus dem Bettchen heraus, drückte sie an ihre Brust und gab ihr einen Kuss auf den flaumigen, braunen Haarschopf, der ihr inzwischen wuchs. Liebevoll sah sie ihr in die großen Augen, deren Farbe noch immer undefinierbar war. 

Mit etwa neun Monaten hatte Lea des öfteren Einschlafprobleme und weinte sich so manches mal in den Schlaf. Waren es Zahnungsbeschwerden, Bauchweh, Angst etwas zu verpassen oder nur Übermüdungserscheinungen? Wer konnte das schon sagen? Jedenfalls passierte folgendes:

Yvonne hatte Lea am frühen Abend zum Schlafen hingelegt und war aus dem Zimmer gegangen. Lea schien keine Lust zum Schlafen zu haben. Sie schrie und auch nach einer Viertelstunde war sie immer noch nicht ruhig. Der Spruch von Yvonnes Mutter: „Babys müssen vor dem Einschlafen noch „Spazieren“ gehen!“, ging ihr durch den Kopf. Sie schüttelte in stummer Verzweiflung den Kopf, weil sie Leas Schreien nicht mehr aushielt. Gerade wollte sie ins Kinderzimmer eilen, als sie an der Türschwelle stehen blieb, als ob sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen wäre. Lea war schlagartig verstummt und vor ihrem kleinen Bett schwebte ein helles Licht. Ein Ausläufer des Lichtes schien sie zu berühren.

Yvonne schlug sich eine Hand vor den Mund um nicht erschrocken aufzuschreien. Sah sie auf einmal Gespenster? Sie drehte sich auf dem Absatz um, lief zum Wohnzimmer und bat Alexander, der gerade etwas fern sah, mit zum Kinderzimmer zu kommen.

„Was ist denn?“, fragte er mit gerunzelter Stirn, als Yvonne ihn aufgeregt an der Hand hinter sich herzog.

„Das musst du sehen!“, erwiderte sie knapp und schob ihn zur Tür des Kinderzimmers.

„Was muss ich sehen?“, kam es mit einer hochgezogenen Braue und einem halbamüsierten Blick aus seinen braungrünen Augen zurück. Er hatte die gleiche Haarfarbe seiner Tochter, ein sattes Dunkelbraun.

„Die Lichterscheinung an Leas Bett! Ich habe ein helles Licht an ihrem Bett schweben sehen und es schien sie zu berühren. Siehst du es auch oder habe ich Halluzinationen?“

Verständnislos schaute Alexander in das Zimmer.

„Ich sehe nur abendliche Sonnenstrahlen, die zwischen den Wolken hindurchscheinen und an der Wand ein Schattenbild der Büsche draußen projizieren. Ein schönes Bild! Sonst ist nichts Besonderes zu sehen! Du musst einer optischen Täuschung erlegen sein, mein Schatz!“ Er sah Yvonne prüfend an.

„Vielleicht bin ich nur müde und habe mir das eingebildet. Aber es sah wirklich für mich so aus, als wenn dort ein Gespenst oder sonst irgendetwas an Leas Bett wäre. Ich hab mich total erschrocken!“ Yvonne sah noch etwas blass um die Nase aus und ihr Atem ging noch recht schnell.

„Ich gebe dir einen Rat, Yvonne.“, Alexander nahm sie in den Arm und beugte sich zu ihr hinunter, um ihr in die Augen zu sehen. „Geh schlafen und ruh dich aus! Unsere Kleine schafft dich ganz schön.“

Yvonne legte ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes, schmiegte sich an ihn und schloss für einen Moment lang die Augen. Durch die Nase sog sie seinen beruhigenden Duft tief in sich ein. Anschließend legte sie den Kopf in den Nacken, nahm sein Gesicht in beide Hände und drückte ihm einen Kuss auf den Mund.

„Danke, Alexander!“, ertönte es wie ein Stoßseufzer aus ihrer Brust.

„Einmal muss ich aber noch in Leas Zimmer, um mich zu überzeugen, dass da wirklich nichts ist.“

Sie drückten sich noch einmal und Yvonne betrat mit Alexander das Zimmer. Lea war inzwischen fest eingeschlafen und bemerkte ihre Eltern gar nicht.

„Dieses kleine Wesen kann ein ziemliches Nervenbündel aus einem machen.“, entfuhr es Yvonne seufzend.

„Besonders aus dir!“ scherzte Alexander, drehte sich um und ging zurück ins Wohnzimmer, um weiter fern zu sehen. Zögernd verließ Yvonne Leas Zimmer, schaute noch einmal zurück und machte sich, wie versprochen, für das Bett zurecht. 

Danach passierte lange nichts Aufregendes mehr und der Vorfall geriet in Vergessenheit.

Als Lea drei Jahre alt war, hatte sie sich zu einem niedlichen Mädchen mit gut schulterlangen Haar entwickelt, das ihr Gesicht mit einer leichten Naturwelle, wie bei ihrem Vater, umspielte. Ihre Augen hatten sich immer noch nicht entscheiden können, welche Farbe sie annehmen wollten. Je nach Lichteinfall kam jede Farbe darin vor. Besonders interessant sahen sie bei schräg einfallendem Morgen- oder Abendlicht aus. Dann wirkten sie wie die Augen eines Uhus, bernsteinfarben. Lea saß selbstvergessen in ihrem Zimmer und spielte mit ihren Kuscheltieren am Boden. Yvonne lugte durch einen Türspalt in ihr Zimmer, um zu sehen, was sie machte. Stille kleine Kinder waren oft ein Zeichen von unerwünschter Aktivität, wie sie mittlerweile mehrmals entnervt oder lachend feststellen musste. Ihr bot sich aber kein Bild von kindlicher Kreativität, für die Erwachsene so gar kein Verständnis aufbringen können. Ihr kleines Mädchen saß friedlich vor ihren Kuscheltieren, die an ihrem mittlerweile großen Bett lehnten. Lea redete laut mit ihren stummen Spielkameraden. Sie hatte früh angefangen zu sprechen, was ihre Eltern begeistert zur Kenntnis nahmen. Mit zwei Jahren sprach sie sauber die Worte aus und mit zweieinhalb bildetet sie ganze, wenn auch noch kurze Sätze. Mit drei Jahren hatte sie daher schon einen beträchtlichen Wortschatz entwickelt. Als Einzelkind hörte sie ihren Eltern oft aufmerksam bei ihren Gesprächen zu und hatte so manches Wort aufgeschnappt. Yvonne war daher über Leas Selbstgespräch nicht besonders verwundert. Doch irgendetwas daran war merkwürdig!

„Bruno, Tani hat gesagt, du sollst nicht so schmatzen beim Essen!“ Dabei schaute sie ihren großen braunen Plüschteddy vorwurfsvoll an.

„Schikan, du stinkst aus dem Maul! Tani sagt, du musst dir die Zähne putzen!“. Mit erhobenem Zeigefinger blickte sie den, wie hingegossen liegenden Tiger naserümpfend an.

„Arko, deine Pfoten sind dreckig. Tani sagt, du sollst dir die Pfoten abputzen, wenn du von draußen reinkommst“. Ein Blick, der einem Schulmeister alle Ehre gemacht hätte, traf den armen Schäferhund aus Stoff.

„Lina, deine Hände sind klebrig! Tani sagt, du sollst sie waschen, bevor du was isst!“ Ein rügender Blick wanderte über die kleinen Vinylhändchen ihrer Puppe, als sie diese in ihren Händen hielt.

Yvonne kamen die Zurechtweisungen etwas merkwürdig aus dem Mund ihrer Tochter vor. Der Name Tani war ihr nicht bekannt. Wo hatte sie den aufgeschnappt? Das würde sie Lea auf jeden Fall noch fragen. Seit kurzem war sie im Kindergarten. Vielleicht nannte sie eine der Erzieherinnen so? Im Augenblick wollte sie Lea aber nicht beim Spielen stören, wo sie doch gerade so friedlich war und so „vernünftig“.

Ein andermal spielte sie „Kaffeeklatsch“ mit ihren Kuscheltieren und ihrer Puppe, als Yvonne sie beobachtete.

„Tani, du nimmst Arko und Schikan. Ich spiele Lina und Bruno.“

Lea machte eine kurze Pause.

„Nein, Schikan bekommt keinen Kakao! Er trinkt lieber Wasser, hat Papa gesagt. Das ist für Tiger gesünder. Von Milch bekommen Tiger Bauchweh!“

Lea blickte aufmerksam hinter die beiden Kuscheltiere in die Luft, als wenn dort jemand sitzen würde und sich mit ihr unterhielte!

„Nee! Lina mag lieber Kekse als Kuchen. Weißt du das nicht mehr?“

Nun wollte Yvonne aber doch wissen, wer denn diese oder dieser geheimnisvolle Tani sein sollte. Sie räusperte sich und betrat das Zimmer.

„Du, Lea?! Ich möchte dich mal etwas fragen.“

Lea schaute unwillig zu ihrer Mutter auf.

„Was ist denn, Mama? Wir spielen „Kaffeeklatsch“. Tani ist gerade da und er hat fast alles vergessen! Ich muss ihm alles noch mal sagen.“, antwortete sie ihrer Mutter genervt.

„Das ist es ja gerade! Wer ist denn Tani?“ wollte die Mutter von ihrer Tochter erfahren.

„Tani ist mein Freund, Mama. Er spielt oft mit mir, wenn ich in meinem Zimmer allein bin.“

„Und warum kann ich deinen Freund nicht sehen?“

„Mama, aber er sitzt doch genau hinter Arko und Schikan!“ Yvonne versuchte angestrengt in der Richtung, in der ihre Tochter wies, etwas zu erkennen.

„Ich kann ihn aber wirklich nicht sehen!“, wiederholte Yvonne.

Lea schaute in die Richtung ihres „Freundes“ und war einen kurzen Moment still.

„Du kannst ihn nicht sehen, weil du schon groß bist!“, sagte Lea.

„Das verstehe ich nicht!“, schüttelte die Mutter den Kopf.

„Tani spielt nur mit Kindern, weil ihr Großen verlernt habt, ihn zu sehen, meint er.“, erklärte sie ihrer Mutter geduldig.

„Was heißt denn verlernt?“, wollte ihre Mutter wissen.

Wieder schaute Lea „in die Luft“.

„Erwachsene haben verlernt an ihn zu glauben und können ihn deshalb nicht mehr sehen.“, kam es belehrend von ihr.

„Aha!“, kam es zweifelnd von der Mutter zurück.

„Och Mann! Tani bleib hier, ich möchte noch weiterspielen!“

Entrüstet blickte sie in die Richtung ihres unsichtbaren Freundes. Lea drehte sich gleich darauf um und blickte ihre Mutter beleidigt an.

„Das hast nur du Schuld, Mama! Wegen dir ist er jetzt einfach weggegangen.“

„Ich glaube, dass dein Freund nur in deiner Fantasie vorkommt, mein Schatz.“

Yvonne betrachtete ihre Tochter eher amüsiert als verärgert. „Ich lass dich lieber wieder allein.“

„Das bringt es jetzt auch nicht mehr!“

Schmollend verschränkte das kleine Persönchen die Arme und schaute missmutig drein.

Yvonne schüttelte nun doch leicht verärgert den Kopf und lehnte die Tür hinter sich an, als sie Leas Zimmer verließ. Als sie ihre Tochter wiederholt mit ihrem „Fantasiefreund“ heimlich erwischte, sprach sie abends mit Alexander darüber, als Lea schon im Bett lag und schlief. Inzwischen war sie leicht beunruhigt und wollte wissen, ob ihr Kind noch normal sei.

„Das kann ich dir auch nicht sagen, Yvonne“, teilte Alexander ihr mit. „Sollte ich einen Fantasiefreund gehabt haben, dann kann ich mich jedenfalls nicht mehr daran erinnern.“, kam es nachdenklich hinterher.

„Am liebsten würde ich mit ihr deswegen einen Arzt aufsuchen.“ Yvonne blickte Alexander hilfesuchend an.

„Keine Ahnung, ob das nötig ist. Aber ein Anruf beim Kinderarzt kann nicht schaden.“, stimmte Alexander ihr zu.

Am nächsten Morgen, als sie Lea in den Kindergarten gebracht hatte, rief sie in der Kinderarztpraxis an und schilderte der Arzthelferin, was sie beunruhigte.

„Ich kann ja mal mit dem Doktor sprechen und ihn fragen, was er dazu meint. Dann rufe ich sie zurück.“

„Vielen Dank, schon mal!“ sprach Yvonne in den Telefonhörer und saß auf heißen Kohlen, bis die Arzthelferin zurückrief und ihr mitteilte:

„Wenn sie möchten, könnte ich ihnen eine Überweisung zu einem Kinderpsychologen ausschreiben. Der kann ihnen mit Sicherheit sagen, ob mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt.“

„Das wäre nett! Dann wüssten wir wenigstens woran wir sind. Wann kann ich die Überweisung abholen?“, erkundigte sich Yvonne.

„Am besten morgen früh, da haben wir dann alle bestellten Rezepte und Überweisungen von heute fertig.“, informierte sie die Arzthelferin.

„Danke, bis Morgen dann!“

„Auf Wiederhören!“

Leas Mutter suchte gleich nach dem Gespräch in den „Gelben Seiten“ nach einem Kinderpsychologen und machte mit ihm einen Termin aus. Zum Glück war die Wartezeit nicht so lang. Schon nächste Woche war ein Termin frei.

Der Psychologe machte einen netten Eindruck. Er schien mittleren Alters zu sein, trug eine Brille und wirkte durch seine eher untersetzte Figur gemütlich. Als Yvonne das „Problem“ ihrer Tochter geschildert hatte, bat er darum, mit Lea allein sprechen zu dürfen und schaute dabei Lea um Verständnis bittend an.

„Ist das in Ordnung für dich, mein Schatz?“, fragte die Mutter leicht irritiert, weil sie sich etwas ausgebootet vorkam.

„Das ist schon okay, Mama! Wenn was ist, kann ich dich ja rufen“, erwiderte Lea altklug und selbstsicher.

„Vielen Dank, junges Fräulein!“, lächelte der Psychologe und geleitete Yvonne zur Tür.

Als sie allein waren, bat er Lea ihren „Fantasiefreund“ aus ihrer Sicht zu schildern. Lea beschrieb ihn als einen Jungen, der etwa einen halben Kopf größer war als sie. Er sähe so ähnlich aus wie ihr Nachbar Jens: blond, schlank, helle blaue Augen und er lächelte oft. Das Tolle an ihm war, erklärte Lea, dass er nicht meckerte, obwohl sie Mädchenspiele mit ihm spielen würde. Die Jungs im Kindergarten spielten lieber mit Autos oder der Holzeisenbahn. Rollenspiele hassten sie.

„Tani weiß außerdem fast alles! Er erklärt mir manchmal Dinge, die ich nicht kenne oder Sachen, die ich nicht weiß. Außerdem ist immer ein heller Schein um ihn.“, erklärte sie eifrig.

Bei dem Mann hatte sie das Gefühl, dass er ihr wirklich zuhörte.

„Wie kommt er denn zu dir?“, wollte der Arzt mit einem verschwörerischem Blick wissen.

„Wenn ich allein in meinem Zimmer bin und mit ihm spielen möchte, ist er einfach da.“, erzählte Lea bereitwillig. Prima! Er schien sie nicht für verrückt zu halten, wie ihre Mutter.

„Geht er auf dem gleichen Weg? Einfach“, er schnippte mit den Fingern, „so?“

„Ja, einfach so! Aber er sagt tschüss vorher und dass er wieder gehen muss.“

„Kommt er nur zu dir, wenn du allein bist oder war er schon mal da, wenn jemand anderes bei dir war?“

„Mama hat mich einmal beim Spielen mit ihm gestört. Da ist er gleich abgehauen.“, schmollte sie noch im Nachhinein, was dem Psychologen ein Lächeln entlockte.

„Ach so! Macht dein Freund auch manchmal große Unordnung mit dir und lässt alles liegen?“, hakte er weiter nach.

„Eigentlich nicht! Aber wir räumen mein Zimmer sowieso kaum auf. Das macht fast immer Mama.“, machte Lea eine wegwerfende Handbewegung.

„Das war eigentlich auch schon alles, was ich von dir wissen wollte, Lea.“, nickte der Psychologe und sprach in sein Praxistelefon, um Leas Mutter wieder in das Behandlungszimmer zurückzubitten.

„Diesmal bleibst du kurz draußen, junge Dame!“, wendete er sich an Lea, als ihre Mutter wieder eintrat.

„Im Wartezimmer kannst du noch ein bisschen spielen.“

„Na gut!“, Lea zögerte, weil sie neugierig war, was der Mann ihrer Mutter sagen würde. Aber sie lief trotzdem ins Wartezimmer. Sie hatte beim Warten auf den Termin dort schöne Spielsachen entdeckt, die sie interessierten.

„Ihre Tochter ist völlig normal, Frau Dräßler, so wie ich das sehe. Lea hat mir gesagt, dass in der Nachbarschaft ein Junge namens Jens wohnt. Stimmt das?“

„Ja, sie mag ihn ziemlich gern. Er geht in die Grundschule und ist ziemlich gut.“, bestätigte Yvonne.

„Das hört sich ein wenig nach anhimmeln an. Das ist normal! Sie schaut zu ihm auf und da hat sie sich eben einen Fantasiefreund geschaffen, der ähnlich ist wie dieser Junge. Das machen eine ganze Reihe Kinder so. Ganz besonders betrifft es Einzelkinder. Hat Lea noch Geschwister?“, wollte der Psychologe wissen.

„Nein!,“ seufzte Yvonne.

„Na sehen sie, das bestätigt meine Vermutung! Der Fantasiefreund wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach von ganz allein geben. Sollte er aber bis über die Einschulung hinaus noch Bestandteil von Leas Leben sein, melden sie sich wieder. Dann würde ich mich wieder mit ihr befassen wollen. Ansonsten wünsche ich ihnen und ihrer Tochter für die Zukunft alles Gute. Auf Wiedersehen!“ Mit den letzten Worten stand er auf und gab Yvonne die Hand, um sie zu verabschieden.

Als Lea mit ihrer Mutter die Praxis verließ, wirkte diese erleichtert.

„Ist jetzt alles wieder gut, Mama?“, fragte Lea, die ihrer Mutter die Anspannung sehr wohl angemerkt hatte. Aufmerksam legte sie den Kopf in den Nacken, um ihr in die Augen zu sehen.

„Ja, mein Schatz, nun ist alles wieder in Ordnung.“, lächelte Yvonne zu ihr hinunter.

 

Nach dem Besuch bei dem Kinderpsychologen hatte Lea noch eine ganze Weile Besuch von Tani. Ihre Eltern regten sich aber nicht mehr über ihren Fantasiefreund auf. Es kam so, wie vom Kinderpsychologen vorausgesehen.

In dem Jahr, in dem sie eingeschult wurde, gab Tani ihr eines Nachmittags zu verstehen, dass er zum letzten Mal bei ihr sei und er sich von ihr verabschieden müsste.

„Warum musst du denn jetzt gehen? Macht es dir keinen Spaß mehr mit mir zu spielen?“, fragte Lea traurig und leicht gekränkt.

„Nein, Lea, das ist es nicht! Ich bin ein Freund von kleinen Kindern. Ich passe auf sie auf und spiele mit ihnen. Du kommst dieses Jahr in die Schule. Da bin ich nicht mehr so wichtig. Du wirst richtige Freunde in der Schule finden. Mit denen kannst du dann viel besser spielen. Du wirst schon sehen!“

„Aber keiner macht so viel mit wie du! Wir streiten nicht mal! Mit Mama streite ich mich fast dauernd. Bitte bleib noch!“, bettelte sie.

„Lea, nach mir werden andere kommen, die dich begleiten werden. Menschen und auch Wesen wie ich. Nur wirst du diese Wesen nicht mehr ganz so spüren wie mich jetzt. Zumindest eine Zeit lang.“, versuchte er sie zu trösten.

„Wirst du denn wenigstens noch an mich denken, wenn du woanders bist?“, verlangte sie zu wissen.

Mittlerweile standen Lea Tränen in den Augen. Sie wollte ihren Tani nicht verlieren.

„Na klar werde ich noch an dich denken! Du warst mir eine wunderbare Freundin! Wenn du abends betest, kannst du mir noch immer Grüße bestellen. Es ist so ähnlich wie ein Telefon, nur einseitig!“

„Siehst du für alle Kinder so aus wie bei mir?“, platzte Lea heraus. Sie wusste, dass Tani etwas Besonderes war und wollte es genau wissen. Schließlich gab es kein Wiedersehen.

„Nein, für jedes Kind sehe ich so aus, wie es sich seinen Spielkameraden am liebsten vorstellt.“

„Du, Tani?“, kam es etwas zaghaft von Lea.

„Ja?“ Ein aufmerksamer, fragender Blick traf seine kleine Freundin.

„Wie siehst du denn wirklich aus?“ Diese Frage brannte ihr auf den Nägeln.

„Möchtest du das ehrlich wissen?“ Leas Neugier amüsierte ihn. Er lächelte sie an.

„Ja, bitte!“, bettelte sie.

„Na dann pass gut auf! Aber erschreck dich nicht! Ich würde dir niemals etwas tun, das weißt du doch, oder?“, tastete er sich vor.

„Das weiß ich! Zeig dich mir, wie du in Wirklichkeit aussiehst!“ , bat sie feierlich.

Tani nickte ihr zu und schloss konzentriert die Augen. Sein Körper wurde zuerst ganz hell, als ob er von innen beleuchtet wäre. Seine Form begann zu verschwimmen, löste sich langsam auf und wurde zu einem weißen Licht, das in die Höhe wuchs. Leas Augen wurden groß bei diesem ungewöhnlichen Schauspiel und ihr Mund öffnete sich vor Erstaunen. Doch es kam kein Laut daraus hervor. Als er ungefähr die Größe eines Erwachsenen erreicht hatte, festigte sich seine äußere Form wieder, blieb aber sehr hell, fast durchscheinend. Seine Kleidung war in dem hellen Licht nicht so genau zu erkennen. Seine Augen schauten liebevoll zu ihr hinunter.

„Du bist wunderschön!“, hauchte Lea atemlos und ehrfurchtsvoll.

Mehr brachte sie nicht heraus. Ihre Kehle fühlte sich eng an.

„Danke, du bist auch schön, kleine Lea!“, schmeichelte er ihr.

Ihr Spielkamerad hatte sich vor sie hingehockt, um wieder auf Augenhöhe mit ihr zu sein.

Tani erinnerte sie nun an Bilder, die sie in der Kirche gesehen hatte. Ihr drängte sich eine Frage auf.

„Bist du ein Engel?“, wollte sie deshalb geradeheraus mit kindlicher Neugier wissen.

„Treffer! Ich bin ein Engel und der Freund von Babys und kleinen Kindern. Da du bald zur Schule kommst, wirst du mir zu groß.“, erklärte er ihr und legte ihr freundschaftlich eine Hand auf die kleine Schulter.

„Gehst du dann zu anderen Kindern?“, erkundigte sie sich wissbegierig.

„Ja, das tue ich!“, nickte Tani mit dem Kopf.

„Du Tani, ist dein Name in echt Tani oder ist das auch bei jedem Kind verschieden?“, bohrte sie weiter.

Tani musste wieder lächeln.

„Du bist ein schlaues Mädchen geworden, Lea! Mein richtiger Name ist Tanael. Wenn ich ein Kind das erste Mal besuche, sage ich ihm meinen Namen und das Kind entscheidet dann selbst, wie es mich nennen möchte. Du hast dich für Tani entschieden. So einfach war das!“, erklärte er.

„Ta – na - el ...“ Lea ließ das Wort auf ihrer Zunge zergehen. „Klingt schön!“, sinnierte sie und schaute ihren Tani an, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Ihr wurde langsam bewusst, dass Tani ein Abschied für immer gemeint hatte und sie fing wirklich an zu weinen.

„Ach Lea, du machst es mir nicht leicht zu gehen!“, seufzte er.

Liebevoll nahm er sie in die Arme und drückte ihren Kopf an seine Brust. Sie fühlte sich leicht warm und weich wie Watte an, fast als ob man durch ihn hindurchfallen könnte, wenn man sich zu sehr an in lehnte, dachte Lea. Als ob er nur halb von dieser Welt wäre!

„Du sollst ja auch nicht gehen!“, schniefte sie.

„Ich muss aber!“, streichelte Tani ihr über das Haar.

„Kannst du mir nicht etwas von dir geben, damit ich mich an dich erinnern kann?“, bat sie.

Lea blickte ihn mit tränenverschleierten Augen hoffnungsvoll an.

„Das wäre möglich! Ich könnte dir eine Strähne aus meinem Haar schenken. Die würde sogar im Dunkeln ein wenig leuchten, wenn du Angst hast. Aber nur für dich! Andere Menschen können das Licht nicht wahrnehmen. Nur die Beschenkten!“, bot Tanael an.

„Das ist eine gute Idee!“, freute sich Lea. „Dann merken Mama und Papa auch nichts!“

Schnell suchte sie in ihrem Schreibtisch, der schon vorsorglich in ihrem Zimmer stand, nach einer Kinderschere. „Geht die?“, zog sie das Gewünschte aus der oberen Schublade.

„Wird schon!“, meinte Tani und schnitt sich selbst eine Strähne aus seinem lichtblonden Haar.

„Hier! Bewahr sie gut auf!“ Er legte die Strähne vorsichtig in ihre kleine Hand und schloss sie mit seiner. Als Lea ihre Faust wieder öffnete, war ein goldenes Bändchen darum gebunden.

„Das werde ich!“ Lea wickelte die Strähne in ein Stofftaschentuch und legte sie sorgsam unter ihr Kopfkissen.

„Und nun lass dich noch einmal drücken!“, sagte Tani forsch und schaute ihr intensiv in die Augen.

Lea schmiss sich ihm in die Arme und drückte ihr Gesicht in seine Brust. Sie fühlte einen dicken Kloß im Hals. Sie atmete so tief wie möglich ein und nahm einen Geruch wahr, der sie an irgendwelche Kräuter erinnerte. Sie wollte nie vergessen, wie er roch und wie er aussah. Nur die Strähne war es, die ihr bleiben würde. Tani rückte sie von sich ab, deutete ihr an so stehen zu bleiben und warf ihr sehr menschlich eine Kusshand zu. Lea machte es ihm nach. Sie musste lächeln, trotz ihrer Trauer.

„Lebwohl, Lea und wachse! Ich wünsche dir, dass du deine Aufgaben im Leben meistern wirst. GOTTES Segen wird dich immer begleiten und meiner auch!“, sagte er ihr zum Abschied.

„Tani!“, rief Lea, hob ihre Arme und Tränen liefen ihr wieder über das Gesicht. Doch Tanis Erscheinung verblasste vor ihren Augen: Nur sein Lächeln blieb noch eine Weile in der Luft sichtbar, bis auch dieses sich wie morgendlicher Frühnebel in der Sonne verlor. Lea blieb allein zurück, schmiss sich auf ihr Bett und weinte herzzerreißend.

 

Tani kehrte wirklich nicht wieder zurück und ihre Eltern waren froh, nun ein „normales“ Mädchen zu haben. Es dauerte jedoch eine ganze Weile, bis Lea ihre Trauer überwunden hatte. Oft holte sie die Strähne abends im Bett unter ihrem Kopfkissen hervor und drückte sie an ihre Brust, wenn Traurigkeit sie überkam. Das sanfte Leuchten der Strähne tröstete und beruhigte sie. Mit ihr in der Hand schlief sie friedlich, wenn auch traurig, ein.

Mit seiner Annahme, dass Lea in der Schule Freunde finden würde, behielt ihr ehemaliger, himmlischer Spielkamerad recht. Sie schloss mit einem Mädchen namens Viola Brandt aus ihrer Klasse Freundschaft. Viola war ein kleiner Wirbelwind und immer zu einem Streich aufgelegt. Sie schmollte nie lange, da sie es nicht aushielt, mit Lea zu zanken. Die Mädchen wirkten wie Tag und Nacht. So wie Lea brünett war, war Viola blond. Lea hatte eher einen kräftigen Körperbau und Viola war zart wie eine Elfe. Wurde Lea zu tiefgründig, holte Viola sie mit ihrer Fröhlichkeit aus ihrer Grübelei. Gern probierte Viola etwas Neues aus. Lea wartete lieber erst einmal ab. Manchmal war es aber auch gut, dass Lea nicht so risikofreudig war wie Viola. So konnte sie diese vor so mancher Dummheit bewahren.

Von Engeln bemerkte Lea nichts mehr. Fast war es, als hätte sie Tani nur geträumt. Nur die Strähne erinnerte sie daran, dass er tatsächlich bei ihr gewesen und kein Produkt ihrer Fantasie war.

Aus der anfänglichen Trauer heraus erwuchs eine heftige Sammelleidenschaft. Lea begann alles zu horten, was mit Engeln zu tun hatte: Postkarten, Poster, Kalender, Figuren, Weihnachtsschmuck – schlicht alles, was ihr in die Finger kam. Das war für ihre Eltern manchmal ganz schön nervig. Leas Zimmer sah wie ein Engelmuseum aus. Aber es war ihnen lieber, als ein Fantasiefreund, den sie für ein Hirngespinst ihrer Tochter hielten.

 

 

 

 

6. Nur Träume?

 

Die Dräßlers wohnten in einer kleinen norddeutschen Stadt am Rande eines Waldes, der einen langgezogenen Hügel mit seitlichen Ausläufern bedeckte. Der Ort schmiegte sich an die Spitze einer der Flanken und bestand aus vielen Einfamilienhäusern, von denen sie eines bewohnten. Eine Autobahn verlief am Wald entlang und wenn man sich von Nordwest dem Ort näherte, sah man die Turmspitze der Kirche, die weiter oben am Hang stand und so den Ort überragte.

Der Vorgarten von Dräßlers Grundstück bestand aus einem kurzgemähten Rasen mit einem kleinen Beet am linken Rand. Zwischen Rasen und Beet führte ein grau gepflasterter Weg zur Haustür. Das Haus war weiß gestrichen, die Haustür aus dunkelbraunem Holz und die Fensterrahmen, der zweigeteilten Fenster rechts und links der Haustür, hatten die gleiche Farbe. Ein ebenfalls dunkles Dach vervollständigte das Bild. Links neben dem Haus verlief eine grau gepflasterte Auffahrt, bis zu der am Haus gebauten Garage. Die anderen Häuser der Straße sahen ähnlich wie das der Dräßlers aus.

Hinter dem Haus war der fast nur aus Rasen bestehende Garten von einem Randbeet gesäumt, auf dem allerlei verschiedene Büsche standen, die als Sichtschutz dienten. Ein steingesäumter, quadratischer Sandkasten und eine Schaukel standen für Lea im Garten.

Den Sandkasten ließ Lea mittlerweile links liegen. Nur auf die Schaukel setzte sie sich noch ab und zu, um sich Tagträumen hinzugeben. Mit 16 Jahren war sie aus dem Kinderalter raus.

Der Wald lag nur ein paar Straßen hügelan entfernt. Davor befand sich ein Park, mit einem großen Denkmalstein in der Mitte. Auf der Bronzetafel war der Kopf eines Grafen abgebildet. Darunter waren sein Name, sowie das Geburts- und Sterbedatum zu lesen.

Rechteckig angelegte Springbrunnen waren im Park verteilt und luden im Sommer zum Verweilen ein, um Hände und andere Körperteile darin zu kühlen. Hübsche Blumenbeete, die immer mit Blumen der entsprechenden Jahreszeit bepflanzt waren und in Abständen aufgestellte Parkbänke machten den Ort für Kurgäste zu einer Oase. Große dicke Buchen, Platanen und Eichen, die noch aus der Anfangszeit stammten, breiteten ihre Kronen majestätisch aus. Durch die Nähe zum Wald kamen oft Vögel und Eichhörnchen in den Park und in die angrenzenden Gärten, um nach Futter zu suchen. Park und Wald wurden durch eine Landstraße voneinander getrennt. Am Anfang des Waldes befand sich ein Ententeich, der oft von Eltern mit kleinen Kindern zum Entenfüttern besucht wurde. Dahinter verlief fast schnurgerade ein breiter Waldweg hügelan, der von jungen, beschnittenen Bäumen gesäumt war. Ansonsten standen viele alte Buchen und Eichen locker verteilt auf den Waldwiesen ringsumher. Ging man unter einer Autobahnbrücke hindurch, kam man nach ein paar weiteren hundert Metern zu einem kleinen Ausflugslokal, das im Sommer Erfrischungen anbot. Es gab auch eine kleine Straße, die bis hierher führte und in einem Parkplatz mündete. Dahinter begann der eigentliche Wald. Die Bäume standen dichter und Nadelbäume mischten sich ins Gehölz. Die Wege wurden schmaler und es kam nicht mehr soviel Sonnenlicht hindurch. Wer zum Wandern hierher kam, wurde von der Stille der Natur begrüßt. Nur Vögel konnte man hören. Die Geräusche der Autobahn gingen im Rauschen der Zweige und Blätter leicht unter. Die anderen Tiere des Waldes blieben ungehört und ungesehen. Fast das ganze Jahr über lag das Laub des Vorjahres auf dem dunklen Waldboden. Hier und dort sah man wilde Brombeerranken und Farne wachsen. Es war ein Ort, an dem man die Seele baumeln lassen konnte.

Im Wald versteckt gab es steinerne Zeugen aus germanischer Zeit. Ein großer Opferstein, auf dem einmal Pferde geopfert wurden, lag verborgen ziemlich in der Mitte des Höhenzuges, am Rande des Kammweges. Früher hatte man hier einen guten Ausblick auf das Land davor. Jetzt war es ziemlich zugewachsen. An anderer Stelle befand sich eine alte Befestigungsanlage, von der nur noch die runde Einfassung zu erkennen war.

Lea liebte den Wald und kam gerne hierher, wenn sie Ruhe brauchte. Er machte manchmal einen verwunschenen Eindruck auf sie, als wenn sie in eine Welt eintauchte, die vor langer Zeit war. Ganz besonders schön fand sie „ihren“ Wald, wenn es geregnet hatte und die Sonne durch die Wolken brach. Auf den Blättern der Bäume glitzerte es dann wie Myriaden von Diamanten. Ihre Mutter war oft mit ihr hier gewesen als sie klein war und hatte in ihr die Liebe zu diesem Ort geweckt. Mit zwölf Jahren hatte sie begonnen, allein Streifzüge durch den Wald zu unternehmen, immer mit dem Versprechen vor der Dämmerung zu Hause zu sein und sich von keinem Fremden ansprechen zu lassen. Alle paar Monate war die Zeitung voll von Berichten über verschwundene Kinder, die meist nicht lebend wieder gefunden wurden. Leider konnte die Polizei nicht jeden Täter fassen und deshalb hatte ihre Mutter schlicht Angst um sie, auch wenn die Orte, an denen dies geschah, meistens in einiger Entfernung lagen. Lea hielt sich an die Anweisungen ihrer Mutter, auch wenn sie manchmal über die, übertriebene Fürsorge, wie sie meinte, stöhnte.

Es war Wochenende. Lea hätte ausschlafen können, wäre da nicht wieder einer dieser komischen Träume gewesen, aus denen sie atemlos erwachte, als wenn sie gerade einen Sprint hinter sich gebracht hätte. Seit ein paar Monaten kamen diese Träume immer wieder. Wenn sie aus diesen Träumen erwachte, fühlte sie sich beobachtet und verfolgt. In Variationen waren es eigentlich immer dieselben. Sie hatte mit ihrer Mutter darüber gesprochen und sie ihr geschildert. Yvonne hielt sie für die Angst einer Pubertierenden vor Verehrern und gab ihr den Rat, sich die Träume nicht so zu Herzen nehmen. Das würde sicher bald vergehen. Lea musste an Viola dabei denken und grinsen. Bei ihr hätte dieser Rat vielleicht gepasst. Lea aber hatte keine Angst vor Verehrern oder Jungs, die etwas von ihr wollten. Sie würde alle einfach abblitzen lassen, weil sie keinen Bock hatte, sich mit einem Jungen zu verabreden. Jungs bedeuteten ihr nichts! Ganz anders dagegen ihre Freundin Viola. Sie sonnte sich gern und ausgiebig in den bewundernden Blicken des männlichen Teils der Bevölkerung, wenn sie mal wieder so richtig geschminkt und „aufgedresst“ war. Und das war sie häufig, besonders an Wochenenden. Dann war Disco bei ihr angesagt! Ein paar Mal war Lea mitgegangen, um Viola einen Gefallen zu tun. Allein hätte sie sich jedoch nicht dorthin verirrt. Sie mochte zwar die Musik, aber es war ihr zu laut und zu voll. Lea zog es vor, in die Turnhalle zu gehen und im Verein Jazzgymnastik zu machen. Dort konnte sie all ihren Frust abtanzen und hatte auch noch Spaß dabei. Viola hatte Lea zuliebe ein paar Mal mitgemacht. Aber sie hatte Schwierigkeiten, sich die Choreografien zu merken und verlor bald die Lust daran. Wenn Lea und Viola sich zu Hause trafen, hörten sie oft Musik und tanzten danach. Jede so wie sie wollte. Hier ließ sich Viola gerne von Lea die eine oder andere Tanzfigur zeigen, um sie anschließend in der Disco auszuprobieren. Was beide am meisten miteinander verband, war ihre Leidenschaft für Fantasiegeschichten und -spiele. Ihre erklärten Lieblingsautoren waren Marion Zimmer Bradley und J. R. R. Tolkien. Manchmal dachten sie sich auch selbst Geschichten aus und kicherten ausgelassen dabei. Ansonsten saßen sie gerne zusammen am Computer. Entweder spielten sie eines der vielen PC-Spiele, die Viola besaß oder sie chatteten ausgiebig in den neu entstandenen Chatrooms für Jugendliche.

Äußerlich standen die beiden in ziemlichen Kontrast zueinander. Viola war schlank und grazil, Lea dagegen stämmig und schon weiblich gerundet. Allerdings waren sie etwa gleich groß. Viola hatte blonde, schulterlange, glatte Haare, Leas dagegen waren dunkelbraun, fast hüftlang und flossen in großen Wellen vom Ansatz bis zur Spitze. Violas helle, blaue Augen standen im Gegensatz zu Leas vierfarbigen Augen. Ja, ihre Augenfarbe war immer noch undefinierbar! Im Personalausweis stand blau-grau, aber das wurde ihren Augen nicht im mindesten gerecht. Dies war etwas, worum Viola sie beneidete. Lea wäre dagegen gerne so schlank wie Viola gewesen. Wie alle Mädchen hatten sie es schwer mit sich!

Beim gemütlichen Wochenendfrühstück mit ihren Eltern hing Lea ihren Gedanken nach. Als sie fertig war, verkündete sie, dass sie frische Luft bräuchte und über etwas nachdenken müsse. Außerdem sei das Wetter gerade so schön.

„Okay, mein Schatz!“, kam es von ihrer Mutter und schaute von ihrem Brötchen auf.

„Sei aber bitte bis zum Mittagessen wieder da. Ich hasse es, wenn ich fertig mit dem Kochen bin und keiner da ist.“, mahnte sie.

„Ja, Mama! Ich weiß! Um 13.00 Uhr bin ich wieder da, versprochen! Ich habe auch meine Armbanduhr mit. In Ordnung?“ Lea seufzte etwas genervt und zeigte ihr demonstrativ ihre Uhr.

„In Ordnung!“, nickte ihre Mutter beruhigt. „Viel Spaß und Erfolg beim Nachdenken!“, fügte sie noch lächelnd hinzu.

Lea verdrehte die Augen. Bevor sie verschwinden konnte, meldete sich ihr Vater zu Wort.

„Bekomme ich denn gar keinen Morgenkuss mehr von meiner Tochter?“, beschwerte er sich gutmütig.

„Och, Papi! Du tust mir aber leid!“, frotzelte Lea.

Sie ging noch einmal auf ihren Vater zu, der die Zeitung vor sich ausgebreitet hatte und sie erwartungsvoll ansah. Sie drückte ihm einen Kuss auf die ihr hingehaltene Wange und umarmte ihn kurz. Dann ging sie ins Badezimmer und flocht sich einen Zopf. Sie holte den dunkelgrünen Rucksack aus ihrem Zimmer, in dem ihr Tagebuch, Etui, Discman von Sony und immer etwas zu trinken und essen drin war. Ihr Zimmer war immer noch mit Engelbildern bestückt und so manches Buch über Engel stand im Bücherregal. Engelfiguren aus Messing stützten sie. An der Schreibtischlampe hing ein Engel, der Harfe spielte. Sie hatte ihn im letzten Advent beim Abholen eines Rezeptes in einer Apotheke geschenkt bekommen. In ihrer CD-Sammlung, die sich in einem Regal neben der Stereoanlage stapelte, befand sich neben den aktuellen Songs auch meditative Musik, wie „Engel – die himmlischen Helfer“. Wenn Viola diese CD sah, schaute sie ihre Freundin in komischer Verzweiflung an. „Du mit deinem Engeltick!“ Das ging Lea aber links am A... vorbei! In dieser Sache war sie eigen! Sie schob den Gedanken an ihre Freundin beiseite und hastete die Treppe hinunter. An der Garderobe schlüpfte sie in ihre dunkelblaue Windjacke und zog sich ihre hochschaftigen Turnschuhe an. Draußen holte sie noch ihr Rad aus der Garage. Bevor sie sich den Rucksack auf den Rücken setzte, stöberte sie nach dem Ohrhörerkabel vom Discman, hängte sich die Lautsprecherknöpfe in die Ohrmuscheln und ließ sich von ihrer Lieblingsmusik berieseln. Sie radelte los und schlug den Weg Richtung Wald ein. Bereits im Park roch die Luft schon erdig. Mit tiefen Atemzügen sog sie diesen Duft ein. Sie fühlte sich schon ein wenig ruhiger und entspannter. Einzig und allein der Gedanke an einen Parkwächter, der sie anmotzen könnte, weil sie durch den Park mit dem Rad fuhr, ließ einen Rest Spannung übrig bleiben. Sie war oft bei Dunkelheit durch den Park gefahren, wenn sie von ihrer Freundin Viola nach Haus kam, weil der Weg durch den Park der kürzeste war. Ab und zu wurde sie dabei auch von einem dieser „geliebten Männer in Grün“ angehalten und musste absteigen. Sobald der Wächter außer Sichtweite war, schwang sie sich wieder auf das Rad und fuhr weiter. Welches Mädchen hat schon Lust in einem dunklen Park allein herumzuspazieren? Wenigstens abends könnten die Wächter ein Einsehen mit der Psyche eines Mädchens haben. Aber diese Sorte Mann gehörte zu den deutschen Prinzipienreitern. Ersuchen um Verständnis zwecklos!

Heute Morgen hatte sie Glück - kein Parkwächter weit und breit! Gutgelaunt summte sie die Melodie des Songs, der gerade in ihren Ohren ertönte, mit. Ungeschoren kam sie bis zur Fußgängerampel, die an der vielbefahrenen Landstraße zwischen Park und Wald stand, um den Weg in den Wald zu erleichtern.

Als sie drüben war, hielt sie kurz bei dem Ententeich an und verfütterte den Rest Kekskrümel aus der alten Packung in ihrem Rucksack an die Enten. Der Nachschub lag schon wohlweislich im Rucksack verstaut. Die Enten stürzten sich hungrig und mit lautem Geschnatter, Marke: „Futter, Futter!“ auf die Krümel und ließen nicht das kleinste Bisschen übrig.

„Heute ist wohl noch keiner vorbeigekommen, um euch etwas zu geben, was?“, rief Lea den Enten zu. Sonntags war eigentlich immer „Festfressen“ angesagt, weil dann auf einmal viele Leute Zeit hatten und ihr altes Brot den Enten brachten. In der Woche waren diese Besuche eher selten. Da musste es den Enten genügen, was Mutter Natur ihnen bot.

Lea stieg wieder auf ihr Rad und machte sich an das letzte steile Stück bis zum Ausflugslokal. Sie schaltete die Gangschaltung ganz herunter. Das gerade Stück Weg mit den beschnittenen Bäumen ging ja noch. Aber der Weg nach der Autobahnbrücke war wirklich steil. Oben angekommen war sie erst einmal restlos außer Puste. Heftig atmend schloss sie ihr Rad an dem Fahrradständer des Parkplatzes an. Das erste Stück Weg hatte sie schon mal geschafft. Das Lokal war noch geschlossen, die Fensterläden heruntergelassen. Es konnte Lea nur recht sein. Die Stille war ihr in ihrer momentanen Stimmung sowieso viel lieber.

Als sie wieder ruhig atmen konnte, stiefelte Lea los. Sie folgte einem ausgetretenen Waldpfad, der sie nach einem kurzen Stück hügelan und einer Kurve verschluckt zu haben schien. Ab hier kam es ihr vor, als wenn sie die Einzige auf der Welt wäre. Vogelgezwitscher klang durch das Blätterdach (Sie nahm es durch ihre Ohrhörer durch war) und ab und zu gelangte ein verirrter Sonnenstrahl durch die Zweige und Äste der großen Bäume, wenn diese sich leicht im Wind wiegten. Es war Frühling und die Blätter noch frischgrün. Der Geruch von moderndem Vorjahreslaub hing in der Luft. Er mischte sich mit dem Duft von Waldblumen, die am Wegesrand in meist grün-weißen Flächen wuchsen. Manches, was man in Gärten tunlichst nicht haben wollte, weil es zum Unkraut zählte, sah hier wunderschön aus. Die Stämme umgefallener Bäume, die verstreut im Wald lagen, waren von Moos und Baumpilzen bewachsen. An einigen Wegkreuzungen lagen von der Forstwirtschaft geschlagene, aufgestapelte und markierte Stämme herum. Nach einigem „Auf und Ab“ sowie „Hin und Her“ des Pfades, zeigte ein kleines Hinweisschild in Richtung eines Aussichtsturms. Sie bog rechts ab und ging den schmalen Weg zum Turm hoch. Er stand auf einer gerodeten Fläche, so dass im Umkreis von etwa 30 Metern nur Wiese den Bau umgab. Der Turm war vor etwa einem Jahrzehnt gebaut worden, also noch relativ neu. Er sah aber aus, wie ein übrig gebliebener Rundturm einer alten Burg. Man hatte ihn aus Sandsteinen gebaut. An der Wetterseite schimmerte die Außenmauer grün. Ein offenes Portal führte ins Innere und eine Bank stand an der Wand. Die Wendeltreppe, die nach oben führte, war aus durchbrochenem Stahl, so dass man auf die Erde sehen konnte und die Erdklumpen an den Schuhen durchfielen. Die mit Holzplanken verlegte Aussichtsplattform umgab eine hüfthohe Mauer, die mit Zinnen verziert war. Ein fest angebrachtes Fernrohr und eine Bank vervollständigten die Ausstattung. Die Aussicht wurde langsam von hoch wachsenden Bäumen behindert. Das störte Lea aber wenig. Sie war ja nicht hier um die schöne Aussicht zu genießen, sondern um nachzudenken. Sie setzte sich auf die Bank und schaltete ihren Discman erst einmal aus. Für einen Moment schloss sie die Augen und genoss es, einfach nur dort zu sitzen und die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht zu spüren.

Nach einer kleinen Weile öffnete sie ihren Rucksack, den sie neben sich abgestellt hatte und holte ihr Tagebuch heraus. Darin hatte sie ihre seltsamen Träume aufgeschrieben, die sie zur Zeit so beschäftigten. Sie schlug es auf. Im vorderen Klappendeckel befand sich in einem eingeklebten Brief die Strähne von Tanael. Sie nahm sie für einen Moment heraus und hielt sie in ihrer geschlossenen Hand und machte die Augen zu, um sich ganz auf Tanael zu konzentrieren. Immer wenn sie das tat, war alles, wovor sie Angst hatte oder was ihr Probleme bereitete, nicht mehr ganz so schlimm. Manchmal kam es ihr fast so vor, als wenn er in ihrer Nähe wäre und ihr Kraft geben würde. Irgendwann hatte sie beschlossen, ihn beim richtigen Namen zu nennen. Tani kam ihr nicht mehr angebracht vor. Ihrer Kindertage waren schon lange gezählt!

Ihr Tagebuch hatte sie wie ein „Briefbuch“ angelegt. Alle ihre Eintragungen fingen mit „Lieber Tanael!“ an. Es war schön, jemanden sein Herz ausschütten zu können und sei es nur in Gedanken. Sie steckte die Strähne wieder in den Brief zurück und blätterte zu den letzten beschriebenen Seiten. Sie las sich ihre Einträge noch einmal durch:

 

Lieber Tanael!

Letzte Nacht hatte ich wieder einen dieser seltsamen Träume. Soll ich sie nun für Albträume halten oder nicht?

Ich bin abends durch unsere Straße gegangen und wollte nach Hause. Plötzlich hatte ich den Eindruck, dass etwas oder jemand mich verfolgte und hinter mir her war. Ich wurde schneller und hatte das Gefühl, dass mein Verfolger auch schneller wurde. So fing ich an zu rennen. Ich wollte schnell zu meinen Eltern, um mich in Sicherheit zu bringen. Meine Beine schienen lahm zu sein und es fiel mir schwer, weiterzulaufen. Als ich die Haustür erreichte, hatte mich so etwas wie ein dunkler Schatten fast erreicht. Angst durchfuhr mich und ich hatte Probleme die Tür zu öffnen. Als sie sich endlich öffnen ließ, hatte mich der Schatten fast erreicht und streckte so etwas wie dünne Tentakel nach mir aus. Ich war wie gelähmt vor Schreck. Auf einmal, wie aus dem Nichts war da eine Wand aus purem Licht, die mich von dem Schatten abschirmte und ich konnte nun ohne Mühe ins Haus und die Tür hinter mir schließen. Gewöhnlich enden solche Träume eher damit, dass man durch die Berührung von etwas Bedrohlichem oder aus lauter Angst schweißgebadet aufwacht. Ich erwachte nach dem Schließen der Tür mit klopfendem Herzen. Die Angst war zwar noch da, aber auch ein Gefühl von Geborgenheit und Beschütztsein. Es war zwar nur ein Traum, doch das Gefühl von Bedrohung und Geborgenheit fühlte sich so echt an. Hat das etwas zu bedeuten? Ich wünschte mir, du könntest mir darauf eine Antwort geben.

Deine Lea

 

 

Lieber Tanael!

Als ich heute morgen aufwachte, pochte mein Herz wie nach einem 100 – Meterlauf. Schon wieder hat mich einer dieser Träume im Schlaf verfolgt! Ich war allein im Haus und hörte in meinem Zimmer Musik. Das Telefon klingelte und ich ging die Treppe runter. Das Herz begann mit jeder Treppenstufe abwärts schneller und heftiger zu schlagen. Ich wollte nicht zum Telefon gehen, aber wie unter einem Zwang konnte ich nicht anders. Als ich den Hörer abnehmen wollte und die Hand danach ausstreckte, wurde das Telefon auf einmal in helles Licht eingehüllt und ich konnte es nicht mehr erreichen. Zuerst fühlte ich Verzweiflung. Im Geiste hörte ich so etwas wie einen Wutschrei. Anschließend überkam mich eine tiefe Ruhe. Ein zweites Licht schloss sich um mich und ich fühlte mich sicher vor allem Bösen aus dem Traum. Die ganze Szenerie entfernte sich von mir und ich blickte auf sie wie durch ein umgedrehtes Fernglas. Dann wachte ich auf.

Wieder hat ein Licht mich vor etwas Schrecklichem aus meinem Traum bewahrt.

Deine Lea

 

Lieber Tanael!

Wenn ich nach dem gehe, was ich letzte Nacht im Traum erlebt habe, dann müsste ich mein Handy wegschmeißen oder mir eine neue Nummer geben lassen. Langsam habe ich das Gefühl, dass mich wirklich jemand im Traum verfolgt.

Ich saß im Traum an meinem Schreibtisch und machte so etwas ähnliches wie Hausaufgaben. Da meldete sich mein Handy .Ich hatte eine SMS bekommen. Dubios war nur, dass die SMS an viele verschickt worden sein musste, als Gruppennachricht, und ich den Absender nicht entziffern konnte. Das gibt es in der Realität so gar nicht. Aber in Träumen ist ja alles möglich. In der Mitteilung auf dem Handydisplay stand nur die Nachricht: „Schreibe deinen Namen und drücke auf „Antworten“!“ Ich bekam eine Gänsehaut, im Traum! Kannst du dir das vorstellen? Das Schlimmste war aber, dass ich nicht anders konnte, als meinen Namen zu schreiben, wie unter Zwang oder Hypnose! Als ich die Nachricht abschicken wollte, war auf einmal die Batterie leer und die Nachricht konnte nicht gesendet werden. Das ist nun schon der dritte Traum, bei dem beinahe etwas passiert wäre, vor dem ich Panik hatte und ich im letzten Moment gerettet oder gebremst worden bin. Kann das noch ein Zufall sein? Aber wer kann oder würde mir darauf eine Antwort geben? Ich wünschte, du könntest mir helfen.

Deine Lea

 

Lieber Tanael!

So langsam wird es richtig unheimlich! Wenn diese Träume nicht bald aufhören, werde ich verrückt!

Ich saß am PC im Wohnzimmer meiner Eltern und chattete. Eine Weile ging das auch gut und ich unterhielt mich locker mit den anderen im Chat. Da tauchte jemand im Kanal auf, der mich anschrieb und mir „befahl“ meinen wirklichen Namen preiszugeben. Mir sträubten sich die Nackenhaare, aber, als wäre ich eine Marionette, wollte ich meinen Namen tippen – zong! Der Bildschirm wurde weiß, nicht schwarz!!! Und - Stromausfall! Dieser Kram soll aufhören! Wie kann ich mich vor solchen Träumen bloß schützen und sind das wirklich nur Träume oder bedroht mich tatsächlich etwas, von dem ich nichts weiß? Wenn ich das weitererzähle, werde ich wahrscheinlich für nicht ganz dicht gehalten. Viola wird denken, dass ich mir eine Geschichte ausgedacht habe. Was soll ich bloß tun? Wenn es etwas Dunklem gelingt, in meine Träume einzudringen, ist es dann nicht auch möglich einem himmlischen Wesen im Traum zu begegnen, wenn man darum bittet? Ich weiß, dass ich im Wachzustand keine Antwort bekommen kann. Ach Tanael, wenn es irgendwie möglich ist, kannst du nicht dafür sorgen, dass ich im Traum eine Antwort bekomme? Es klingt zwar fantastisch und völlig unmöglich, aber du warst für meine Eltern ja auch etwas, was nicht sein kann, weil es nicht sein darf. Trotzdem warst du bei mir. Deine Strähne beweist es. Wenn es machbar ist, hilf mir!

Deine Lea  

Nachdem Lea ihre Einträge durchgelesen hatte, schloss sie ihr Tagebuch, legte es sich auf den Schoß und ließ sich gegen die Lehne der Bank sinken. Mit leerem Blick ließ sie das Gelesene noch einmal in Gedanken auf sich wirken. Plötzlich fiel ihr der Text eines Liedes ein, den sie während ihrer Konfirmationszeit kennengelernt hatte. Er handelte von Engeln, die Gott gesandt hatte, um einen jeden Menschen sicher durch das Leben zu führen.

Der Vers endete damit, dass man bei GOTT gut aufgehoben war.

Gott, Gebet! Das wäre doch wenigstens mal einen Versuch wert, schoss es ihr durch den Kopf. „Gut, dass ich hier allein bin!“, dachte sie bei sich. Es wäre ihr peinlich gewesen, wenn sie jemand beim Beten erwischt hätte. Sie schaute sich aufmerksam in alle Richtungen um. Sie stand sogar auf und lehnte sich über die Mauer, um zu sehen, ob sich noch jemand hierher verirrt hatte. Dann setzte sie sich wieder hin, faltete langsam und andächtig ihre Hände und begann leise zu beten:

 

„Lieber GOTT! Heute möchte ich dich um etwas bitten. Zuerst einmal aber möchte ich dir danken, dass ich in meinen Träumen beschützt worden bin. Was auch immer es war, es hat mir Angst gemacht. Es heißt, DU weißt immer alles und siehst alles. Dann weißt DU auch um mich und meine Ängste und Probleme. Daher möchte ich DICH von ganzem Herzen und aus tiefster Seele um etwas bitten. Schicke mir bitte einen Engel im Traum, der mir sagt, was los ist, damit ich mich nicht mehr so fürchten muss. Wenn ich wüsste, wovor ich Angst habe, könnte ich besser damit umgehen. Am liebsten wäre mir zwar Tanael, aber ich weiß, dass er nur für kleine Kinder da ist. Bitte grüße ihn von mir! Ich würde mich freuen, wenn ich weiterhin beschützt werden würde. Am besten wäre es aber, wenn diese dunklen Träume aufhören würden. Denn im Moment, kann ich deswegen schlecht einschlafen. Daher mein inständiges Bitten: Hilf mir! Amen“

Lea holte tief Luft und sandte ihr Gebet mit Nachdruck zum Himmel, mit der Hoffnung, erhört zu werden. Sie ließ ihren Blick nach oben gleiten, als ob sie mit den Augen den „Flug“ des Gebetes verfolgen könnte. „Hoffentlich bringt das was!“, seufzte sie in Gedanken. Einen Augenblick blieb sie noch sitzen, dann erhob sie sich und schaute auf ihre Armbanduhr. Ach du liebe Zeit! Es war schon spät und sie sollte sich besser beeilen, nach Hause zu kommen. Schnell stopfte sie sich noch zwei Kekse in den Mund und trank ein paar Schlucke aus ihrer Apfelsaftschorleflasche. Dann packte sie alles zurück in den Rucksack, schnallte ihn sich auf den Rücken und hängte sich die Ohrhörer vom Discman wieder in die Ohrmuscheln. Flink sauste sie die Stahltreppe hinunter, nahm mit kleinen, schnellen Schritten das steile Stück bis zum Pfad und begann in leichtem Trab Richtung Ausflugslokal zu laufen. Mit geschickten Fingern öffnete sie das Fahrradschloss. Das Stück bis zur Ampel konnte sie fast durchgängig rollen. So schnell sie konnte, fuhr sie den Rest des Weges, ungesehen vom Parkwächter (Ätsch!), nach Hause.

Da bist du ja, Lea!“, begrüßte sie ihre Mutter, als sie sich die Windjacke auszog und ihre Schuhe von den Füßen streifte. „Wenn du in 10 Minuten nicht da gewesen wärst, hätte ich dich auf die Vermisstenliste gesetzt.“

Es war gerade 13.00 Uhr, also „just in time“. Glück gehabt!

„Ich habe mich schon beeilt, Mama. Auf dem Rad nehme ich sowieso kein Gespräch entgegen. Was gibt es denn?“ Prüfend sog Lea den Essensduft ein.

„Lasagne mit gemischtem Salat!“

„Oh, das ist gut! Ich habe wirklich Hunger. Weiß Papa schon Bescheid?“, erkundigte sich Lea.

„Nein, du kannst gerne hoch gehen und ihm sagen, dass wir essen können.“, antwortete ihre Mutter mit einem aufforderndem Blick.

„Na gut!“

Etwas murrend, weil sie sich eben schon so angestrengt hatte, stieg sie die Treppe hinauf und klopfte an die Tür des Arbeitszimmers ihres Vaters.

„Papa!? Mama ist mit Essen fertig. Kommst du?“, rief sie durch die Tür.

„Ja, ich komme gleich!“, tönte es beschäftigt heraus.

„Gut!“

Leas Füße liefen wie von selbst die Treppe runter, nach dem schnellen Radfahren schien sie Gummi in den Beinen zu haben und sie setzte sich an den gedeckten Tisch.

„Hat dir dein Nachdenken was gebracht?“, fragte Yvonne ihre Tochter, als sie die dampfende Lasagne auf den Tisch stellte.

„Ich glaube schon! Das werde ich aber erst später merken.“, orakelte sie.

„Was heißt das denn?“ Yvonne zog eine Augenbraue hoch und schaute ihre Tochter fragend an.

„Ich muss jetzt abwarten und die Dinge auf mich zukommen lassen. Das heißt das!“

Lea schob ihr Kinn etwas vor. Es wirkte etwas trotzig und hieß: Dring nicht weiter in mich!

„Na denn!“

Ihre Mutter hatte verstanden. Wenn Lea sich so verhielt, hatte es keinen Zweck weiter nachzuhaken. Sie würde keine befriedigende Antwort bekommen. Da betrat Leas Vater das Esszimmer.

„Hallo Lea! Du hast ja wieder eine Sturmfrisur! Bist du wieder so schnell Rad gefahren? Auf jeden Fall hast du eine gesunde Gesichtsfarbe und wie ich annehme, einen entsprechenden Appetit mitgebracht.“, grinste Alexander und setzte sich an den Tisch.

„Ja Paps! Ich habe großen Hunger!“

Sie lächelte etwas schief zurück. Er zog sie gerne auf. Manchmal vergaß er nur, dass sie schon fast erwachsen war. Auf ihren Appetit wurde sie nicht so gerne angesprochen. Sie war zwar nicht dick, aber sie wünschte sich immer ein paar Kilo weniger auf der Waage. Ihr „Appetit“ stand ihr dabei leider immer wieder im Weg. Was das anging, war sie ein typischer Teenie. Sie hatte immer etwas an sich auszusetzen, statt die Dinge an sich zu sehen, die vorteilhaft waren.

Schweigend aßen sie zusammen Mittag.

„Ich gehe an den Computer.“, erklärte Lea nach dem Nachtisch, ihre Mutter hatte Tiramisu gemacht und erhob sich vom Stuhl.

„Nicht ohne etwas abzuräumen und in die Küche zu bringen!“, blickte Yvonne sie tadelnd an.

„Oh Mama, muss das sein?“ Lea drückte sich gerne vor solchen Aufgaben.

„Ja, das muss sein! Ich helfe auch mit. Schließlich hat Mama vorher die ganze Arbeit getan.“

Alexander schaute seine Tochter mit seinem „Vaterblick“ an. „Kein Entkommen, mein Schatz!“

„Wenn es sein muss!“

Missmutig nahm sie ihr Geschirr und Besteck, stellte es übereinander und trug es in die Küche auf den Tisch.

„Ich geh dann hoch!“, sagte sie schnell und lief flink die Treppe hoch.

Damit überließ sie ihre Eltern sich selbst. In ihrem Zimmer angekommen, holte sich Lea ihr Notebook aus dem Schrank und stellte es auf den Schreibtisch. Sie hatte sich den Computer von ihrem Konfirmationsgeld gekauft. Es hatte nicht ganz gereicht, doch ihre Eltern hatten den noch recht beträchtlichen Restbetrag beigesteuert. So hatte jeder im Haus seinen eigenen PC. Etwas snobistisch vielleicht, jedoch durchaus eigennützig. Wenn Yvonne an den PC im Wohnzimmer gehen wollte, war Lea oft dran, weil sie entweder chattete oder für die Schule im Internet am surfen war. Jetzt hatte auch die Mutter wieder freien Zugang zu einem Computer und weil Alexander beruflich mit Computern arbeitete, hatte die Familie im Haus „wireless lan“. Das war sehr praktisch! Sparte es doch viele Meter Kabel. Schnell startete Lea das Notebook und klickte sich ins Internet rein, um zu chatten. Dabei vergaß sie immer die Zeit. Viola war „on“ und schrieb, dass sie heute Abend wieder zur Disco gehen würde. Sie fragte Lea, ob sie nicht auch Lust hätte, aber Lea wollte sich lieber einen gemütlichen Abend zu Hause machen. Sie war gespannt, ob sich nach ihrem Gebet etwas tun würde. Vielleicht war diese Vorstellung etwas albern und vermessen, doch sie hoffte, dass GOTT sie diesmal erhört hatte und ihre Bitte nicht einfach so verhallte. GOTT war ja nicht der Wundertätige im buchstäblichen Sinn. Aber neugierig war sie schon. In dieser Stimmung war sie nicht in der Lage, Viola in die Disco zu begleiten. Nach dem Abendbrot schnappte sie sich ihr Buch, an dem sie gerade las, stellte leise Musik an und legte sich dazu auf ihr Bett. Richtig darauf konzentrieren konnte sie sich aber nicht. Zwischendurch lief sie immer wieder in ihrem Zimmer umher. Dass sie nervös war, merkten auch ihre Eltern.

„Was ist denn mit dir los?“

Yvonne schaute in Leas Zimmer und wunderte sich über das Verhalten ihrer Tochter.

„Hast du ein Problem?“, erkundigte sie sich fürsorglich.

„Irgendwie schon, aber ich glaube nicht, dass du mir dabei helfen kannst, Mama! Ich bin einfach nur ein bisschen aufgeregt und weiß nicht so recht wohin mit mir.“, gab Lea zu.

„Bis auf heute morgen warst du nicht draußen. Fehlt dir vielleicht noch Bewegung und etwas frische Luft?“

„Ich weiß nicht! Nein, eigentlich nicht! Ich bin nur etwas nervös. Weißt du, wie ich mich beruhigen kann?“

Lea schaute ihre Mutter hoffnungsvoll an.

„Ich hätte noch etwas Baldrian im Apothekenschrank. Johanniskrauttabletten wären auch eine Möglichkeit. Für einfache Fälle habe ich auch noch Melissentee. Du wirst doch wohl nicht krank?“, fragte Yvonne besorgt.

„Nein, Mama! Es hat mit meinen Träumen zu tun. Ich kann einfach nur schlecht einschlafen und muss viel darüber nachdenken.“, erläuterte Lea ihre Unruhe.

„Gibt es da wirklich keinen Jungen, der dich gefühlsmäßig zu sehr bedrängt?“, bohrte ihre Mutter nach.

„Noch mal: Nein Mama! Jungen interessieren mich nicht und ich interessiere keinen Jungen! Ich weiß nicht woher die Träume kommen und möchte einfach nur ruhig schlafen. Kannst du das verstehen?“

Tatsächlich hatte Lea mittlerweile leichte Ansätze von Augenringen.

„Ja, ich glaube schon!“, seufzte Yvonne.

„Zum Einschlafen wäre am besten der Tee, denke ich. Soll ich dir welchen machen?“, bot sie an.

„Das wäre lieb! Ich ziehe mich inzwischen um.“

Yvonne nickte, zufrieden, etwas für ihre Tochter tun zu können. Lea ihrerseits war froh, ihre Mutter für einen Moment los zu sein. Sie hatte sie wirklich sehr lieb. Doch im Moment wollte sie lieber allein sein. Sie konnte ihr schlecht erzählen, dass sie darauf hoffte, eine Reaktion auf ihr Gebet zu bekommen. Sie hatte keine Lust, dass ihre Mutter auf die Idee kommen könnte, sie zu einem Psychiater zu schicken, wegen ihrer eigenartigen Ambitionen. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, dass sie als kleines Mädchen dort war, weil ihre Mutter Tanael für ein Hirngespinst von ihr hielt.

Lea ging ins Badezimmer, putzte sich fahrig die Zähne und zog sich für die Nacht um. Als sie fertig war, kam ihre Mutter wieder ins Zimmer und brachte ihr den Tee.

„Danke, Mama!“, bedankte sie sich artig.

Auf was Warmes zu trinken konnte sie jetzt schon. Sie nahm den Tee entgegen und drückte ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange.

„Gute Nacht!“

„Gute Nacht, Lea und schlaf gut!“, erwiderte Yvonne und gab ihrerseits ihrer Tochter einen Kuss, allerdings nicht, ohne sie mit einem seltsam nachdenklichen Blick zu bedenken. Dann verließ sie Leas Zimmer.

Lea setzte sich auf ihr Bett und trank den Tee in kleinen Schlucken. Dazu hörte sie sich ruhige Entspannungsmusik an, um müde und ruhig zu werden. Die Musik machte sie jedoch nur noch kribbeliger. Also stellte sie die Musik wieder aus. So langsam entfaltete der Tee seine wärmende und beruhigende Wirkung. Ihre Nervosität ließ allmählich nach. Als sie den Becher ausgetrunken hatte, stellte sie ihn auf den Nachttisch und ging noch einmal zur Toilette. Sie hatte keine Lust nur wegen des Tees nachts aufstehen zu müssen. Schnell schlüpfte sie wieder zurück in ihr Zimmer und legte sich unter ihre warme, kuschelige Decke. Dann löschte sie das Nachtlicht. Dunkelheit und Stille umfingen sie.

Lea spürte den starken Drang vor dem Schlafen noch ein Gebet zu sprechen. Sie faltete die Hände über der Brust.

„Lieber Gott! Ich möchte dir ja nicht lästig werden, aber denkst du noch an meine Bitte? Es ist mir wirklich sehr wichtig! Wenn ich keine Antwort auf meine Frage bekomme, so möchte ich wenigstens schöne Träume haben, damit meine Angst vor dem Einschlafen aufhört. Egal was von beiden du wählst, ich danke dir jetzt schon mal dafür. Pass bitte auch auf Mama und Papa auf und lasse deine Engel über sie wachen, so wie meine Engel über mich wachen. Gute Nacht! Amen!“

Lea drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. Sie bemühte sich ruhig zu atmen und ihren Geist stille werden zu lassen. Alle möglichen Gedanken gingen ihr noch durch den Kopf. Sie ließ sie einfach ziehen. Nach einer Weile merkte sie, wie sie abzudriften begann und die Müdigkeit sie mit Macht überkam. Sie schlief ein. So wie es schien, hatte Gott in dieser Nacht tatsächlich ein Einsehen mit Lea. Sie hatte einen besonderen Traum:

 

Lea befand sich in einer großen Stadt. Sie schlenderte durch die engen Geschäftsstraßen der schönen Altstadt und wurde dabei von einer großen, prächtigen Kathedrale, die auf dem Hügel in der Stadtmitte thronte, angezogen. Steile Treppen führten zwischen den Straßen und Häusern hinauf. Lea begegnete keiner Menschenseele auf ihrem Weg. Als sie die letzten Treppenstufen zur Kathedrale erklommen hatte, genoss sie erst einmal den Ausblick auf die Stadt, die von oben gesehen einen mittelalterlichen Eindruck machte. Ein Geländer begrenzte den großen Platz, auf dem alte, hohe Bäume standen. Gusseiserne Bänke unter dem dichten Laub luden zum Ausruhen ein. Als Lea sich umdrehte und zum Haupteingang der Kathedrale schlenderte, bemerkte sie eine große, gotische Rosette über dem üppig verzierten Hauptportal. In der Mitte der Rosette schien eine Sonne nach allen Seiten zu leuchten. Hinter den Strahlen schlossen sich Doppelflügel an. Am Rand waren Zeichen eingelassen, die Lea nicht kannte. Vielleicht waren sie ja astrologischer Herkunft, mutmaßte sie.

Ein Türflügel des Hauptportals war leicht geöffnet. Als ob sie erwartet worden wäre! Lea schlüpfte mit leichtem Herzklopfen durch den schmalen Spalt und betrat den großen, hohen Innenraum des Gotteshauses. Sie staunte nicht schlecht. Es war sehr hell dort drin. Heller als es durch das Sonnenlicht, das durch die großen bunten Fenster flutete, hätte sein können. Ein schlichter, großer Altar stand in der Mitte des Kirchenschiffes und war von weißem Licht umgeben. Aber es gab keine Scheinwerfer, die ihn erleuchteten. Keine Bänke oder Stühle waren, wie gewöhnlich, um den Altar aufgestellt. Nur der glatte, helle, saubere Sandsteinfussboden war deutlich zu sehen. Sie suchte die kahlen Wände nach den üblichen Heiligenbildern und Nischen ab, fand aber keine. Auch der typische Leidensweg Jesu fehlte, den man sonst in jeder katholischen Kirche an den Wänden abgehen konnte. „Seltsam!“, dachte sie bei sich. „Was ist das für ein Ort?“

„Willkommen, Lea!“, begrüßte sie eine sanfte, tiefe, melodiöse Stimme.

Sie drehte sich erschrocken um sich selbst und suchte den Urheber der freundlich gesprochenen Worte.

„Hier bin ich!“

Aus dem hellen Licht das den Altar umgab, löste sich eine Gestalt. Sie war selbst von überirdischem Licht umgeben!

„Wer bist du?“, rutschte es Lea flüsternd und verwundert heraus.

„Du hast ein Gebet gesprochen, erinnerst du dich?“

Ein lächelnder Blick streifte über Leas Gestalt.

„Ja, ich weiß! Bist du die Antwort auf mein Gebet?“, wollte Lea wissen.

Staunend betrachtete sie das leuchtende Wesen, dass sie stark an Tanael erinnerte.

„So könnte man es beschreiben. Ich bin hier, um dir zu helfen. Ich bin dein Schutzengel! Dein Gebet auf dem Aussichtsturm hat mich dazu bewogen, um Erlaubnis zu fragen, dir persönlich gegenübertreten zu dürfen. Man hat mir die Erlaubnis erteilt, wie du siehst.“, antwortete die Lichtgestalt, die sich als ihr Schutzengel ausgab.

„Ja, das sehe ich! Sprichst du eigentlich immer so geschwollen?“, wollte Lea wissen und hätte sich gleich darauf auf die Zunge beißen können, wegen ihrer losen Ausdrucksweise.

Tanael hatte nie so gestelzt mit ihr geredet. Der Engel lachte kurz.

„Nein! Aber meinesgleichen hat nicht so oft direkten Kontakt zu Menschen wie dir. Untereinander brauchen wir keine Worte. Die Verständigung ist direkt. Wenn ich etwas altmodisch in deinen Ohren klinge, so liegt das daran, dass ich mich erst wieder an den Gebrauch von Worten gewöhnen muss.“, erklärte der Engel.

Lea war beruhigt, dass er ihr ihre Worte nicht übel nahm. Sie fasste wieder Mut.

„Du scheinst mich gut zu kennen. Na ja, Schutzengel eben, oder?“, blickte Lea den Engel fragend an.

Der nickte auf ihre Frage.

„Ich kenne dich aber nicht! Du bist nicht Tanael, den hätte ich wiedererkannt. Wer bist du dann?“, wollte Lea wissen.

„Mein Name ist Asturel! Ich begleite dich schon eine sehr lange Zeit, auch wenn du mich bisher noch nicht bemerkt hast.“, lächelte ihr Schutzengel.

Was heißt lange?“ Leas Neugier war erwacht.

„Ich bin schon seit deinem ersten Leben auf der Erde bei dir. Erstaunt?“, sah er Lea herausfordernd und Widerspruch erwartend in das zweifelnde Gesicht.

„Du weißt doch um die Wiedergeburt, oder?“, hakte er nach.

Lea nickte langsam. Sie besaß mehr als ein Buch, in dem dies als Tatsache hingestellt wurde.

„Den Christen ist zwar verboten, daran zu glauben, aber das ist auf Veranlassung des Kaisers Justinian im Jahre 553 auf einem Kirchenkonzil geschehen.“

Auch hierzu nickte sie. Dieser Umstand war ihr bekannt. Sie interessierte sich schon seit ihrer frühen Kindheit für dieses Thema, was ihr ein Kopfschütteln ihrer Eltern eingebracht hatte.

„Ein Leben würde gar nicht ausreichen, um all das zu erfahren und zu lernen, wozu ihr Menschen auf die Erde kommt.“, fuhr Asturel fort.

„Eure Seele ist ein Funke GOTTES, der ausgesandt worden ist, um Wissen und Erfahrungen zu sammeln. Auch du bist so ein Funke GOTTES! Ich bin bei dir, seit du das erste Mal das Licht der Welt erblickt hast. Wenn du dich so sehen könntest, wie ich dich sehe, dann wüsstest du, dass dein Funke schon sehr hell geworden ist. Dein Weg ist bald vollbracht!“ Asturel lächelte sie voller Zuneigung an.

„Danke für die Auskunft!“ Leas Stimme wurde fester.

Sie hatte endgültig ihr Erstaunen überwunden und wollte gleich auf ihr Anliegen kommen. Sie war sich bewusst, dass sie träumte und wollte keine Zeit mit Nebensächlichkeiten vergeuden. Was wäre, wenn sie vorzeitig aufwachte und sie ihre Antworten noch nicht bekommen hatte?

„Wenn du schon mein Gebet ansprichst: Kannst du mir etwas über meine seltsamen Träume erzählen?“, verlangte sie zu wissen.

„Ungeduldig wie immer!“

Asturel bedachte Lea mit einem schelmischem Blick und einem erhobenen Zeigefinger.

„Natürlich kann ich das! Dafür bin ich ja extra hierher gekommen!“

Einladend wies er auf eine einfache, helle, hölzerne Bank, die aus dem Nichts erschienen war.

„Setz dich! Ich werde dir erzählen, worum du gekommen bist.“

Etwas zögernd nahm Lea Platz und schaute Asturel abwartend an, der sich neben ihr niederließ.

„Zuerst einmal: Deine Vermutung, dass die Bedrohung in deinen Träumen echt ist, entspricht der Wahrheit. Ebenso die Vermutung, dass du beschützt wirst. Es gibt eine dunkle, mächtige Seele, die dich sucht und dir Schaden zufügen will. Wir Engel schirmen dich vor ihr ab, damit du deine Lebensaufgabe erfüllen kannst.“

„Stop! Was ist denn meine Lebensaufgabe?“ Lea brannte auf die Antwort.

Wer möchte nicht gern aus dem Munde eines Engels erfahren, welche Aufgabe man im Leben zu meistern hat? Stumm hörte Asturel in sich hinein. Lea wartete ungeduldig auf seine nächsten Worte.

„Ich bin leider nicht derjenige, der dir das sagen darf! Es ist noch nicht an der Zeit, dir mitzuteilen, was noch vor dir liegt. Hab bitte Verständnis und Geduld, auch wenn es dir schwer fällt. Frag mich lieber nach der dunklen Seele, da kann ich dir eher was zu erzählen.“, teilte Asturel ihr bedauernd mit.

Lea kämpfte mit ihrer Enttäuschung, musste sich aber mit den Worten ihres Schutzengels zufrieden geben. Das spürte sie instinktiv.

„Was ist nun mit dieser dunklen Seele? Habe ich irgendwann mal etwas verbrochen, weswegen dieser Geist mich sucht?“

In Leas Frage klang die Enttäuschung mit. Wie gerne hätte sie eine Antwort zu der ersten Frage gehört. Geduld gehörte nicht unbedingt zu ihren Stärken.

„Dieser „Geist“ wie du ihn nennst, kennt dich aus einem Leben, das schon sehr lange zurückliegt. Sein Name ist übrigens Albion. Er selbst war zu der Zeit ein Mensch. Ihr beide mochtet euch damals recht gern und eure Eltern hatten vor, euch zu verheiraten. Es kam aber jemand dazwischen und die Heirat fand nicht statt. Aus Eifersucht und Rachegelüsten wandte sich Albion der Finsternis zu und erlernte Schwarze Magie von Einem der einst zu den Meinigen zählte. Als er starb, schwor er sich, dich, egal wo du wiedergeboren werden würdest, zu finden und leiden zu lassen, für das nicht eingehaltene Eheversprechen. Wegen seiner finsteren Gesinnung fand er den Weg ins Licht nicht und blieb in der grauen Zwischendimension hängen, wo viele solcher Wesen sind. Ihr Menschen nennt sie manchmal Dämonen. Hier wartete er darauf, dass du wieder auf die Erde kommen würdest.“, erläuterte Asturel.

Er hielt einen Moment inne, als lausche er in sich hinein. Dann fuhr er fort: „Damit er dich nicht finden konnte, wurde ein Schleier des Vergessens um die Erinnerung dieses Lebens gelegt. Viele Male bist du so auf die Erde gekommen, ohne dass er dich hätte finden können.“

„Und warum hat er mich jetzt gefunden?“ Lea überlief eine leichte Gänsehaut bei Asturels Worten.

„Er hat dich noch nicht wirklich gefunden, ist aber schon dicht dran. Du bist nicht die Einzige, die solche Träume hat. Aber auch die anderen Mädchen werden beschützt. So weiß er immer noch nicht, welche von denen du bist.“ Es sollte beruhigend klingen.

„Das beantwortet meine Frage aber noch nicht wirklich. Was ist an diesem Leben anders als an den vorangegangenen?“ Lea ballte ihre Hände nervös zu Fäusten.

„In diesem Leben wird der Schleier gelüftet werden. Bei deiner Geburt lockerte er sich schon. Da man aber bei jeder Wiedergeburt ohnehin alles Vorangegangene „vergessen“ muss, hattest du noch keinerlei Zugriff darauf. Es gab nur ein kurzes Aufflackern, bei deiner Wiederverkörperung. Das hat Albion bemerkt. Aber es war zu kurz für ihn, um herauszufinden, wo du geboren wurdest. Seitdem sucht er dich.“

„Wird dieser Albion mich mein Leben lang verfolgen oder habe ich Hoffnung, dass dies irgendwann aufhört?“ Lea klang ziemlich beklommen und etwas atemlos.

„Das ist wieder etwas, was ich dir nicht so genau sagen darf. Nur so viel: Es gibt Hoffnung! Du selbst kannst einen Teil dazu beitragen. Deine Angst ist verständlich. Aber ich kann dir versichern, dass du ab jetzt von ihm in deinen nächtlichen Träumen nichts mehr zu befürchten hast. Er wird eine Weile Ruhe geben und deine Träume werden wieder ruhiger. Dafür haben wir gesorgt!“

Asturel nahm ihre Fäuste in seine Hände und Lea fühlte Ruhe und Gelassenheit in sich aufsteigen. Als ihre Hände sich entspannten, ließ er sie wieder los.

„Danke, ich meine: GOTT sei Dank oder auch: Engel sei Dank, wie auch immer! Schade nur, dass du mir nicht mehr sagen kannst.“

Lea war immer noch enttäuscht und ein bisschen traurig.

„Etwas möchte ich dich aber noch fragen und eventuell bitten, wenn es möglich ist.“

„Nur zu, Lea!“, ermunterte Asturel sie.

„Sehe ich dich wieder?“, sah sie ihn hoffnungsvoll an.

„Ja, wir sehen uns wieder. An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit.“, blieb Asturel bewusst vage.

Doch die Antwort war Lea in diesem Moment ausreichend.

„Gut, das freut mich! Kennst du Tanael?“, wollte sie wissen.

„Ja! Wir sprechen manchmal miteinander, da er immer noch mit dir verbunden ist .Er weiß um die Einträge in deinem Tagebuch und war genauso wie ich dafür, dass ich dich im Traum besuche. Er bedauert es manchmal, dass er nicht mehr zu dir kann. Aber so ist das nun einmal!“, seufzte Asturel.

„Würdest du ihn bitte von mir grüßen? Du kannst ihm auch sagen, dass mir seine Haarsträhne oft geholfen hat. Dafür möchte ich ihm danken. Könntest du das für mich tun?“, blickte sie ihn bittend an.

„Ja, das kann ich.“, nickte Asturel.

„Danke!“, freute sich Lea.

„Leider ist unsere Zeit schon um und ich muss mich von dir verabschieden, Lea! Es war schön, dir wieder zu begegnen. Ich freue mich schon auf unser nächstes Wiedersehen.“, teilte er ihr mit einem wehmütigen Ausdruck in den Augen mit.

Asturel stand auf. Lea machte es ihm nach.

„Auch ich habe mich gefreut, dich kennen zu lernen oder wiederzusehen, Asturel. Wie auch immer! Vielen Dank, für dein Kommen! Du hast mir die Angst erst einmal genommen. Auch wenn du mich dafür im Gegenzug neugierig zurücklässt. Jetzt möchte ich nämlich wissen, was noch vor mir liegt. Aber da sind dir wohl die Hände gebunden. Was?“, hakte sie wissbegierig nach.

„So ist es!“, erwiderte Asturel und legte ihr sanft seine Hände auf die Schultern.

„Bitte umgib mich einmal mit deinem Licht!“, entfuhr es Lea spontan und sie sah Asturel in die freundlich blickenden Augen.

„Gern!“, nickte Asturel bereitwillig.

Er schloss die Arme um Lea und hüllte sie in sein Licht. Es fühlte sich an, als ob sie von großen Flügeln umfangen wäre. Sie spürte, wie sie davon durchdrungen wurde und sich wie auf Wolken vorkam. Er fühlte sich so ähnlich wie Tanael an: weich, warm und irgendwie halbdurchlässig.

„Schließe deine Augen und atme ganz ruhig!“, bat Asturel sie.

Lea senkte ihre Lider und achtete auf ihren Atem Er wurde immer ruhiger.

„Fühle das Licht in dir! Lass es dich durchfluten, bis du selber Licht bist!“

Asturels Stimme wirkte hypnotisch und wurde immer leiser. Lea hatte das Gefühl sich aufzulösen.

„Du bist Licht im Licht und wirst zurückgetragen zu dem Ort, wo du schläfst. Lasse dich nun einfach treiben und tragen. Bis bald, kleine, tapfere Lea!“, verabschiedete sich Asturel.

Die letzten Worte drangen kaum noch an Leas Ohr. Sie fühlte sich leicht und unbeschwert, wie eine Feder im Wind. Ihre Wahrnehmung verlor sich im Nirgendwo ...

Als Lea am nächsten Morgen erwachte, sandte sie ein Dankgebet in den Himmel und versuchte sich an jede Einzelheit ihres wundersamen Traumes zu erinnern.

 

 

 

7. Ein Blick in die Finsternis

 

Es existierte ein Ort, an dem es weder Tag noch Nacht gab. Hier herrschte immer ein graues, waberndes Halbdunkel. Es war ein Ort, an dem man sich gut verbergen konnte und der viele einsame Plätze bot. Ein Ort, von dem man das Leben auf der Erde gut beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Ein Ort, an dem man dahindämmerte, Rachegefühle oder Hass hegte und nach Leben gierte oder in Jammer daran zurückdachte.

Die Wesen, die hier ihr Dasein fristeten, konnten von Menschen nicht wahrgenommen werden. Denn sie hatten keinen Körper und waren für die materielle Welt mit ihren fünf Sinnen nicht zu erfassen. Es waren Wesen, Seelen, die einst selbst in menschlicher Gestalt auf der Erde gelebt hatten. Nach ihrem Tod fanden sie jedoch nicht den Weg zurück ins Licht, wie die meisten anderen. Hier strandeten Seelen, die sich selbst das Leben genommen hatten, Seelen, die zu plötzlich aus dem Leben geschieden waren, als das sie wahrgenommen hätten, dass sie gestorben waren. Meist blieben diese Seelen eine Weile hier, bis ihnen doch noch auf irgend eine Weise, der Weg ins Licht gezeigt wurde. Es kam aber auch vor, dass sie sich an die Aura eines Menschen hängten, doch nur, wenn das schützende Energiefeld nicht ganz intakt war. Dies geschah zum Beispiel in Momenten der Trauer, des Schocks, unter Drogen und in Narkose, wenn die Menschen nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte waren. Manchmal hatten die verirrten Seelen auch das „Glück“, als Zweitbewohner in einen Körper einzuziehen und so ein Scheinleben zu führen, indem sie die eigentliche Seele des Wirtskörpers unterdrückten oder in die Ecke trieben. Für die betroffenen Menschen war es dann ein Segen, wenn es einen anderen Menschen gab, der die Besetzung erkannte und es schaffte, die verirrte Seele ins Licht zu schicken. Manchmal kam es auch vor, dass die Schmarotzerseelen mit der eigentlichen Seele beim Tod des Gastkörpers mit ins Licht gezogen wurden. Bei den anderen waren die Aufenthalte in den fremden Körpern eine willkommene Abwechslung. Nach dem Tod des alten Wirtskörpers suchten sie sich einen neuen. So konnten sie ihre Gier nach Leben und irdischen Genüssen aller Art befriedigen.

Es gab aber auch Seelen, die absichtlich in der Zwischendimension blieben, obwohl ihnen bewusst war, dass sie einen anderen Weg hätten gehen können. Dies waren Seelen, die sich allen Versuchen, sie ins Licht zu führen, widersetzten. Hierunter gab es dunkle, rachsüchtige Seelen, die, je länger sie sich in dieser Zwischendimension befanden, immer mehr die Züge eines Dämons annahmen oder eines Seelenvampirs, die den lebendigen Seelen die Energie entzogen und sie schwach und matt werden ließen. Helle, reine Seelen zogen solche Wesen an wie Motten das Licht. Sie waren so etwas wie ein Ersatz des einen großen Lichtes, zu dem sie nicht gehen wollten. Denn auch sie, obwohl sie es nicht wahrhaben wollten, konnten ganz ohne Licht nicht existieren.

Eine dieser finsteren Seelen befand sich schon sehr lange hier: Albion. Es war die Seele eines Mannes, der am Anfang der Zeit auf der Erde gelebt, geliebt, verloren und gehasst hatte. Er nutzte diesen Ort als Ausgangsbasis, um auf der Erde Unheil anzurichten. Dabei hatte sein Leben damals so vielversprechend begonnen!

Er war als Sohn einer reichen Bauernfamilie in einer bergigen Gegend, in der Nähe der Quelle eines Flusses, geboren worden. Er hatte noch einen Bruder gehabt, mit dem er sich mehr oder weniger gut verstanden hatte. Jeder der beiden Söhne hatte seinen Platz gekannt und das gelernt, was für das Überleben der Familie gebraucht worden war. Seine Aufgabe war das Hüten der Rinder gewesen, die auf den steilen, aber saftig grünen Bergwiesen geweidet worden waren. Er war mit einer jungen, schönen Frau verlobt gewesen, die er schon als kleiner Junge gekannt und gemocht hatte. Sein Glück schien perfekt gewesen zu sein. Sie stammte aus einer ähnlichen Familie wie er. Der Bruder der jungen Frau hatte neben ihm eine Herde Ziegen gehütet. Seine Verlobte war täglich mit einem großen Krug auf dem Kopf dahergekommen, um die Ziegen zu melken. Sie hatte ein fröhliches Wesen gehabt, war ein bisschen keck gewesen und hatte manchmal eine lose Zunge gehabt. Aber gerade das hatte er so an ihr geliebt! Sie hatte seinen Tag bunter werden lassen. Seine Arbeit hatte etwas Eintöniges an sich gehabt und selten war etwas Aufregendes oder Besonderes passiert, es sei denn ein Rind hatte sich verirrt und hatte gesucht werden müssen. Er hatte sich an sie gewöhnt und sich jeden Tag darauf gefreut, dass sie vorbeikam. Für ihn hätte es ewig so weitergehen können. Doch eines Tages war etwas absolut Außergewöhnliches passiert.

Ein paar junge Männer waren vom Berg dahergekommen, die aussahen, als hätten sie noch nie schwere Arbeit leisten müssen. Sie hatten keine bäuerliche Kleidung getragen, sondern etwas, dass eher zu einem Fürsten gepasst hätte. Doch sie hatten keine Soldaten als Schutz bei sich. Als sie das Dorf betreten hatten, sprachen sie den ersten Dorfbewohner, den sie trafen an, an und fragten, ob sie die Dorfältesten sprechen dürften. Dieser war sofort losgelaufen, um alle zu alarmieren und zu informieren. Im Dorf hatten sich die Menschen bang gefragt, was diese reichen jungen Männer hier wohl wollten. Die Dorfältesten eilten so schnell sie konnten, in das Versammlungshaus, um die seltsame Gruppe zu empfangen. Alle im Dorf lebenden Menschen waren zusammengeströmt, um mitzubekommen, was dort vor sich ging. Warum waren diese Fremden hergekommen? Der Rat des Dorfes hatte sich um einen Anschein von Ruhe und Würde bemüht und hatte die Fremden gefragt, was sie hier suchten. Die Ältesten hatten befürchtet, dass ein neuer Herrscher auf die Idee gekommen sein könnte, neue Abgaben zu fordern oder Schlimmeres. Sie waren sehr verwundert gewesen, als die kostbar gekleideten Männer keine Forderungen stellten, sondern schlicht darum baten, für eine Weile bleiben zu dürfen. Als Gegenleistung hatten sie angeboten, den Leuten im Dorf zu helfen. Auf diese Äußerung hatten die Männer des Dorfes gelacht und sich gegenseitig spöttisch angeschaut. Sie hatten sich nicht vorstellen können, dass diese feinen Herren in der Lage sein könnten, ihnen zu helfen. Herren wie sie ließen sich bedienen und legten niemals selbst Hand an irgendwelche Dinge. Was meinten die Fremden ihnen zeigen zu können, was sie nicht selbst besser konnten?

In dem Dorf war es Gesetz gewesen, dass sich einzelne Fremde oder aber ganze Familien ansiedeln durften. Eine Gruppe von ledigen Männern aber nicht. Sie wurden als Gefahr für die ansässigen jungen Männer gesehen, die meist schon früh mit Frauen aus der Sippe verlobt wurden. Konkurrenz wurde nicht geduldet!

Die fremden Männer hatte jedoch eine Ausstrahlung umgeben, der sich keiner entziehen konnte. Es war, als wären sie von einem unerklärlichen Licht umgeben, von einer Würde, die jenseits eines Menschen lag. Selbst die Dorfältesten hatten das Gefühl gehabt, ihnen nichts verwehren zu können und waren darum einverstanden gewesen, dass die fremden Männer blieben.

Als diese sich Häuser bauten, waren die Dorfbewohner neugierig stehen geblieben. Nicht nur, weil sie ihnen den Hausbau zunächst gar nicht zugetraut hatten. Denn ihre Hände hatten nicht wie Maurerhände ausgesehen. Sondern weil ihre Häuser anders und irgendwie besser und fester ausgesehen hatten, als die Häuser des übrigen Dorfes. Die Männer waren aus allen Ecken der Siedlung herbeigekommen und ließen sich von den bereitwilligen Neulingen zeigen, wie sie ihre Häuser fertigten. Das war aber nicht das Einzige, was diese Männer ihnen beibrachten. Sie hatten sich auch in der Metallverarbeitung ausgekannt und hatten ihnen die Herstellung von Messern, Schwertern, Schilden, Pflügen und anderen Gebrauchsgegenständen aus Metall gezeigt. Selbst in der Fertigung von Schmuck hatten sie sich ausgekannt. Sie schienen ein unerschöpflicher Quell des Wissens zu sein. Den Frauen des Dorfes hatten sie den Anbau und Gebrauch von Heilkräutern gezeigt und ihnen die Herstellung von Schminke und deren vorteilhaften Einsatz gelehrt. Dies war durchaus misstrauisch beäugt worden. Denn an die Frauen ließen die Männer des Dorfes keinen Fremden gerne heran. Trotzdem hatte jedermann sie bewundert und sich gerne in ihrer Nähe aufgehalten. Sie waren immer freundlich gewesen und jeder Auseinandersetzung, wenn möglich aus dem Weg gegangen oder hatten sie im Keim erstickt. Unheimlich war, dass sie auch in der Kunst der Beschwörung und Magie, bewandert gewesen waren. Woher waren diese Männer gekommen? Seltsam, aber niemand hatte gewagt, sie danach zu fragen! Sie schienen ein Geschenk des Himmels gewesen zu sein und damit unantastbar.

Wie sich später herausstellte, waren sie ein scheinheiliges Pack gewesen. Sie alle hatten es auf eine ihrer Frauen abgesehen! Am schlimmsten hatte es ihn, Albion, getroffen. Seine Hochzeit war schon beschlossene Sache gewesen und hatte kurz bevorgestanden, als einer dieser dahergelaufenen Fremden seiner Verlobten den Hof machte! Sie war so von ihm betört gewesen, dass sie pflichtvergessen und verantwortungslos mit diesem sittenlosen Kerl geflohen war. Zunächst hatte er es nicht fassen können und war wie erstarrt gewesen. Aber dann hatten ihn große Wut und Hass auf die Frau überkommen, die eigentlich die Seine hätte werden sollen. Das sollte nicht ungestraft bleiben! Aber so einfach war das mit dem Vergelten nicht gewesen! Er hatte versucht ihr aufzulauern und sie zur Rede zu stellen, aber alle seine Versuche waren fehlgeschlagen. Hatte es daran gelegen, dass ihr Geliebter der Magie mächtig war? Wie auch immer! Albion beschloss, selber ein Magier zu werden. Er suchte einen der anderen fremden Männer auf und bat darum, in die Kunst der Magie eingewiesen zu werden. Er hatte vorgegeben, die Magie zum Wohle des Dorfes einsetzen zu wollen. Von dem guten Willen Albions überzeugt, hatte der Mann eingewilligt und so war Albion nach einiger Zeit zu einem brauchbaren Magier geworden. Mit diesem Wissen ausgestattet, hatte er einen neuen Rachefeldzug gegen das verhasste Paar begonnen. Aber egal was es auch war, was er auch versuchte, alles wurde im letzten Moment vereitelt oder verpuffte ohne Wirkung. Das hatte ihn rasend gemacht! Er entwickelte einen Hass auf alle Frauen, die sich mit den Fremden eingelassen hatten. Was waren sie doch für wankelmütige Wesen! Hatten sie sich nicht wie Huren an diese Fremdlinge rangemacht und für ihr Vergnügen und Verlangen die ehrbaren Männer stehen gelassen, denen sie eigentlich zur Ehe versprochen waren? Dafür hatten sie alle ewige Verdammnis und alle Schmerzen, die er ihnen zufügen konnte verdient. Seine finstere Natur hatte er nicht mehr länger verstecken können, zu übermächtig wurde die Dunkelheit in ihm. Die Menschen verstießen ihn aus dem Dorf und er hatte fortziehen müssen. Daraufhin hatte er sich eine Höhle gesucht, in der er als Einsiedler leben konnte und bittere Rache geschworen. Kaum jemand hatte sich danach in seine Nähe getraut, denn er war mittlerweile als Magier weit und breit bekannt. Nach seinem Tod, der durch diese verdammten Fremdlinge herbeigeführt worden war, war seine Seele von einem der großen Dunklen Fürsten der Hölle abgeholt worden. Der Finsterling hatte ihn zu Lebzeiten in die Schwarze Magie eingeführt und als Preis seine Seele gefordert. Von der Bösartigkeit des Mannes angetan, war der Dunkle Fürst bereit gewesen, ihm seine Hilfe anzubieten. Albion hatte sich mit all seinem Streben der Rache an seiner ehemaligen Verlobten verschworen. Als die „ehrlose“ Frau starb, hatte Albion, der sich langsam in einen Dämon verwandelte, einen dunklen Plan geschmiedet. Sollte diese Hure je wieder das Licht der Welt erblicken, so würde er dafür sorgen, dass sie ihres Lebens nicht froh werden würde. Es waren Jahre, Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte vergangen, die er wartend in der dunklen Zwischenzone oder im Reich der Finsternis verbracht hatte. Viele Seelen, die er gekannt hatte, kamen erneut auf die Welt. Aber nicht seine ehemalige Verlobte. Wie konnte das sein? So sehr er sich auch angestrengt hatte, er konnte sie an keinem Ort und zu keiner Zeit finden. Als er merkte, dass er an die Person, die er am meisten hasste, nicht herankommen konnte, dehnte er seinen Hass auf alle Frauen aus. Er begann schwache Männer mit seinem finsteren Geist zu besetzen und trichterte auch ihnen seinen Hass auf Frauen ein. So sorgte er dafür, dass viele Frauen leiden oder gewaltsam sterben mussten, ohne dass sie etwas getan hatten, einfach, weil sie Frauen waren und weil er Rache wollte, für eine Schande, die ihm einst angetan worden war.

Andere Wesen oder Seelen, die wie er in der Zwischenzone weilten, mieden ihn, weil er zu den finstersten Wesen zählte und Gewalt und Schrecken ausstrahlte. Es war ihm egal, sogar recht, denn er wollte lieber allein sein und mit niemandem etwas zu tun haben. Nur zu seinem finsteren Lehrer hielt er Kontakt und zu einer der Satansbräute, die Gefallen an ihm gefunden hatte und ihn, obwohl er nur ein Geist war, die düstersten sexuellen Ausschweifungen lehrte, indem sie ihn an ihren Orgien im Palast im Reich der Finsternis teilhaben ließ.

Eines unerwarteten Tages geschah endlich das, worauf er so lange gewartet hatte. Helle Aufregung erfasste ihn und seine schwarze Energieform brodelte wie der Rauch über einem ausbrechenden Vulkan. „Sie“ musste wieder geboren worden sein. Es war ganz deutlich zu spüren! Er hatte sich ihre Energie fest eingeprägt, um ihre Wiederkehr ja nicht zu verpassen. Sie war zu einer sehr hellen Seele geworden, stellte er angewidert fest. Ein Grund mehr, sie zu hassen und für ihre Sünden büßen zu lassen! Fast war es, als würde sich ein Gewitter in seinem stark aufgewühlten Inneren entladen, so sehr knisterte es in ihm

In dem Moment, wo sie sich mit ihrem neuen Körper verband, ging ein Leuchten durch die Zwischendimension. Gierig stürzte er sich darauf, um festzustellen, wo sie wiedergeboren worden war. Aber bevor er sie lokalisieren konnte, verlosch das Leuchten wieder. Er hatte lediglich ungefähr feststellen können, wo das Leuchten hergekommen war. Aber das hatte seinen Eifer nicht bremsen können. Jetzt, wo er wusste, dass sie endlich wieder auf der Erde weilte, würde er sie finden, ganz egal, wie viel Zeit es ihn kosten würde. Er hatte so lange darauf gewartet! Diesmal würde ihr feiner Liebhaber sie nicht beschützen! Sie war ganz allein und würde ihm ausgeliefert sein, hatte er sie erst einmal gefunden. Hämisch grinste er in sich hinein und seine Energie loderte wie schwarzes Feuer. Er hatte von seinem Lehrer erfahren, dass ihr Geliebter in Wahrheit ein Engel gewesen und nach ihrem Tode vom Himmel bestraft worden war. Er war aus dem Himmel verbannt worden und musste sein Dasein als Geist irgendwo auf der Erde fristen. Angeblich sollte er, wie übrigens die andern „feinen Herren“ von damals auch, in den Dienst des Bösen getreten sein. Damit stand er eher auf seiner als auf ihrer Seite. Er leckte sich im Geiste schon die Lippen, wenn er daran dachte, was er alles mit ihr anstellen würde. Dank der Satansbraut, die ihm geneigt war, hatte er viele kreative Ideen. Er musste sich dafür nur kurz einen Körper ausborgen, was für ihn nicht weiter schwierig war. Doch noch war es nicht so weit. Die Suche nach ihr verlief mühsam. Immer, wenn er der Meinung war, er könnte sie gefunden haben, suchte er die Umgebung nach einem übel gesinnten Menschen ab, den er besetzen und steuern konnte, um sich des in Frage kommenden Mädchens zu bemächtigen.

So entstanden die Zeitungsberichte von den verschwundenen Mädchen, bei denen Leas Mutter immer eine Gänsehaut hinunterlief und sie Angst um ihre Tochter bekam. Die Polizei stand bei diesen Verbrechen vor einem Rätsel. Von der Art der Tathergänge hätte es sich um den gleichen Täter handeln müssen. Aber dem war eindeutig nicht so. Trotz des scheinbar gleichen Motivs mussten mehrere Täter am Werk gewesen sein. Es schien, als ob die Männer ferngesteuert worden waren! Das Rätsel war schier unlösbar!. Selbst dann, wenn sie einen der Täter gefasst hatten. Die erinnerten sich aus einem unerfindlichen Grund nicht mehr daran, dass sie aus einem noch stärkeren Zwang als sonst gehandelt hatten. Das Einzige, was sie alle auf ähnliche Art und Weise beschrieben, war das Gefühl, während des Tathergangs von einer dunklen Wolke umgeben gewesen zu sein. Das trug nicht gerade zur Aufklärung bei, sondern machte alles nur noch mysteriöser.

Nach einigen Jahren war Albion der Verhassten ein gutes Stück näher gekommen. Es kamen nur noch wenige Mädchen in Betracht. Aber ab jetzt wurden ihm immer mehr Hindernisse vom Himmel in den Weg gelegt. Das spürte er ganz genau und es machte ihn wütend. Er kannte die „Handschrift“ der Engel. Wie konnten die himmlischen Mächte es wagen, eine Sünderin zu beschützen, die auf ihre gerechte Strafe wartete? Ihm kam die glorreiche Idee, Träume auszusenden, die sie dazu bringen sollten, sich zu verraten. Gleichzeitig konnte er mit diesen Träumen Angst verbreiten. Sie sollte ruhig die Bedrohung spüren, die auf sie wartete. Seine Vorfreude wuchs fast ins Unermessliche. Es würde ihm Spaß machen, sie noch etwas zappeln zu lassen, bevor er zuschlug.

Leider schienen die „Himmlischen“ aus was für immer einem Grund auch immer, auf seine Träume gefasst gewesen zu sein. Albion konnte sein Opfer nicht weiter einkreisen. Alle Träume wurden von Engeln geblockt, wenn die Träumenden sich offenbaren sollten. Als er merkte, dass er auf diese Art und Weise nicht weiterkommen würde, verlegte er sich zähneknirschend auf eine andere Taktik. Wenn nicht so, dann so! Er hatte nicht umsonst so lange gewartet! Er sondierte das Umfeld seiner „Kandidatinnen“ peinlich genau. Er nahm Eltern, Geschwister, Freunde und Gewohnheiten unter die Lupe und analysierte sie. So gelang es ihm, trotz des unüberwindlichen Schutzwalls der Engel, die Schlinge enger zu ziehen, bis er sie tatsächlich gefunden hatte. Nun galt es, den Schutzwall zu überwinden. Auf direktem Wege hatte er keine Chance, an seine ehemalige Verlobte heranzukommen. sie wurde zu gut abgeschirmt. Da er das mittlerweile zur Genüge kannte, hatte er einen anderen Plan entwickelt. Er suchte sich eine Person aus ihrem näheren Umkreis aus, die nicht beschützt wurde. Diese würde für ihn seinen Rachefeldzug freiwillig oder unfreiwillig vorbereiten. Es war nun nur noch eine Frage der Zeit, wann er zuschlagen würde. Seine Stunde würde kommen, ganz egal, was die „Himmlischen“ auch unternehmen würden. „Ha!,“ dachte er, „Die Rache ist mein!“.

 

Nicht nur von den dunklen Wesenheiten der Zwischendimension gingen finstere, böse Einflüsse aus. Es gab sie auch mitten in der Welt der Menschen. Nur waren diese weitaus weniger wahrnehmbar, als das Wirken der dämonischen Seelen, die sich gerne als Nutznießer in fremden Körpern festsetzten und ihre Wirte zu ihren Marionetten machten, um ihre eigenen Begierden auszuleben. Es handelte sich dabei um viel feinsinnigere Geister, die mit dem Unbewussten der Menschen kommunizierten, ohne dass die betroffenen Personen etwas davon mitbekamen. Schon vorhandene dunkle Anlagen verstärkten sie durch ihr Wirken. Neigte jemand unterschwellig zu Selbstsucht, Rücksichtslosigkeit, Korruption oder Gewalt, kamen diese Eigenschaften durch einen Schubs dieser Geister zum Vorschein und manifestierten sich. Jede geglückte finstere Versuchung löste tiefste Befriedigung bei diesen dunklen Verführern aus. Doch sie hielt nicht lange an. Schnell wurden die Geister wieder rastlos und suchten sich neue Seelen aus, die sie verderben konnten. Jede für die Finsternis gewonnene Seele war ein kleiner Sieg für sie. Ein Sieg gegen den Himmel, ein Sieg gegen das Licht und vor allem ein Schlag ins Gesicht für GOTT! Sie hassten GOTT mit jedem Quäntchen Energie, dass sie besaßen. Wer waren diese Geister, deren Einflüsterungen so sanft wie der Schlag eines Schmetterlingsflügels waren aber so zerstörerisch wie das Gift einer Viper wirkten?

 

Am Anfang der Zeit war Nekael ein Lichtengel gewesen. Er schüttelte sich jedes Mal, wenn er daran dachte. Zum Licht gehörte er schon seit Jahrtausenden nicht mehr. Warum? Er hatte in menschlicher Gestalt verbotenerweise die Erde betreten und sich unter das sterbliche Volk gemischt. Das war auch das Einzige, was er von diesem Abschnitt seines Lebens noch wusste. Alle Erinnerungen aus dieser Zeit waren bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Ihm war nur eine Ahnung geblieben, dass in diesem kurzen Abschnitt seines unsterblichen Lebens etwas Außerordentliches passiert war. Manchmal versuchte er angestrengt, wenigstens einen Teil dieser Erinnerungen wieder an die Oberfläche seines Bewusstseins zu holen. Vergeblich! Das Erste, woran er sich noch erinnern konnte, war seine Verurteilung durch den Erzengel Michael. Sein Hass auf ihn war mindestens genauso groß, wie sein Hass auf den SCHÖPFER selbst. Man hatte ihn und noch einige andere Seinesgleichen, an deren Aussehen er sich seltsamerweise auch nicht mehr erinnerte, aus dem Himmel verbannt und sie zu einem körperlosen Dasein verdammt. Ein Cherubim hatte ihn auf Michaels Anweisung an eine verborgene Stätte geführt und seinen Geist aus seinem Körper gerissen. Als nahezu machtloses Wesen hatte der unerbittliche Cherubim ihn wieder an Michael übergeben. Der Erzengel seinerseits hatte ihn schlussendlich dem Herrscher der Finsternis weitergereicht, seinem neuen Herrn. Als er Luzifer das erste Mal gegenüberstand, war Nekael erstaunt gewesen, dass er als Oberhaupt des Bösen nicht hässlich wie die Nacht anzusehen war. Nein! Luzifer strahlte eine düstere Würde und unglaubliche Macht aus, die durch seine enorme körperliche Größe noch unterstützt wurde. Er wirkte wie ein finsteres Abbild von Metatron, dem Ersten Engel des Himmels, aber noch mächtiger. Seine Aura loderte in tiefstem Schwarz und seine Augen glühten feuerrot. Mit knappen Worten und Gesten hatte er Nekael und den übrigen sündigen Engeln, die wie er nur noch als Geist existierten, befohlen, ihm in sein Finsteres Reich zu folgen. In seinem Palast, von dem alle Finsternis ausging, übertrug er jedem von ihnen einzeln seine neue Aufgabe, die ihnen sonderbarerweise wie auf den Leib geschneidert war. Nekael war der Letzte, der eingewiesen wurde. Als Luzifer ihn aus dem Thronsaal holte, hatte er amüsiert den Schlagabtausch zwischen ihm und seiner Satansbraut Naamah beobachtet. Sie hatte sichtlich Gefallen an ihm gefunden, obwohl er nur ein Geist war. Aber er hatte ihr nur die kalte Schulter gezeigt. Die Wut über seine ablehnende Haltung war ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Naamah duldete kein Nein! Der Herrscher der Finsternis wusste, dass seine Satansbraut nicht locker lassen würde und war gespannt, wie Naamah in Zukunft mit einem Dunklen Engel umgehen würde, der nicht ihren Reizen erlag. Fast bedauernd hatte er Nekael abgeführt und ihn in seine neue Aufgabe als Verführer der Finsternis eingewiesen.

Nekael wurde anschließend auf die Erde zurückgeschickt, um gleich mit der Arbeit zu beginnen. Dass er verbotenerweise als Mensch unter Menschen gelebt hatte, hatte ihm dabei nur zum Vorteil gereicht. Er fühlte immer noch wie ein Mensch und hatte daher die Fähigkeit, sich perfekt in die Psyche eines Menschen hineinzuversetzen. Ein Talent, dass es ihm leicht machte, die Wünsche, Triebe und Begierden seiner Opfer unterschwellig zu lenken und sie auf die Seite der Finsternis zu ziehen. Seine Wut auf GOTT und den Himmel wegen seiner Verurteilung gab ihm dabei den nötigen Ansporn. Nur seine Erinnerungen waren zu Beginn seines Daseins als Dunkler Verführer noch im Weg gewesen, ihn zu einem perfekten Werkzeug des Bösen werden zu lassen. Dumpfe, schwere Trauer und heftige Gewissensbisse hatten ihn behindert. Daher hatte Luzifer die Erinnerungen absichtlich verblassen lassen, um ihm den Weg für seine neue Arbeit zu ebnen. Manchmal war Nekael drauf und dran gewesen, sie zurückzufordern, weil er wusste, dass ihm mit den Erinnerungen etwas sehr Wichtiges verloren gegangen war. Aber er wollte sich nicht offen mit seinem finsteren Herrn anlegen. Er hätte sowieso den Kürzeren gezogen! Also ließ er es. Er fragte sich nur immer wieder, warum er den Anblick eines Liebespaares absolut nicht ertrug und ihn jedes Mal ein übermächtiges Verlangen zu Zerstören überfiel. Denn Frauen an sich lösten bei ihm keinerlei Gefühle aus, was Naamah tobsüchtig hatte werden lassen. Als sie merkte, dass sie ihn in keiner Weise beeindrucken konnte, hatte sie begonnen, gegen ihn zu intrigieren, um ihn in Misskredit bei Luzifer zu bringen. Das hatte nur dazu geführt, dass Nekael das Reich der Finsternis mied, so weit es ihm möglich war. Denn Naamah war es verboten, auf der Erde zu erscheinen.

Bei seiner Arbeit war es ihm egal, ob er einen Mann oder eine Frau auf den Pfad der Finsternis führte. Die Art der Genugtuung, die er bei einer erfolgreichen Verführung zur Sünde empfand, war die gleiche. Bei verführten Frauen war die Befriedigung manchmal nur deswegen größer, weil man beim weiblichen Geschlecht weniger mit Boshaftigkeit rechnete. Doch das stimmte nicht! Frauen lebten ihre Triebe aus gesellschaftlichen Gründen nur nicht in dem Maße aus wie die Männer es taten. Ihre finsteren Taten liefen mehr im Verborgenen ab. Als Verführer konnte er nach ein paar Generationen ein Lied davon singen und zwar ein ziemlich hinterhältig-fieses! Männer waren in ihren dunklen Machenschaften offensichtlicher und brutaler, was sich besonders in Zeiten des Krieges zeigte. Nekael war dann aufgrund der starknegativen Energien, die dabei entstanden, manchmal richtig „high“. Doch er brauchte diese rauschhaften Zustände. Sie waren für ihn die einzige Möglichkeit zu vergessen, dass er „nur“ ein Geist war.

Sein Aussehen, so weit man bei einem köperlosen Wesen davon sprechen konnte, hatte sich in all der Zeit als Dunkler Engel nicht verändert. Nur die „Kleidung“, die er sich gab, passte er immer wieder der entsprechenden Modeströmung an, wobei er deutlich die Farbe Schwarz bevorzugte. Er wirkte immer noch so schön, wie eine griechische Götterstatue, nur dass seine Haarfarbe blond und seine Augen unglaublich blau waren, was man durch das rötliche Leuchten derselben allerdings nicht mehr wahrnehmen konnte. Seine helle Aura und seine freundliche Ausstrahlung, die er als Lichtengel gehabt hatte, hatten sich ins komplette Gegenteil verkehrt. Ihn umgab der furchteinflößende, schwarzrotflammende Schein der Diener Luzifers. Er bedauerte, sich den Menschen, die er verführte, nicht zeigen zu dürfen. Die meisten wären schreiend vor ihm davongelaufen. Manchmal juckte es ihn allerdings, sich zu zeigen. Allein die Vorstellung löste bei ihm jedes Mal ein teuflisch-kaltes Lächeln und ein wohliges Prickeln aus.

Gefühlvoll war er war immer noch. Oh ja! Allerdings nur im dunklen Bereich. Seine stärksten Empfindungen waren Hass, Zorn und Schadenfreude. Sie waren sein Werkzeug, wenn er kaltblütig und berechnend den Grundstein zu Sünde und Verderben legte.

Eines Tages passierte etwas, das ihn aus seinem mittlerweile Jahrtausende währenden, gewohnten Trott brachte und aufscheuchte. Er spürte für einen Moment das Aufleuchten einer hellen Seele, die gerade wiedergeboren wurde. Er schüttelte sich, weil er lichtvolle Seelen fast genauso verabscheute wie Lichtengel. Das Aufleuchten an sich war es aber nicht, was ihn so aus dem Gleichgewicht brachte. Nein! Er nahm überdeutlich wahr, dass es sich um eine weibliche Seele handelte! Das Aufleuchten ihrer Energie durchfuhr ihn wie ein Blitz und rührte an seine verloren geglaubten Erinnerungen. Ein ganzes Kaleidoskop von Empfindungen durchfuhr ihn. Da war etwas, was in seinem Bewusstsein nach oben dringen wollte, aber er konnte es beim besten Willen nicht fassen. Wer war diese Seele, dass sie die Macht hatte, ihn so aus der Fassung zu bringen? Seine Neugier war geweckt. Hatte sie etwas mit seinem vergessenen Leben als menschlicher Engel zu tun? Er verspürte den starken Drang, der Sache auf den Grund zu gehen und die Spur der Seele zu verfolgen. Aber das Aufleuchten war zu kurz gewesen, um den Geburtsort exakt lokalisieren zu können. Es gelang ihm lediglich herauszufinden, dass sie in seiner Umgebung geboren worden sein musste – in seiner näheren Umgebung! Die Tatsache elektrisierte ihn. Vorsichtig streckte er seine Sinne in alle Richtungen aus und „lauschte“ angestrengt, ob sich die Seele noch einmal bemerkbar machte. Doch er wurde enttäuscht – absolute Stille. Stattdessen nahm er eine ungewöhnliche Ansammlung von Lichtengeln wahr – verdammtes Gesindel!

„So läuft das also!“, dachte er halb spöttisch, halb verärgert.

Mit allergrößter Sicherheit hatte diese himmlische Eskorte diese seltsame Seele auf die Erde begleitet. Vielleicht würde sie sogar bei ihr bleiben. Dann hatte er, Nekael, keine Chance näher an die Frau, falsch, an das Mädchen heranzukommen. Als Geist hatte er keine Handhabe gegen so eine Übermacht von Scheinheiligen. Da er keine Lust hatte, sich unnötig anzustrengen, gab er erst einmal auf. Wer konnte sie schon sein, redete er sich selbstgefällig ein? Sollte wirklich eine Verbindung zu ihr bestehen, würde sie sich ihm schon noch offenbaren. Dann konnte er immer noch herausfinden, was so besonders an ihr war und sich gegebenenfalls mit ihr beschäftigen. Es würde ihm ein besonderes Vergnügen sein, sie zu verderben. Verwundert bemerkte Nekael eine Weile später, dass es noch ein Wesen gab, dass speziell durch ihre Geburt aus der Ruhe gebracht worden war und sie mit einer Leidenschaft und Zähigkeit verfolgte, die ihn in Erstaunen versetzte. Es handelte sich dabei um die Seele eines Mannes, die nach langem Aufenthalt im Reich der Finsternis und in der Zwischenzone zu einem Dämon geworden war. Irgendetwas an ihm kam ihm seltsam bekannt vor. Das erhöhte sein Interesse an der weiblichen Seele beträchtlich. Er rieb sich frohlockend die Hände. Sollte doch der Dämon für ihn die Kohlen aus dem Feuer holen und sich mit der Leibgarde des Mädchens auseinandersetzen, wenn er sie gefunden hatte! Helfen wollte er dem Dämon nicht, aber ihm von Zeit zu Zeit unbemerkt über die Schulter sehen, denn er verspürte eine nicht nennbare, aber übergroße Abneigung gegen ihn. Sollte die finstere Seele Erfolg haben und an das Mädchen gelangen, war immer noch Zeit genug, seinen Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen und sich zu entscheiden, was er mit ihr anfangen wollte. Bis dahin hatte er als Dunkler Verführer Luzifers Besseres zu tun!

 

 

 

8. Engel in Sorge

 

Nachdem Lea von Asturel geträumt hatte, ging es ihr schon entschieden besser. Auch wenn dabei mehr Fragen übrig blieben, als ihr beantwortet wurden. Damit sie nicht vergaß, was sie geträumt hatte, schrieb sie die Erlebnisse des Traumes so bald wie möglich in ihr Tagebuch. Am Ende des Eintrages setzte sie einen Dank für die prompte Reaktion auf ihre Bitte. Damit hatte sie gar nicht gerechnet!

Die merkwürdigen Verfolgungsträume hatten auch aufgehört. Ihre jetzigen Träume waren seicht und angenehm. Für ihren Geschmack waren sie schon zu seicht und enthielten zu wenig Spannung.

Sie schlief und träumte gern. Durch ihre „blühende Fantasie“, die ihre Eltern ihr immer wieder bestätigten, gestalteten sich ihre Träume oft wie ein Abenteuerroman. Manche hätte sie aufschreiben sollen, wie sie meinte. Vielleicht würde es ja sogar einen Verleger geben, der ihre Traumgeschichten herausbrachte? Ach was, schalt sie sich selbst. Das war sicher nur wieder eine ihrer Schnapsideen! Es gab schon so viele Bücher. Wer sollte sich ausgerechnet für eine ihrer Geschichten interessieren, wo es doch schon so viele gute Autoren gab?

Lea konnte im Moment jedenfalls ein ganz normales, halbwegs entspanntes Leben führen, wenn man von dem Stress in der Schule absah. Es fiel ihr manchmal schwer, sich zu konzentrieren und den Lehrern zuzuhören. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab und beschäftigten sich mit Asturel und den unbeantworteten Fragen.

Besonders ihr Deutschlehrer sah ihr an, wenn sie wieder mal „abgetreten“ war.

„Du solltest dich lieber auf das vorliegende Buch und den Unterricht konzentrieren, als mit deinen Gedanken auf Reisen zu gehen und von deinem Liebsten zu träumen!“, tadelte er sie.

Er redete gerne so geschwollen, als wäre er frisch aus dem 19. Jahrhundert importiert. Die Schüler verdrehten dann in komischer Verzweiflung die Augen: Typisch Herr Baumann! Er sah Lea leicht verärgert an und ließ noch eine weitere Bemerkung fallen.

„Deiner mündlichen Note würde es gut tun, wenn du ab und zu mal deinen Finger heben würdest!“

Lea errötete und hätte Herrn Baumann für diese Äußerung am liebsten erwürgt. Einen Liebsten! Als wenn sie etwas mit einem Typen aus ihrer Klasse anfangen wollte! Das waren doch alles Mini-Machos, die es nur darauf abgesehen hatten, ein Mädchen für ihr „erstes Mal“ abzuschleppen und rumzukriegen. „Ohne mich!“, dachte sie bei sich. „Da wäre ich doch lieber mit einem Engel befreundet. Die sehen zwar aus wie die Götter des griechischen Olymps, aber sie benehmen sich wie Neutrums! Oder waren Engel etwa schwul und deshalb so nett?“ Ups, diesen Gedanken verfolgte sie wohl besser nicht weiter, sonst würde ihr vielleicht noch Gotteslästerung oder so etwas vorgeworfen! Mit den Engeln wollte sie es sich lieber nicht verscherzen.

Die Sprüche des Deutschlehrers waren leider ein gefundenes Fressen für ihre männlichen Mitschüler. Sie machten sich ohnehin gerne über sie lustig, weil sie nicht zu den schlankesten Mädchen der Klasse gehörte.

„Wer will die schon haben, mit ihrem fetten Pferdearsch!“, hörte sie es leise flüstern.

Das ließ ihr ohnehin eher schwaches Selbstbewusstsein nicht gerade steigen. Sie hatte sich schon so oft über ihre Figur geärgert! Aber sie schaffte es einfach nicht, ein paar Kilo abzunehmen. Wenn sie doch nur halb so schlank wie Viola wäre! Ihr gafften immer alle Jungs hinterher. Sie zog sich aber auch anders an als Lea. Im Sommer kam sie gerne mit ziemlich knappen Klamotten in die Schule und mit noch knapperen in die Disco. Sie war manchmal ziemlich belagert und Lea musste ihr dann helfen, die ganzen Verehrer abzuwimmeln. Was Lea nicht wusste, war, dass sie mit ihrer weiblichen Figur eigentlich sehr hübsch aussah. Aber sie wirkte auf Jungs wie ein Gefrierschrank. Keiner konnte bei ihr landen. Alles was sie von ihr zu sehen bekamen, war ihre kalte Schulter. Dass ihr Po etwas kräftiger geraten war, machte sie nicht hässlich. Aber Mädchen im pubertären Alter hatten immer etwas an sich auszusetzen und Jungs im gleichen Alter waren grausam. Sie trafen zielsicher die Schwachstellen der Mädchen, ohne dass es ihnen überhaupt bewusst war. In Leas Fall ärgerten sich die Jungs, dass keiner es schaffte, an sie ranzukommen. Deshalb bekam sie ihr Fett doppelt weg. Nach dem Motto: Was ich nicht haben kann, mache ich schlecht!

Lea fand die Schule aber nicht generell daneben. Sie mochte zum Beispiel den Religionsunterricht gern, ganz im Gegensatz zum Rest der Klasse. Die Stunden wurden von einem evangelischen Pastor geleitet. Lea beteiligte sich stark an seinem Unterricht und war voll bei der Sache. Es gab Stunden, die in einem Zwiegespräch zwischen ihr und Pastor Rosenkranz endeten, während ihre Mitschüler den Kopf auf die Tischplatte fallen ließen und die Augen verdrehten. Er fragte sie deshalb manchmal mit einem tiefgründigem Lächeln, ob sie später Theologie studieren wollte. Mit ihrem Interesse würde es ihr sicher leicht fallen. Er könnte sie sich gut als Pastorin vorstellen, so engagiert und leidenschaftlich, wie sie war. Dass sie dabei nicht immer einer Meinung mit Pastor Rosenkranz war und ihre eigenen Ideen zur Interpretation der Bibel hatte, spielte dabei keine Rolle. Eine so interessierte Schülerin hatte er bisher noch nicht gehabt. In diesem Fach zumindest hatte sie ihre „1“ gebunkert.

Lea war oft drauf und dran den Pastor Dinge zu fragen, die mit ihren Erlebnissen zusammenhingen, die sie mit den Engeln gehabt hatte. Aber etwas hielt sie zurück. Sie befürchtete, dass er sie dann nicht mehr ernst nehmen würde und ihr nicht glauben könnte. Solche Begegnungen mit Engeln, wie Lea sie gehabt hatte, wurden zwar in esoterischen Büchern beschrieben, aber nicht in der normalen Literatur. Sie wollte auf keinen Fall für eine abgedrehte Fantastin gehalten werden. Nicht von ihrem Lieblingslehrer!

Zu Hause grübelte sie häufiger darüber nach, was Asturel ihr mitgeteilt hatte. Sie betete abends vor dem Einschlafen darum, noch einmal von Asturel besucht zu werden. Aber es gab keine Engelbesuche mehr. Im Moment war es wohl aus himmlischer Sicht nicht so wichtig. Sie war traurig darüber und enttäuscht. Wie gerne hätte sie Asturel wiedergesehen und mit ihm geredet!

Sie hatte noch nicht einmal jemanden, mit dem sie motzen konnte, da ihr keiner gegenüber stand, an den sie sich wenden konnte. Feiglinge! Was war so schlimm daran, wenn man ihr ihre Fragen beantworten würde?

Wer würde nicht gerne mehr über den Verfolger wissen, der einem nachstellt? Asturels gut gemeinte Worte, dass er sie für eine Weile in Ruhe lassen würde, beruhigte sie nicht im mindesten. Da musste doch mehr dahinterstecken, als nur das gelöste Eheversprechen! Niemand würde aus so einem Grund zu einem derartig fanatischen, kriminellen Monster werden. Warum machten sich die Engel solche Mühe, sie vor Bedrohungen und Gefahren zu beschützen?

Das was sie bisher erlebt hatte, da war sie sich ganz sicher, ging weit über den normalen Schutz eines Schutzengels hinaus. Sie war doch nichts besonderes! Oder etwa doch? Was war es, das Asturel ihr nicht erzählen durfte? Er sagte, es wäre noch nicht an der Zeit für sie. Ihre Neugier und Wissbegier wuchs ins Unerträgliche. Nichts hasste sie mehr, als nicht für reif oder erfahren genug gehalten zu werden.

Wenn sie im Geiste durchging, was sie von Asturel an Informationen erhalten hatte, fiel ihr auf, dass er von einer Person gesprochen hatte, die der Hochzeit mit ihrem damaligen Verlobten und jetzigen Verfolger im Weg gestanden hatte. Wer in aller Welt war das denn schon wieder, dass sie von Asturel über ihn nichts hören durfte? Was war damals bloß passiert? Es musste auf jeden Fall etwas Wichtiges und wohl auch Ungewöhnliches gewesen sein, sonst würde darum nicht so viel Aufhebens gemacht werden. Wenn es ihr doch bloß möglich wäre, sich an dieses Leben zu erinnern! Wäre sie erwachsen, sie wäre versucht, zu einem Hypnosetherapeuten zu gehen, um eine von diesen Rückführungen machen zu lassen.

Diese geheimnisvolle, nicht weiter erwähnte Person musste der Schlüssel zu dem Rätsel sein. Vielleicht würde es ihr ja gelingen, darüber noch etwas herauszufinden. Wenn es nur nicht so schwer wäre, an Erinnerungen heranzukommen, die nicht aus dem bestehenden Leben waren! Zudem hatte ihr Asturel erklärt, dass ihre Erinnerungen daran ohnehin mit Absicht verschlossen gehalten wurden. Warum? Warum? Warum?

Im Moment fand sie auf keine der Fragen eine Antwort und drehte sich immer wieder im Kreis. Nur widerwillig gab sie vor sich selber zu, auf die Antworten der Engel warten zu müssen. Sie fühlte sich allein gelassen und für dumm verkauft. Als Kind hatte sie es schon satt gehabt, den Satz zu hören: „Dafür bist du noch zu klein!“ oder „Das verstehst du erst, wenn du größer geworden bist.“

Als wenn sie das nicht selbst entscheiden könnte! Aber gut, dann eben nicht!

 

Es war zum Verrücktwerden! Regeln hin und Vorschriften her, Asturel war drauf und dran, sich über seine Anweisungen hinwegzusetzen und sich noch einmal Lea zu zeigen. Er machte sich als ihr persönlicher Schutzengel Sorgen um sie und nicht nur er, auch ihre „Leibgarde“. Lea war so abgeschottet, dass sie nur in besonderen Zeiten zu erreichen war; ganz besonders nach dem Angriff mit den Träumen. Nur mit einer Sondergenehmigung hatte er ihr im Traum erscheinen dürfen. Sein „Chef“ Metatron hatte die Stirn gerunzelt, als er erfuhr, dass Asturel Lea über Dinge Andeutungen gemacht hatte, die ihr vom Schicksal her erst später zugänglich gemacht werden sollten. Jetzt steckte er in der Zwickmühle.

Er konnte Lea gut verstehen, dass sie mit dem wenigen, was sie erfahren hatte, unzufrieden war. Er war zwar kein Mensch wie sie, der in Zeit und Raum gefangen war, aber er hätte unvollständiges Wissen auch nicht ausstehen können. Wie konnte er ihr nur helfen? War es nicht gewagt, sie von allem Wissen fern zu halten, bis der Zeitpunkt X gekommen war? Ein bisschen mehr könnte sie ruhig jetzt schon vertragen, nach seiner Meinung. Aber er war leider nur die ausführende Gewalt, wie es im Himmel hieß. Ihm waren die Hände gebunden.

Persönliche Schutzengel hatten es nicht leicht. Sie waren eng mit den Seelen ihrer Schützlinge verbunden und mussten zwischen Mensch und Himmel oft vermitteln. Durch die Nähe zu ihren Menschen, sahen sie die Dinge oft anders als ihre „Himmlischen Kollegen“, die das Geschehen aus großer Entfernung betrachteten und nur das „Große Ganze“ sahen, aber nicht die Tücken im Detail! Manchmal mussten die Schutzengel massive Überzeugungsarbeit leisten, damit es ihren Schützlingen nicht so schwer gemacht wurde.

Wenn sie gewusst hätte, dass er ihre Gedanken lesen könnte! Er war sehr erheitert, als sie spontan dachte, Engel könnten homosexuell sein. Sie wäre über ihre „Äußerung“ sicher schamrot geworden und in Grund und Boden versunken. Auch seine „Kollegen“ konnten sich ein Lachen nicht verkneifen. Lea war wirklich unkonventionell in ihren Gedanken, manchmal vielleicht etwas respektlos, aber ziemlich erfrischend. Engel hatten übrigens tatsächlich keinen Geschlechtstrieb. Warum auch? Sie waren unsterbliche Wesen und es war nicht geplant, dass sie Kinder bekamen. Alle Engel, die nötig waren, schuf Gott aus sich selbst heraus. Biologisch hätte man das wohl am ehesten mit Knospung verglichen. Sie entstanden direkt aus dem „Herzen“ GOTTES. Daher waren Engel Liebe an sich. Sie brauchten niemanden zu ihrer Vollkommenheit.

Die Menschen waren da komplett anders. Das faszinierte Asturel so an ihnen. Männer und Frauen suchten einander und verspürten den Drang sich zu vereinigen, um so kurzfristig zu einer vollkommen Einheit zu werden. Die Chinesen hatten dies wunderbar in ihrem Gegensatzprinzip „Ying und Yang“ beschrieben. Nur zusammen bildeten die beiden Prinzipien ein Ganzes. Die Menschen waren gezwungen so zu handeln. Sie hatten eine kurze Lebensspanne und einen verletzlichen Körper. Sie brauchten den Sexualtrieb zur Fortpflanzung, damit die menschliche Rasse Bestand hatte und jede Seele mehrere Möglichkeiten der Inkarnation bekam.

Er fand das menschliche Leben, gerade wegen dieser Dualität, interessant. Ihr Leben war so viel aufregender als das der Engel! Manchmal ertappte er sich dabei, dass er selbst gerne einer von ihnen sein würde; aber nur der Neugierde halber. Er wusste ja, was mit den Wächterengeln einst geschah, die unbedingt auf die Erde wollten, um eine Verbindung mit den Frauen einzugehen, in die sie sich verbotenerweise verliebt hatten. Er verspürte keine Lust, Bekanntschaft mit Luzifer zu machen. Das war es ihm dann doch nicht wert.

Lea konnte nicht wissen, dass sie die ganze Zeit über von Asturel begleitet wurde. Sonst wäre ihr Urteil über die Engel nicht ganz so vernichtend ausgefallen. Ihre Wahrnehmung war genauso gedämpft wie ihre Erinnerungen, an die sie so gerne herangekommen wäre. Asturel wich ihr nach dem Traum nicht mehr von der Seite. Er bekam alle ihre Gedanken und Ausbrüche hautnah mit. Er spürte ihren Zorn auf ihn, wenn sie wütend darüber war, dass sie von ihm nicht die gewünschten Antworten bekommen hatte. Wie gerne hätte er sie ihr gegeben!! Er hatte ihr schon mehr gesagt, als ihm erlaubt worden war und sie damit nur noch neugieriger gemacht. Und nun? Sie grübelte vor sich hin und war unzufrieden. Na gut! Und wenn schon! Dafür hatte sie ihre Angst vor einer möglichen Bedrohung erst einmal überwunden und kaute an unvollständigen Wissensbrocken herum. Das war immerhin doch etwas!

Nicht nur Asturel verfolgte Leas Leben aufmerksam. Auch ihre „Leibgardisten“, die zu ihrem besonderen Schutz abgestellt waren, nahmen regen Anteil an ihren Erlebnissen. Sie hielten sich aber im Hintergrund und griffen nur dann ein, wenn sie gebraucht wurden. Dies geschah allerdings häufiger, als es Lea bewusst war. Bei einigen Zwischenfällen konnte sie es ahnen.

So gab es einen Zwischenfall, wo sie unachtsam eine Straße überqueren wollte. Sie hatte ihr Handy in der Hand und betrachtete das Display, weil sie eine SMS erhalten hatte, als sie den ersten Fuß auf die Straße setzen wollte. Da rempelte sie jemand an und sie stolperte zurück. Sie wollte gerade zu einer Schimpftirade gegen den Trottel ansetzen, als ein Auto dicht an ihr vorbeiraste. Wäre sie auf die Straße gegangen, hätte das Auto sie erfasst und durch die Luft geschleudert! Als sie sich umschaute, wo der lebensrettende Rempler geblieben war, konnte sie ihn nicht mehr entdecken.

Ein andermal besuchte sie mit ihren Eltern die Insel Rügen. Bei einem Spaziergang an der Küste wollten sie bei den Kreidefelsen entlang gehen, als jemand sie davor warnte. Es seien in den letzten Tagen Erdrutsche von den Klippen abgegangen, weil es vor einigen Wochen so stark geregnet hatte. Die Erde war total aufgeweicht. Einige Fußgänger hatten sich gerade noch vor herunterpolterndem Gestein in Sicherheit bringen können. Der Einwohner der Insel riet ihnen jedenfalls von einem Spaziergang entlang der Kreidefelsen ab. Es wäre gefährlich und sie könnten verletzt werden. Sie gingen nicht. Am nächsten Morgen hörten sie beim Frühstück in der Pension, wie genau dort, wo sie hatten lang gehen wollten, eine Gerölllawine runtergekommen war!

Mit ihrer Freundin Viola geriet sie auch einmal in eine gefährliche Situation. Einige betrunkene Jugendliche machten die beiden an, als sie vom Jahrmarkt kamen und nach Hause schlendern wollten. Kurz bevor einer von ihnen handgreiflich werden konnte, tauchte aus dem Nichts ein Polizist auf und die betrunkenen Teenies, die sich vorher so stark gefühlt hatten, suchten das Weite. Alles hilfreiche Menschen, die der Himmel schickte oder Engel, die kurzzeitig Menschengestalt angenommen hatten, um sie zu beschützen?

Auf diese Weise spürte Lea wenigstens ab und zu, dass da noch jemand sein musste, auch wenn sie die Präsenz der Engel nicht wahrnehmen konnte. Sie stand wegen der mangelnden Kontakte mit ihnen sowieso noch auf Kriegsfuß.

Trotz der himmlischen „Leibgarde“, die Lea vor allen dunklen Bedrohungen beschützte, ließ den Engeln das finstere Treiben Albions keine Ruhe. Spätestens nach den Verfolgungsträumen waren sie ziemlich besorgt. Sie waren sich darin einig, dass Lea bald mehr erfahren musste. Es war wichtig, dass sie „erwachte“, ihre Fähigkeiten kennenlernte und dass sie erfuhr, wie alles begann. Die gewollte Unwissenheit zog nicht nur an ihren Nerven. Auch die Engel fühlten sich wie auf eine Folterbank gespannt. Lea ahnte auch schon, dass die Auseinandersetzung mit der hasserfüllten Seele nur die halbe Wahrheit war. Sie fragte sich bereits, wer die Person war, von der Asturel ihr eigenmächtig erzählt hatte. Es wurde Zeit, sie in ihr Schicksal und die ihr zugedachte Aufgabe einzuweihen! Sie brauchte nicht nur Schutz von außen, sondern es war notwendig, dass sie lernte, sich selbst zu schützen und zu wehren. Dazu brauchte sie Wissen und noch etwas anderes, dass ihr bis jetzt vorenthalten wurde. Aber ohne Erlaubnis von „Oben“ wagten die sie umgebenden Engel nicht zu handeln. Sie waren wirklich ernsthaft besorgt und überlegten, wie sie ihr helfen könnten. Das Einzige, was ihnen einfiel, war, einen Boten aus ihren Reihen zu Metatron zu schicken, dem höchsten Engel GOTTES, ihrem „Chef“. Der Bote sollte mit Metatron verhandeln und ihn um die Erlaubnis bitten, Lea mehr Wissen zukommen zu lassen. Es wurde beschlossen, Emvatibe zu schicken. Er war Spezialist bei Schutz gegen Racheakten und Heimtücke. Vielleicht konnte er ihrer Bitte den nötigen Nachdruck verleihen. Als er die Reise in die andere, höhere Dimension antrat, wünschten die anderen Engel ihm viel Glück und Erfolg.

Metatron war die Anlaufstelle für wichtige Angelegenheiten im Himmel. Leas Engel hofften bei ihm auf Verständnis zu stoßen, da er einst selbst als Mensch auf der Erde gelebt hatte. Andererseits war sein Abstand zum Leben auf der Erde groß geworden, seit er zum obersten Engel ernannt worden war. Er stand in direkter Verbindung zu GOTT und war in der Lage, wichtige Botschaften direkt an den HERRN weiterzuleiten und mit ihm zu besprechen. Er war der hellste und größte Engel im Himmel und seine Gestalt konnte wegen des hellen Lichtes, das ihn umgab, kaum wahrgenommen werden.

Die Heimat der Engel war ein Ort voller Licht, Ruhe, Güte und Gelassenheit. Überall schimmerte es weiß bis golden. Es gab Landschaften, die denen auf der Erde ähnelten, aber nur, weil es den Engeln so gefiel. Eigentlich war es ein Ort reiner Energie ohne feste Materie.

Emvatibe, der Botenengel, gelangte zu Metatrons „Haus“ und meldete sich bei den Engeln, die in seinen Diensten standen, an und wurde gleich zu Metatron durchgelassen. Es war bekannt, dass er für den Schutz von Lea zuständig war. Wenn Emvatibe hier auftauchte, musste es etwas Wichtiges sein, sonst hätten die Engel den mentalen Weg gewählt und nicht einen der Ihren persönlich geschickt.

Metatron empfing Emvatibe mit einer herzlichen Umarmung in seinem offiziellen Raum.

„Was führt dich zu mir, Emvatibe? Ist etwas mit der Menschenfrau Lea passiert?“, eröffnete Metatron das „Gespräch“. Beide „sprachen“ direkt und ohne Worte miteinander. Sie tauschten Gedanken aus und brauchten daher keine Worte.

„Noch nicht, ehrenwerter Metatron! Aber wir befürchten, dass es bald dazu kommen könnte. Lea sollte nicht unvorbereitet in eine Auseinandersetzung mit ihrem Erzfeind Albion geraten.“

„Wäre eine direkte Auseinandersetzung denn möglich? Ihr seid doch für ihren Schutz da und habt dafür zu sorgen, dass durch den errichteten Schutzwall keine dunklen Einflüsse zu ihr dringen können.“

„Das stimmt schon! Aber was ist, wenn er sich anderer Menschen bedient, um an Lea heranzukommen? Unsere Aufgabe schließt deren Schutz nicht ein und über diese Leute könnte er sehr wohl in gewisser Weise an sie herantreten. Er wäre zwar nicht in der Lage, Lea direkt Schaden zuzufügen, weil wir das verhindern würden, aber er könnte ihr große seelische Qualen bereiten, indem er sich dieser Personen bemächtigt und sie gegen Lea aufhetzt. Mit dem nötigen Wissen wäre sie in der Lage, damit besser umzugehen.“

„Da könntest du zwar recht haben, aber dieses Wissen, von dem du sprichst, soll ihr erst bei ihrem Erwachen zugänglich gemacht werden. So sieht es das Schicksal nun einmal vor! Da kann ich leider nichts machen! Sogar mir sind an dieser Stelle die Hände gebunden. Beschützt sie bis dahin eben so gut ihr es vermögt.“, wehrte der Oberste Engel ab.

„Großer Metatron, siehst du denn keine Möglichkeit, ihr zu helfen?“, versuchte es Emvatibe noch einmal.

„Bedaure, nein! Wenn Lea zu diesem frühen Zeitpunkt erwachen würde, könnte sie unter der Last, die ihr aufgebürdet werden wird, zusammenbrechen. Ihr fehlt noch die nötige menschliche Reife und einiges an Lebenserfahrung, um mit den Erinnerungen, der Erkenntnis und der damit verbundenen Aufgabe fertig zu werden. Sie muss noch eine Weile unbehelligt bleiben und sich weiterentwickeln.“, beharrte Metatron.

„Irgendeinen Weg muss es doch geben, ihr wenigstens ein kleines Stück entgegenzukommen. Seit Asturel sie in einem Traum besucht hat, ist ihre Angst zwar verschwunden, aber sie grübelt ständig an seinen Worten herum, weil er ihr gewisse Andeutungen gemacht hat.“, bearbeitete Emvatibe Metatron weiter.

„Weswegen er auch einen Rüffel von mir bekam, wie du weißt, Emvatibe.“, bemerkte der Oberste Engel spitz.

„Ja, ich weiß! Es hat Lea aber geholfen! Und wir Engel denken, dass es gut wäre, ihr noch etwas mehr Informationen zukommen zu lassen. Beim Nachdenken darüber könnte sie von ganz allein auf den Standpunkt kommen, dass es besser wäre, bis zu ihrem Erwachen nicht weiter nachzufragen und Ruhe zu geben.“, tastete Emvatibe sich beherzt vor.

Diese Worte brachten Metatrons abwehrende Haltung ins Schwanken. Er machte ein nachdenkliches Gesicht, dass sich schließlich aufhellte, weil ihm eine Idee gekommen war.

„Mir fällt gerade ein, wie man ihr auf indirektem Wege Wissen zukommen lassen kann. Das ich da nicht eher drauf gekommen bin! Aber auch Engel kommen in die Jahre, wenn du weißt, was ich meine.“

Er lächelte Emvatibe leicht selbstironisch an. Soviel Humor kam bei Metatron recht selten vor. Emvatibe verstand Metatron nur zu gut. Sie hatten aus menschlicher Sicht so viele Jahre auf dem Buckel, dass sie sich unmöglich an alles in ihrem langen Leben erinnern konnten.

„Als ich vor langer Zeit auf der Erde war, habe ich als Prophet GOTTES einiges für die Menschen aufgeschrieben. Es ist als das „Äthiopische Buch Henoch“ bekannt. Leider ist es kein offizieller Teil der Thora, der Bibel oder des Korans geworden. Im sogenannten „Angelologischen Buch“ habe ich beschrieben, wie die Wächterengel auf die Erde gekommen sind, sich Frauen nahmen und verbotenes himmlisches Wissen weitergaben. Auch die Bestrafung dieser Engel habe ich beschrieben. Zwar nicht so, wie es tatsächlich geschah, aber für die damaligen Menschen verständlich. Dieser Text ist für alle Menschen frei zugänglich.“

„Das ist ja genial!“, entfuhr es Emvatibe enthusiastisch.

„Ich würde es nicht genial nennen, aber auf alle Fälle besser als gar nichts. Ihr müsstet nur dafür sorgen, dass Lea den Text findet. Dann hat sie etwas, mit dem sie sich beschäftigen kann. Mit Hilfe der niedergeschriebenen Worte wird sie sich einiges zusammenreimen können. Meinst du, dass ihr in der Lage wäret, dafür zu sorgen?“, lächelte Metatron ein wenig verschwörerisch.

„Das wird unser geringstes Problem sein! Mit diesem Vorschlag sind bestimmt auch die anderen Engel Leas einverstanden.“, antwortete Emvatibe sichtlich erleichtert über Metatrons unerwartete Hilfeleistung.

Er hatte zwar gehofft, bei Metatron Verständnis zu finden, aber nicht wirklich damit gerechnet.

„Na, dann wäre ja allen geholfen! Nun geh und erzähle deinen „Kollegen“ von deiner erfolgreichen Verhandlung mit mir! Ich bin nicht immer der Prinzipienreiter, für den man mich meistens hält“, lächelte er wissend.

„Das werde ich mit Vergnügen tun und – du bist kein Prinzipienreiter! In diesem Fall wenigstens nicht!“ Emvatibe saß ein wenig der Schalk im Nacken, wegen der großen Erleichterung.

„So?“, sah ihn Metatron mit einer hochgezogenen Augenbraue an.

Emvatibe zog den Kopf ein wenig ein, weil er nicht wusste, ob Metatron ihm das übel genommen hatte. Leas Art hatte auf ihn und die anderen Engel, die sie umgaben, etwas abgefärbt. Deshalb war ihm der letzte Satz rausgerutscht.

„Ist schon gut!“, bedachte Metatron ihn mit einem gönnerhaften Blick. „Ich verstehe schon! Aber nun solltest du dich auf den Rückweg machen.“, wies er ihn an.

„Auf Wiedersehen und vielen Dank, für deine Hilfe!“, verneigte sich Emvatibe vor seinem „Chef“.

Emvatibe fiel ein Stein vom Herzen, dass Metatron offenbar so gut aufgelegt war.

„Oh, keine Ursache, gern geschehen! Leb wohl!“, entließ er Emvatibe.

Leichten Herzens kehrte dieser zu seinen „Kollegen“ zurück und berichtete von seinem erfreulichen Gespräch mit Metatron. Asturel hörte mit ständig steigender Laune seinem Bericht zu.

„Das hast du hervorragend gemacht. Jetzt müssen wir uns nur überlegen, wie Lea am besten an diesen Text kommt.“

Einer der übrigen Engel hatte da schon eine Idee. Er erklärte sie der Runde mit knappen Worten.

„Ja, das ist es!“, stimmten alle zu. „So machen wir es!“

Was die Engel wohl beschlossen hatten?

 

 

 

9. „Einen Spatz in der Hand“

 

Aus irgendeinem ihm nicht so ganz ersichtlichen Grund, beschloss Leas Religionslehrer, Pastor Rosenkranz, das Thema Schöpfungsgeschichte durchzunehmen, obwohl eigentlich ein ganz anderes Thema auf dem Plan stand. Er hatte mit dem Biologielehrer der Klasse ein Gespräch über die Evolutionslehre Darwins geführt, die gerade Unterrichtsgegenstand im Biounterricht war. Da war ihm die Idee gekommen, zeitgleich die Schöpfungsgeschichte zu bringen, damit die Schüler den Unterschied sahen oder, wie er hoffte, die Brücke fanden zwischen beiden Lehren. Er musste gleich an Lea denken, die gerne quer dachte und sicher herausfand, dass die Evolution der Schöpfungsgeschichte nicht diametral gegenüberstand, sofern man die Schöpfungsgeschichte entsprechend interpretierte. Nirgendwo in der Bibel stand geschrieben, wie lang ein Tag GOTTES war. Die Reihenfolge der Entwicklung widersprach sich nämlich nicht so sehr.

Pastor Rosenkranz ging mit Elan in die nächste Stunde in Leas Klasse und eröffnete ihnen das neue Thema. Wie erwartet, waren längst nicht alle Schüler begeistert, was ihn nicht weiter verwunderte. Er war es gewohnt, dass sein Fach nicht bei jedem Anklang fand. Einige Schüler jedoch fanden genau wie er Gefallen daran, die beiden Lehren zu vergleichen. Wie erwartet, war es Lea, die über die Tageslänge von GOTT anfing zu diskutieren. Von den anderen, eher Lustlosen kam natürlich die Frage, was denn mit den Dinosauriern sei. Die kämen in der Schöpfungsgeschichte nicht vor. Da zog sich Pastor Rosenkranz anders aus der Affäre. Er erklärte den Schülern, dass die Menschen, die damals die Schöpfungsgeschichte aufgeschrieben hatten, von den Dinosauriern nichts gewusst haben konnten. Es gab nur eine mündliche Überlieferung der Schöpfungsgeschichte und mit dem Thema Archäologie hätten sie noch nicht viel anfangen können. Die Texte stammten von einem Hirten- und Bauernvolk. Für sie waren nur die bekannten Pflanzen und Tiere wichtig. Alles andere hätten sie sowieso nicht verstanden. Soweit zum Thema Evolutionslehre und Schöpfungsgeschichte. Mit einer solch verblüffend einfachen Erklärung hatten die Schüler nicht gerechnet. Aber sie schien sie durchaus zu überzeugen. Es gab keine Gegenargumente mehr.

Lea hatte Spaß an dem Thema, zeigte es doch, dass Religion und Wissenschaft sich nicht zwangsläufig widersprechen mussten. Es gab ihr Raum für ihre eigenen Gedanken.

Wie es so Leas Art war, las sie die Schöpfungsgeschichte in der Bibel nach und las noch ein Stück weiter.

Na ja, die Story von Adam und Eva war schon etwas abgegriffen und ständig Gegenstand von Feministinnen. So konnte sie sich an den Spruch erinnern: „Als GOTT Adam schuf, übte SIE nur.“ Sie fand ihn ganz lustig und manche verstanden ihn auch nicht gleich, weil die „Leitung“ etwas länger war. Aber sie fand die Vorstellung von einem weiblichen GOTT nicht schlecht. Die Wahrheit lag wohl dazwischen. Ihrer Überlegung nach musste GOTT beide Anteile in sich haben, sonst hätte ER/SIE nicht Mann und Frau schaffen können. Am Anfang hatte sie sich auch über die rein männliche Beschreibung geärgert. Aber als sie länger darüber nachdachte, war ihr klar warum. Vor den „Ein-Gott-Religionen“ gab es weibliche Ur-Religionen. Nach ihrer Meinung folgte auf das eine Extrem das andere. Für sie war es nur eine Frage der Zeit, wann die Menschen daraus ihre Schlüsse zogen und beide Gottesanteile als gleichberechtigt ansahen. Wahrscheinlich gab es wohl einen Ursprung aller Religionen, auf den alles am Ende wieder zulaufen würde. So wie sich die Astronomen den Urknall und das Zusammenziehen des Kosmos vorstellten.

Sie las weiter. Das Drama von Kain und Abel war ihr wohl bekannt. Was ihr an der Geschichte Kains so komisch vorkam, war, dass Kain, nachdem er von GOTT sein Mal auf der Stirn erhalten hatte, auszog, an anderer Stelle Menschen vorfand und sich dort eine Frau suchte. Wo waren die anderen Menschen so plötzlich hergekommen, wenn doch seine Eltern, Adam und Eva, die ersten Menschen sein sollten? Das ging nicht in ihren Kopf hinein. Gab es da eine andere Erklärung? Waren Adam und Eva die Ureltern der Kinder GOTTES und die anderen Menschen Geschöpfe anderer Götter? Sollte das noch mal Thema im Religionsunterricht werden, wollte sie eine Menge Fragen stellen. Scheiß egal, was die andern darüber dachten.

Die Genealogie der Urväter war nicht so interessant, höchstens deren buchstäblich biblisches Alter. Jeder Wissenschaftler wäre froh, würde er das Geheimnis lüften, wie man ein Menschenleben auf über 500 Jahre strecken könnte. Wenn sie sich aber vorstellte neben einem so alten Menschen zu stehen, lief ihr eine Gänsehaut den Rücken runter. Wie würde so ein Mensch wohl aussehen? Mit Falten so tief wie ein neuer Autowinterreifen? Oder würden die Genetiker es schaffen, die Haut so hinzukriegen, dass sie faltenlos glatt blieb? Das Alter der Urväter ließ jedenfalls jeden Unsterblichkeitsfanatiker vor Neid erblassen.

Lea bremste ihre Gedanken und blätterte weiter. Dabei stieß sie auf eine Stelle, die sie neugierig machte. Sie befand vor der Geschichte mit Noah und der Sintflut und handelte von Gottessöhnen, die auf die Erde gekommen waren, weil ihnen die Menschentöchter so gut gefielen. Das Ganze wurde in zwei, drei Sätzen abgehandelt. Viel zu kurz, empfand Lea und beschloss, Pastor Rosenkranz danach zu fragen. Sie war sich sicher, dass so ein kleiner Abschnitt unmöglich als Thema für eine Unterrichtsstunde herhalten konnte. Also musste sie Pastor Rosenkranz am Ende der Stunde privat fragen. Das kannte er schon von ihr. Sie musste grinsen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass auch er von ihren Fragereien profitierte.

Am Ende der nächsten Stunde packte Lea die Gelegenheit gleich beim Schopf und sprach ihn darauf an.

„Ich hätte da mal eine Frage, Herr Rosenkranz!“, rückte sie heraus, als alle ihre Klassenkameraden schon aus dem Klassenzimmer waren. Sie hatte absichtlich gewartet und ihre Sachen betont langsam zusammengepackt, bis sie allein mit dem Lehrer war. Sie verspürte keine Lust, dass ihre Mitschüler sich wieder lustig über sie machten. Sie hatten ihr schon den Spitznamen „Fromme Lea“ verpasst.

„Nur zu! Ich bin ganz Ohr!“, lächelte der Pastor sie an.

Er hatte schon gemerkt, dass sie etwas auf dem Herzen haben musste und fragte sich in amüsierter Erwartung, was sie wohl diesmal fragen wollte. Sie hatte ihn schon oft am Ende des Unterrichts Fragen zu Dingen gestellt, die nicht Gegenstand der Unterrichtsstunden waren, aber immer interessant.

„Ich habe im 1. Buch Moses über sogenannte Gottessöhne gelesen, die auf die Erde gekommen sind, weil ihnen die Frauen auf der Erde so gut gefallen haben. Die Gottessöhne werden danach aber nicht mehr erwähnt und die Geschichte wird nur sehr beiläufig erzählt. Gibt es da noch mehr Informationen drüber?“, wollte Lea wissen.

„Ach ja, das steht kurz vor der Sintflut in der Bibel, nicht wahr?“, sinnierte er.

„Ja, so ist es! Können sie mir sagen, wo mehr darüber geschrieben steht?“, sah sie ihn bittend an.

„Einen Augenblick, ich muss mal nachdenken!“

Pastor Rosenkranz hielt kurz inne und hielt sich nachdenklich das Kinn. Er war ein schlanker, mittelgroßer Mann. Erste graue Strähnen durchzogen sein mittelbraunes, kurzgehaltenes Haar. Sein gepflegter Kinnbart verschwand unter der an das Kinn gehaltenen Hand. Seine grauen Augen blickten scheinbar in unendliche Weiten. Lea glaubte es nicht mehr aushalten zu können, da begann er ihr zu antworten.

„Ich glaube, dass ich dir da weiterhelfen kann. Es gibt Texte, die man Apokryphen nennt. Es handelt sich dabei um religiöse Texte aus alt- und neutestamentarischer Zeit. Sie stehen nicht in der Bibel, obwohl sie Bestandteil dieses Buches hätten sein können. Dies wurde vor langer Zeit von der Kirche so festgelegt. Diese Texte sind aber in neuerer Zeit wieder zusammengetragen worden und man kann sie in Büchern nachschlagen. Der Text, der für dich in Frage kommt, heißt das „Äthiopische Buch Henoch“, soweit ich mich erinnern kann. Möglicherweise findest du in der Bibliothek des Gemeindezentrums ein Buch, in dem der Text steht. Geh doch einfach mal hin! Wenn es nicht in der Bibliothek stehen sollte, dann sprich mich noch einmal darauf an. Wir werden dann schon fündig werden.“, informierte er Lea.

„Vielen Dank! Damit haben sie mir schon eine ganze Menge geholfen, Herr Rosenkranz. Auf Wiedersehen!“, freute sich Lea über die Antwort und schulterte ihre Schultasche.

„Auf Wiedersehen Lea!“, rief er ihr hinterher, weil sie sich auf dem Absatz umgedreht hatte und schon aus dem Klassenzimmer verschwunden war. Er musste in sich hineinschmunzeln. Sie war schon eine temperamentvolle Person und sehr wissbegierig. Wissbegierig waren zwar viele, aber nicht im Religionsunterricht, einem so unbeliebten Nebenfach. Solche jungen Menschen wie Lea gab es selten. Er war erfreut, eine solche Perle unterrichten zu dürfen. Er dacht wieder an ihre Frage. Ob noch mehr dahinter steckte, als die pure Lust am Wissen? Er beschloss sie einmal darauf anzusprechen.

Lea holte ihr Rad aus dem großen, flachen, hallenartigen Keller der Schule und stieg schon im Keller auf, um mit Schwung die steile Auffahrt hochzukommen. Sie überquerte flink den Lehrerparkplatz und blickte an der Straße nur kurz links und rechts. Sie bog links ab, hielt an der kleinen Kreuzung mit der Ampel kurz an und beeilte sich den Rest des Weges, um möglichst schnell nach Haus zu kommen. Heute Nachmittag hatte die Gemeindebibliothek von 15.00 – 18.00 Uhr geöffnet. Das wusste sie. Zu Haus begrüßte sie ihre Mutter gut gelaunt und setzte sich an den Küchentisch zum Essen.

„Na, wie war die Schule?“, wollte ihre Mutter von ihr wissen und setzte sich zu ihr.

„Och, ganz gut!“, gab Lea recht einsilbig zurück und machte sich über die Kartoffeln mit Königsberger Klößen her.

„Nur ganz gut? Und warum bist du dann so gut gelaunt?“

Ihre Mutter war manchmal entnervend neugierig. Was für ein Mädchen in der Pubertät schwer zu ertragen war. Konnte man sie nicht einfach in Ruhe lassen?

„Ich habe Pastor Rosenkranz nach einem Buch gefragt über ein Thema, das mich interessiert. Er hat gesagt, dass ich es mal bei der Gemeindebibliothek versuchen soll. Ich werde gleich um drei Uhr hinfahren. Vielleicht schaffe ich bis dahin auch schon meine Hausaufgaben. Zufrieden?“ Das letzte Wort betonte Lea überdeutlich.

„Hey, du brauchst nicht gleich von der Seite zu beißen, nur weil ich Anteil an deinem Leben nehmen möchte, Lea!“

Yvonne fühlte sich schon so manches Mal aus ihrem Leben ausgeschlossen. Ihr fiel es schwer, Lea loszulassen. Aber mit diesem Problem war sie nicht allein auf der Welt.

„Ist ja schon gut, Mama! Ich habe es nicht so gemeint.“, beschwichtigte sie ihre Mutter wieder.

„Na denn! Darf ich wissen, worum es in diesem Buch geht? Oder ist das verboten?“

Lea lachte auf. Ihre Mutter war schon komisch! Entweder war sie forsch oder übervorsichtig.

„Es geht um eine Stelle in der Bibel, bei dem sogenannte „Gottessöhne erwähnt werden, die meiner Meinung nach aber Engel sind. Ich habe Pastor Rosenkranz gefragt, ob es mehr darüber gibt und er hat mir gesagt, dass mir ein Text namens „Äthiopisches Buch Henoch“ weiterhelfen könnte.“

Sie grinste ihre Mutter schief an, weil sie wusste, was gleich kommen musste.

„Du und deine Engel!“ Ihre Mutter blickte in gespielter Verzweiflung an die Küchendecke.

„Ja, ich und meine Engel. Lass mich doch! Dafür muss Papa nicht mit der Schrotflinte im Anschlag vor der Haustür stehen, um meine nicht vorhandenen Verehrer abzuwehren, wie der Vater von Viola. Die Jungs nennen mich die „Fromme Lea“. Wusstest du das eigentlich schon? Für die bin ich sowieso verloren und ein Fall für das Kloster.“, meinte Lea trocken.

Jetzt musste auch Yvonne lachen. Ihre Tochter hatte einen ziemlich eigenwilligen Humor. Wenn sie so sprach, konnte sie ihr unmöglich böse sein.

„Also gut, dann geh zur Bibliothek und besorg dir das Buch, mein Schatz; wenn es dich glücklich macht! Aber lass mich damit in Ruhe, ja? Ich weiß gar nicht, von wem du dieses eigenartige Interesse hast. Von Alexander und mir sicher nicht. Wir sind schlechte Kirchengänger und gewiss nicht bibelfest. Pastor Rosenkranz sieht uns nur zu Weihnachten und eventuell noch mal zu Ostern. Aber du scheinst ja in der Kirche Dauergast zu sein, seitdem du Konfirmationsunterricht hattest.“, amüsierte sie sich.

„Ach Mama! Pastor Rosenkranz hat mir sogar schon vorgeschlagen Theologie zu studieren. Er meint, ich würde eine gute Pastorin abgeben. Aber ich weiß noch nicht! Im Studium müsste ich Originaltexte in Latein, Griechisch und Hebräisch lesen, wie er mir erzählte. Keine Ahnung, ob ich dazu Bock hätte.“

„Gott bewahre! Eine Pastorin als Tochter!“ Yvonne bekreuzigte sich in komischer Verzweiflung.

„Nu verzweifele mal nicht gleich! So weit bin ich noch nicht!“

Lea war sichtlich über die Reaktion ihrer Mutter amüsiert.

„Dein Essen hat übrigens wieder prima geschmeckt! Ich geh hoch Hausaufgaben machen.“, stand Lea auf und stellt ihr Geschirr in die Spülmaschine.

„Danke! Bis dann, mein Schatz!“, drückte ihre Mutter sie kurz.

Lea verschwand in ihrem Zimmer und machte sich über die Hausaufgaben her. Heute waren die Lehrer gnädig gewesen und hatten nicht so viel aufgegeben. Lea brauchte nicht länger als eine Stunde für drei Fächer: Englisch, Mathe und Erdkunde. Sie war schon ganz kribbelig, als sie an den Text dachte, von dem ihr Pastor Rosenkranz erzählt hatte. 14.50 Uhr hielt sie es nicht mehr aus und setzte sich auf das Rad, um den Hügel zur Gemeindebibliothek raufzuradeln.

Das Gemeindezentrum war nur durch eine Straße von dem Aufgang zur Kirche getrennt. Früher befand sich hier mal ein Friedhof, der bei Arbeiten zur Verbreiterung der Straße zutage trat. Die Mauer, die das Erdreich stützte, musste nach hinten verlegt werden. Es war manchmal etwas gruselig, wenn man daran vorbeiging und Knochen aus dem Erdreich ragen sah, das abgetragen werden musste. Heute erinnerte nur noch ein Gedenkstein aus dem Ersten Weltkrieg daran. Der Fußweg zur Kirche führte an ihm vorbei. Schaute man vom Gemeindezentrum Richtung Kirche, so wirkte es, als stände sie vor einer grünen Wand, zumindest im Sommer. Das sah ziemlich idyllisch aus. Näherte man sich von Nordwesten auf der Autobahn dem Ort, so schien die Kirche mitten im Grün über ihm zu thronen.

Etwas außer Atem kam Lea beim Gemeindezentrum an und schloss das Rad am Ständer vor dem Eingang ab. Frau Wagner, die Bibliothekarin kam auch gerade erst und drehte gerade klimpernd den Schlüssel im Schloss um.

„Na, Lea? Du scheinst es ja richtig eilig zu haben. Wolltest du in die Bibliothek?“

„Guten Tag, Frau Wagner! Ja, ich möchte zu Ihnen in die Bibliothek, um mir ein Buch auszuleihen, wenn sie es denn haben.“

„Worum handelt es sich denn?“, erkundigte Frau Wagner sich interessiert, als sie mit Lea den Vorraum durchschritt und die Tür zur Bibliothek aufschloss.

„Haben sie ein Buch über Apokryphen?“, fragte Lea hoffnungsvoll.

Beide standen nun in dem großen Raum der Bibliothek, der mit großzügigen Fensterfronten ausgestattet war und dadurch hell und freundlich wirkte Die Regale waren aus einem hellen Holz und wurden von blauen Metallwangen gehalten.

„Sogar mehrere, um genau zu sein. Es gibt da Bücher und Texte aus dem Alten und aus dem Neuen Testament. Weißt du denn zu welchem Teil der Bibel dein Text gehört, den du suchst? Wie heißt er denn?“, erkundigte sich die Bibliothekarin freundlich.

„Der Text gehört ganz bestimmt zum Alten Testament. Er heißt laut Pastor Rosenkranz das „Äthiopische Buch Henoch.“, antwortete Lea eifrig.

Frau Wagner hängte ihre Jacke an den Haken und knipste das Licht in der Bibliothek an.

„Ah, Pastor Rosenkranz hat dir das gesagt! Dann müssten wir so ein Buch auch haben. Dann komm mal mit!“

Sie gab Lea durch einen Wink zu verstehen, ihr zu folgen. Gemeinsam gingen sie die Reihen der Bücherregale entlang , bis Frau Wagner an einem Regal stehen blieb, in dem Bibeln verschiedener Ausführung und Bücher standen, die sich mit der Bibel im engeren und weiteren Sinne befassten. Die Bibliothekarin fuhr mit dem Finger an den Buchrücken entlang und las die Titel halblaut vor.

„Da ist es ja! Hier müsste der gesuchte Text drinstehen.“

Sie nahm es aus dem Regal heraus und schlug es vorne im Inhaltsverzeichnis auf. Nach ein paar Sekunden sah sie lächelnd auf und reichte das Buch an Lea weiter.

„Dein Text ist drin. Möchtest du es ausleihen?“

„Ja, bitte!“

Frau Wagner merkte wie kribbelig sich Lea fühlen musste. Es schien ihr sichtlich schwer zu fallen, ruhig stehen zu bleiben. Sie lächelte über ihre Ungeduld und bat sie, mit dem Buch zum Schreibtisch zu kommen, damit sie die Buchnummer und ihren Namen in den Computer tippen konnte.

„So, fertig! Jetzt kannst du das Buch mitnehmen.“ Frau Wagner hielt es ihr hin.

„Danke, Frau Wagner“ Lea stopfte es schnell in ihren Rucksack.

„Brauchst du das Buch für den Religionsunterricht?“

Neugierig war Frau Wagner schon, was sie mit dem Buch wollte.

„Nein, ich möchte das „Äthiopische Buch Henoch“ aus eigenem Interesse lesen.“, gab Lea bereitwillig Auskunft.

„Na, dann viel Spaß dabei, Lea. Und denk dran, es nach spätestens vier Wochen wieder abzugeben oder zu verlängern, wenn du es noch weiter brauchst!“, ermahnte Frau Wagner sie.

„Keine Angst, Frau Wagner. Das Buch kommt pünktlich zurück. Bis dann! Tschüss!“, wandte sie sich eilig Richtung Ausgang.

„Auf Wiedersehen und grüß deine Mutter von mir!“, rief Frau Wagner ihr noch hinterher.

„Mach ich!“, kam es über Leas Schulter zurück.

Schnellen Schrittes hastete Lea aus der Bibliothek durch den Vorraum nach draußen zu ihrem Rad. Sie war total erleichtert, dass sie das Buch bekommen hatte. Jetzt konnte sie in Ruhe zu Hause in ihrem Zimmer schmökern und mehr über diese „Gottessöhne“ erfahren. Sie öffnete das Fahrradschloss, packte den Rucksack in den hinteren Fahrradkorb und ließ sich dann den Hügel hinabrollen. Erst in ihrer Straße musste sie wieder in die Pedalen treten.

Als sie ins Haus kam und ihre Eltern im Wohnzimmer zusammensitzen sah, sagte sie nur kurz triumphierend: „Ich hab es! Schönen Gruß von Frau Wagner, Mama!“ zur Begrüßung und nahm gleich zwei Stufen auf einmal, als sie die Treppe zu ihrem Zimmer hoch lief.

„Kannst du mich mal aufklären, was sie hat?“, wollte Alexander wissen, der gerader erst von der Arbeit nach Haus gekommen war und sich hingesetzt hatte, um sich etwas auszuruhen, bevor er noch etwas Gartenarbeit in Angriff nahm.

„Ach, sie wollte sich ein Buch aus der Gemeindebibliothek ausleihen. Es scheint, dass sie es bekommen hat.“, klärte Yvonne ihren Mann auf.

„Worüber ist denn das Buch, wenn Lea dir darüber überhaupt Auskunft gegeben hat?“, fragte Alexander seine Frau mit hochgezogener Braue.

„Doch, hat sie. Es ist über Engel, was sonst!?“, grinste Yvonne ihren Mann schief an.

„Irgendwie hätte ich mir das denken können, oder?“, grinste Alexander schief zurück.

Lea, die es sich inzwischen auf ihrem Bett bequem gemacht hatte, störte es wenig, dass ihre Eltern für ihre Marotte nicht so viel Verständnis aufbringen konnten. Hauptsache, sie kamen nicht auf die Idee, ihr zu verbieten, sich mit ihrem Lieblingsthema zu beschäftigen. Voller Erwartung schlug sie das Buch beim Inhaltsverzeichnis auf, um nachzusehen, wo das „Äthiopische Buch Henoch“ stand. Sie blätterte zu der entsprechenden Stelle und begann zu lesen.

Als erstes erfuhr sie, dass das Buch Henoch aus einer Einleitungsrede, fünf Teilen und einer Schlussbemerkung bestand. Der erste Teil musste es sein, der sie am meisten interessierte. Er hieß das „Angelologische Buch“. Die ersten Sätze entsprachen fast dem Wortlaut der Bibel im 1. Buch Moses. Aber dann kam es richtig dick! Sie erfuhr, dass es sich bei ihren „Gottessöhnen“ um 200 Wächterengel handelte, die es auf die Erde gezogen hatte, weil es sie nach den „Menschentöchtern gelüstete“. Wow! Es hatte also wirklich Engel gegeben, die auf die Erde kamen, um mit Frauen ein sexuelles Verhältnis einzugehen? Sie meinte bis dato zu wissen, dass Engel keinen Geschlechtstrieb hatten!? War diese Annahme denn falsch? Zwar gab es immer wieder Filme und Romane, die sich gerade mit diesem Thema befassten, aber das schienen nur reine Fantasieprodukte und „Wunschdenken“ zu sein. Gespannt las sie weiter. Eine Reihe Namen wurden genannt. Der Anführer der Wächterengel hieß Semjasa.

Nicht nur, dass Wächterengel es mit Frauen getrieben hatten, was offensichtlich verboten war, wie sie unschwer aus dem Text entnehmen konnte. Nein, sie hatten außerdem himmlisches Wissen über Handwerk, Heilkräuterkunde, Naturwissenschaften, Magie und Kosmetik weitergegeben, was ebenfalls unter Strafe stand. Am meisten wunderte sie sich, dass die Engel den Frauen die Kunst der Verführung beigebracht haben sollten. Das konnte sie sich nun gar nicht vorstellen. Verführung war doch eher ein Spezialgebiet der Hölle!, amüsierte sie sich. Verführung würde gut als Einleitung zu „Wollust“ passen, einer der sieben Todsünden. Aber vielleicht lag sie da ja falsch und es war die Verführung von braven Ehemännern gemeint. Das lag wieder in GOTTES Sinne, denn die Menschen sollten sich ja mehren! Ha, ha! Die Verführung schien nach Evas Desaster mit der Schlange sowieso Sache der Frauen zu sein. Das war wieder typisch männliches Denken! An die ganzen verführten Frauen, die Opfer von lüsternen Männern geworden waren, verlor man keinen Gedanken. Man drehte den Spieß einfach um und schon waren die Männer wieder aus dem Schneider. Sie rief sich zurück, um sich weiter auf den Text konzentrieren zu können. Ihre Gedanken schlugen immer gleich Kapriolen, wenn sie etwas las, was ihr nicht in den Kram passte.

Mann! Das waren ja richtige Rebellen, diese Wächterengel! Den Teil über die „3000 Ellen“ großen Riesenkinder von Engeln und Frauen fand sie lächerlich. So etwas hätte gar nicht auf der Erde wandeln können. Sie wären von der Schwerkraft zusammengedrückt worden. Die Wissenschaft hatte festgestellt, dass es schon so etwas wie nur 10 Meter große Riesen aus organischen Gründen gar nicht geben könne. Da hatte Henoch sich ja ein tolles Märchen ausgedacht!

Gott hatte letztendlich mehrere Erzengel geschickt, um die rebellischen Engel zu bestrafen. Sie wurden „gebunden“ und an einen dunklen, schrecklichen Ort gebracht. Die missratenen Kinder, die Henoch als ziemlich blutrünstig beschrieb, wurden vernichtet. Die Engel sollten am Ende aller Tage, beim „Jüngsten Gericht“ oder so in den „Feuerpfuhl“ geworfen werden für ihre Vergehen. Das konnte sie auch irgendwie nicht so recht glauben. Es gab Gefallene Engel, das wusste sie, aber Engel, die vernichtet werden sollten? Das konnte nicht sein. Da musste sich Henoch geirrt haben! Sie glaubte auch nicht, dass die Engel aus böser Absicht gehandelt hatten, auch wenn sie dabei Gebote übertreten hatten. Hatten diese Engel etwa menschliche Gefühle entwickelt und Sehnsucht bekommen unter Menschen zu leben?

Was wäre, wenn sie aus reiner Liebe zu den Menschen, besonders zu den Frauen, gehandelt hatten und die Menschen die Gaben, die sie erhielten, zu ihrem Vorteil nutzten? Das der Vorteil nicht immer aus lauteren Absichten bestand, wäre aus menschlicher Sicht vorauszusehen gewesen, aber für himmlische Wesen, die nur Licht in sich trugen? Lea schüttelte den Kopf. Ihr taten die Wächterengel leid.

Am schlimmsten aber musste sie ihre eigene Unsterblichkeit getroffen haben, sinnierte sie. Sie stellte sich vor, wie es wäre, in jemanden verliebt zu sein, den man altern und sterben sah, ohne dass man etwas dagegen tun konnte. Das wäre grausam! Getrennt zu werden, ohne zu wissen, ob man sich je wiedersehen wird, weil man nicht weiß, wo und wann der oder die Geliebte denn wiedergeboren wird und die Chance hat, sich an lang Vergangenes zu erinnern. Allein zurück zu bleiben, mit dem Gedanken, einen geliebten Menschen für immer verloren zu haben. Wobei das Wort „immer“ hier buchstäblich, wortwörtlich zu nehmen wäre! Was für ein Schicksal musste diese Engel getroffen haben!

Sie versuchte auch die übrigen Teile des Buches Henoch zu lesen, überflog sie aber nur. Sie waren recht umständlich geschrieben, wie sie empfand und wiederholten sich des öfteren. Henoch war durch den Himmel und durch die Hölle geführt worden und bekam Erklärungen zu allen seinen Fragen. Ihm wurde der Aufbau der Welt gezeigt und die Orte, wo die Seelen der Toten hinkamen und die sündigen Engel. Die Antworten hätten heute ganz anders ausgesehen. Aber wer wusste damals schon, dass die Erde nicht flach war und dass Himmel und Hölle in anderen Dimensionen zu suchen waren? Kein Mensch könnte diese Sphären mit seinem irdischen Körper betreten. Alles zielte auf eine kommende Apokalypse hin, die Sintflut. Am Ende ermahnte Henoch die „Gerechten“ auf dem rechten Pfad zu bleiben und Treue zu GOTT zu bewahren, um bei GOTTES Gericht ihren wohlverdienten Lohn zu erhalten: Eine Wohnung im Himmel. Henoch selbst erlebte seine Himmelfahrt noch zu Lebzeiten und bekam als „Gerechter“ einen Platz im Himmel.

Sie hatte keine Lust, über diese umständlich geschriebenen Teile nachzudenken. Lea war jung und weiblich. Was das im Zusammenhang mit so alten Texten bedeutete? Wenn sie in der Bibel las oder solch einen Text wie eben, ärgerte sie sich immer darüber, dass selten bis nie von gerechten Frauen gesprochen wurde. Daran merkte man, wie männerlastig die Religionen waren und das konnte Lea nicht so einfach akzeptieren.

Beim Abendbrot war sie immer noch ziemlich nachdenklich und auf Fragen ihrer Eltern antwortete sie nur recht einsilbig.

Am Ende der nächsten Religionsstunde fragte Pastor Rosenkranz Lea, ob sie das „Äthiopische Buch Henoch“ gefunden hätte.

„Ja, Herr Rosenkranz!. Frau Wagner hat schnell das Buch gefunden, in dem der Text steht und es mir gegeben. Ich habe es am gleichen Tag noch gelesen.“, erwiderte sie.

„Bist du denn mit dem, was dort geschrieben steht zufrieden und hast gefunden, was du suchst?“

Gespannt wartete der Pastor auf ihre Antwort und schaute ihr erwartungsvoll ins Gesicht.

„Zufrieden nicht, aber dafür weiß ich jetzt ausreichend genug darüber.“, zuckte sie mit den Schultern.

„Warum bist du nicht zufrieden?“, wollte er wissen.

„Ich hatte erwartet, dass die Gottessöhne, die im Buch Henoch als Wächterengel bezeichnet werden, besser weggekommen wären.“, erklärte Lea.

„Wieso besser weggekommen?“, hakte er weiter nach.

„Ich hätte nicht geglaubt, dass Engel des Himmels, nachdem es doch schon die Gefallenen Engel um Luzifer gab, etwas tun könnten, weswegen sie bestraft werden würden.“, erklärte Lea ihren Missmut.

„Verstehe! Es ist wirklich eine etwas seltsame Geschichte. Aber sie hat vielen Menschen Anlass zum Nachdenken gegeben, so wie dir jetzt.“, warf Pastor Rosenkranz ein.

„Mir tun die Wächterengel leid! Hätte es nicht ausgereicht, sie zur Ordnung zu rufen und wieder in den Himmel aufzunehmen?“, empörte sich Lea.

„Wäre das Buch Henoch dem Neuen Testament zuzuordnen, wäre es denkbar gewesen.“, lächelte ihr Lehrer.

„Warum?“, machte Pastor Rosenkranz Lea neugierig.

„Nun ja, im Alten Testament handelte man nach dem Sprichwort: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Mit heutigen Worten: „Wie du mir, so ich dir!“ Da die Engel ein Verbrechen begangen hatten, mussten sie dafür bestraft werden. Im Neuen Testament, wird eine andere Geisteshaltung propagiert: „Wenn dir einer auf die Wange schlägt, so halte ihm auch noch die andere hin!“ Mit dieser Haltung wäre es möglich gewesen, den Engeln ihr Vergehen zu verzeihen und sie wieder in den Himmel aufzunehmen.“, erläuterte der Geistliche.

„Ach so!“ Lea verstand.

Nun zufrieden?“, lächelte Leas Lehrer.

„Zufrieden immer noch nicht. Aber ich verstehe jetzt, warum die Engel bestraft wurden. Damit kann ich leben, auch wenn ich es nicht richtig finde.“, nickte Lea.

„Dann ist es ja gut! Ich freue mich, wenn ich dir weiterhelfen konnte.“

„Oh ja, das haben sie. Vielen Dank! Auf Wiedersehen!“, verabschiedete Lea sich höflich.

„Auf Wiedersehen, Lea!“

Der Pastor schaute ihr kurz hinterher, bevor er selbst das Klassenzimmer verließ und die Tür abschloss. Sie musste einen Narren an den Engeln gefressen haben, überlegte er. Sonst hätte sie nicht so vehement Partei für sie ergriffen. Aber irgendwie konnte er sie verstehen. Sie war ein junges Mädchen und die Geschichte lud dazu ein, die Wächterengel anzuhimmeln. Für Mädchen wie Lea, hatten sie etwas von tragischen Helden. Aus dieser Sicht hatte er es noch gar nicht betrachtet. Diese Lea brachte ihn doch immer wieder auf ungewöhnliche Gedankengänge!

Zu Hause schrieb Lea nach den Hausaufgaben in ihr Tagebuch und notierte ihre Gedanken zu dem Buch von Henoch. Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie ihr Tagebuch immer noch mit Tanael anreden sollte oder ob sie auf Asturel wechseln sollte. Schließlich schien Asturel ihr eigentlicher Schutzengel zu sein. Sie beschloss, Tanael eine Art kleinen Abschiedsbrief zu verfassen, in dem sie sich bei ihm bedankte und ihm Lebewohl wünschte. Danach fühlte sie sich leichter und begann ihre Eintragungen fortan mit „Lieber Asturel!“.

Wie sie so über ihre Gedanken und Gefühle zu dem Buch schrieb, begann sie in größerem Maßstab über die Geschichte nachzudenken. Ihre Gedanken wanderten zu ihrem Erzfeind Albion, der einst in einem längst vergangenen Leben ihr Verlobter gewesen sein sollte. Dann kam ihr in den Sinn, was sie von Asturel in ihrem Traum über diese geheimnisvolle Person erfahren hatte, die ihre Hochzeit mit Albion vereitelte. Sie hielt mit dem Schreiben inne. Ihre Augen wurden groß und ihr Mund weitete sich vor Schreck. Das konnte nicht sein! Oder etwa doch? Sie schalt sich selbst. Ihre Fantasie schien wieder mit ihr durchzugehen. Ihr Vater hätte wohl gesagt: „Meine Tochter, da war der Wunsch wohl wieder Vater des Gedankens!“

Die Verbindung, die sie zog, erschien so unwahrscheinlich, dass sie an den Haaren herbeigezogen wirkte. Andererseits machte sie auf eine elektrisierende, furchteinflößende Art Sinn. Konnte es sein, dass sie eine dieser Frauen war, mit denen die Wächterengel vor Tausenden von Jahren eine Verbindung eingegangen waren? Wenn das stimmte, überlegte sie weiter, dann konnte sie auch Albion verstehen. Oh GOTT! Gegen einen Engel hatte kein Mensch eine Chance. Albion musste sehr wütend, traurig und eifersüchtig gewesen sein. Das hatte ihn zu dem werden lassen, was er nun war – eine dunkle, finstere Seele. Sie hätte ihm gern geholfen. Aber wie? Wie half man jemanden, der danach trachtete, einen selbst zu vernichten? Sie wusste darauf keine Antwort. Ihre Trauer um Albion hallte noch eine Weile nach, als eine neue Erkenntnis sie wie ein Blitz traf: Wenn ihr Gedankengebäude stimmte, war sie mit einem Engel zusammen gewesen, hatte ihn wohl sogar geheiratet! Himmel! Ihr Herz fing an zu rasen und die Hände wurden feucht. Sie versuchte sich auszumalen, wie es gewesen sein musste, aber an dieser Stelle fehlte ihr jede Vorstellungskraft. Der Engel sollte ihre „blinde Stelle“ sein, da war sie sich plötzlich sehr sicher. Wo waren die Wächterengel damals wirklich hingebracht worden, als man sie bestrafte? Es muss schwer gewesen sein, sie zu bändigen. Sie verbanden himmlische mit irdischen Kräften und waren bestimmt mächtige Gegner für die Erzengel gewesen. Bestimmt hatten sie sich erbittert gewehrt, bis sie überwältigt wurden. Lea hatte aller Wahrscheinlichkeit davon nichts mehr mitbekommen, weil sie zu dem Zeitpunkt schon tot war. Sie wusste nicht, woher sie dieses Wissen nahm, aber es kam ihr richtig vor.

Konnte die Kraft eines Engels ausgelöscht werden? Sie glaubte es nicht. Wäre es möglich die Kraft eines Engels zu wandeln? Sie musste über ihre verrückte Idee grinsen. Warum nicht? Vielleicht sollten die Wächterengel zu Dienern Luzifers werden. Sie hatte mal aufgeschnappt, dass nichts ohne Grund geschah. Wenn das stimmte, dann war ihr Verhältnis zu den Frauen und die Weitergabe von himmlischen Wissen nur ein Vorwand, um sie zu Dienern Luzifers zu machen. Das würde die Sache erklären, wenn auch aus einem ziemlich ungewöhnlichem Blickwinkel. Hatten die Engel vorher gewusst, dass sie zu Gefallenen Engeln werden sollten oder waren sie ein Spielball der Gewalten gewesen? Die letzte spannende Frage, die ihr dazu einfiel war: Hatten die Engel ihre Liebe zu den Frauen bereut und hassten sie jetzt dafür? Oder hatte die Liebe bis heute Bestand?

Mit dem Wissen, was sie jetzt hatte, konnte sie sogar verstehen, warum Asturel ihr nicht mehr darüber sagen durfte. Es war einfach ungeheuerlich und schlichtweg unglaublich. Sie verspürte auf einmal keine Lust mehr, mehr über ihr zukünftiges Schicksal zu erfahren. Sie würde auch keine Fragen mehr über die Aufgabe stellen, die ihr bestimmt war. Das konnte nun getrost warten, bis der Zeitpunkt gekommen sein würde. Wenn ihr damaliges Leben schon so unglaublich verlaufen war, was in GOTTES Namen, war ihr in diesem Leben zugedacht? Sie wollte es gar nicht mehr wissen! Das was sie bisher erlebt hatte, war ihr schon aufregend genug gewesen. Sie betete zu GOTT, dass er sie vor Allem beschützen möge, was da noch auf ihrem Lebensweg vor ihr lag.

Ihr fiel ein Spruch ein, den ihre Mutter ihr einmal gesagt hatte. Mit dem Wissen im Hintergrund bekam er eine völlig neue Bedeutung: „Lieber einen Spatz in der Hand, als eine Taube auf dem Dach!“

Bis zu ihrem Erwachsensein führte sie seitdem ein ganz normales Leben. Das Thema Engel interessierte sie weiterhin, auch wenn nun ihr Verhältnis dazu nicht mehr ganz so eng war. Die letzte Erkenntnis hatte ihr schlichtweg den Atem geraubt. Sie mochte Engel sehr, sie waren liebe, hilfsbereite Wesen. Aber einen Engel als Mann und Lebenspartner? Das ging ihr nun doch zu weit. Sie brauchte erst einmal Abstand und schrieb eine Art Abschiedsbrief in ihr Tagebuch. Sie hoffte, dass Asturel dies verstand. Aber nach dem Traum hatte er sich ohnehin nicht mehr bei ihr gemeldet. Lea legte ihr Tagebuch mit der Strähne Tanaels in ihre Erinnerungskiste, die sie für liebgewordene Dinge hatte, von denen sie sich nicht trennen konnte. Damit war für sie ein Abschnitt ihres Lebens zu Ende.

Ihre Eltern waren glücklich, dass Lea in ihren Augen nun vernünftig wurde und atmeten auf.

„Irgendwann musste sie mit dieser Marotte auch mal aufhören!“, sagte Alexander erleichtert zu Yvonne.

„Weißt du noch, wie ich mit ihr zu einem Kinderpsychologen gegangen bin, weil sie einen unsichtbaren Freund hatte?“ erinnerte Yvonne sich. „Ich befürchtete schon, dass unsere Tochter nicht ganz normal wäre. Aber GOTT sei Dank, hat sich das damals nicht bestätigt. Ich war total erleichtert! So ähnlich fühle ich mich jetzt auch.“

Sie seufzte und lehnte sich gegen ihren Mann, der sie in den Arm nahm und zärtlich an sich drückte.

„Mir geht es ähnlich!“ pflichtete Alexander ihr bei.

Religion war aber weiterhin Leas Lieblingsfach und es gab noch so manche Diskussion mit Pastor Rosenkranz, über die sie im Nachhinein lächeln musste. Außer Religion liebte sie noch Französisch. Warum? Ihre Eltern fuhren gern nach Frankreich in den Urlaub. Lea war bestimmt mehr als zehn Mal in Frankreich, bis sie ihr Abitur machte. Das hatte sie geprägt und ihre Liebe zu Land, Leuten und Sprache entstehen lassen.

Zur Freude und Erleichterung ihrer Eltern studierte sie nicht Theologie. Als sie Pastor Rosenkranz ihren Entschluss beim Abitur mitteilte, war sein Kommentar nur: „Schade, eine engagierte Pastorin weniger!“

Das konnte sie aber gut wegstecken. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt Lehrerin zu werden. Ihre Fächer? Französisch und – Religion, was sonst?

 

 

Ende der Probe

 

 

Du möchtest hautnah erleben, wie Lea den Weg zurück zur Welt der Engel findet? Wie ihr Schöpferfunke entfesselt wird und sie Unterricht von Engeln bekommt, damit sie ihre Aufgabe bewältigen kann? Wie enttäuschend ihre erste Begegnung mit Nekael verläuft? Wie sie dennoch kurz danach telepathisch zu kommunizieren beginnen, weil Nekaels Neugier, wer dieses vom Himmel bevorzugte „Weib“ ist, geweckt ist? Leas Freundin einen riesengroßen Fehler macht?...

Vielleicht ahnst du schon anhand der genannten Aussichten, dass es nicht so süßlich wie in den ersten Kapiteln bleibt. Sobald Lea mit Nekael und Leas Freundin mit Albion konfrontiert wird, wird  die Geschichte deutlich "erwachsener". Neugierig? 

Dann bestell dir doch  den ganzen Roman!  Bestellnummer und genauen Titel findest du unter Literatur und Links.  

 

PS: An dieser Stelle sei erzählt, warum ich ausgerechnet einen Sonnenuntergang als Hintergrund gewählt habe. Lea liebt Sonnenuntergänge seit dem Leben, in dem sie Nekael zum ersten Mal begegnet ist. Außerdem hatten sie und Nekael ihre erste Verabredung zu dieser Tageszeit.

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