Die Legende der Wächterengel

Saphira und Asasel - Verzeihen aus Liebe

 

Ab "Saphira und Asasel" begleitet mich Sylvia Kalchgruber als Lektorin, worüber ich mich sehr freue. Sie hat sich für mich schon als wahrer Schatz erwiesen. 

Wie bei "Lea und Nekael" handelt es sich diesmal ebenfalls um zwei Bände, die jedoch insgesamt kürzer ausgefallen sind. Dementsprechend niedriger konnten die Preise ausfallen.

Saphira und Asasel Band 1 / 460 Seiten / ISBN 978 383 910 745 4 / 28,90 Euro

Saphira und Asasel Band 2 / 488 Seiten / ISBN 978 383 911 045 4 / 30,90 Euro 

Apropos: Der Roman läuft unter Belletristik / Fantasy

 

Die Daten des Romans:

Titel:
Saphira und Asasel - Verzeihen aus Liebe, Die Legende der Wächterengel

Über Genre, Inspirationsquelle und Idee muss ich mich nicht weiter auslassen. Das kannst Du bei Lea und Nekael nachlesen, falls Du es nicht schon getan hast.

 

Eine kurze Einführung:

Lea und Nekael bekommen die Aufgabe, sich um die weiteren Wächterengel samt ihren Frauen zu kümmern. Noch in ihren Flitterwochen spüren sie Asasel und Saphira in Israel auf. Aufgescheucht durch ihre Aktivitäten mischen die Satansbraut Naamah und der Berater Aniguel sich wieder ein und spinnen eine gemeine Intrige: Sie bringen Asasel dazu, einen Anschlag ausführen zu lassen, bei dem Saphira den Tod finden soll. Wegen seiner verschlossenen Erinnerungen merkt er nicht, was er anrichtet. In letzter Sekunde wird Saphira gerettet und nach Deutschland verfrachtet. Hier muss sie aus einem tiefen Heilschlaf erwachend entdecken, dass sie ihres bisherigen Lebens beraubt ist - sie war Soldatin in der Armee. Als ob dieser Schock nicht genug wäre, muss sie lernen, dass der Drahtzieher dieses Anschlags (und eines weiteren in der Vergangenheit!) ausgerechnet der Engel ist, dem sie sich vor Jahrtausenden anvertraut hat. Nachdem sie in der Engelwohnstatt ihre Erinnerungen zurückbekommen hat, beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen, denn Eile ist geboten. Naamah und Aniguel haben längst erkannt, dass sie allein das Erwachen der Wächterengel nicht mehr aufhalten können ...

 

Wie fängt "Saphira und Asasel" an?

Prolog

 

Ein strahlender Sonnentag in Israel am Mittelmeer.

Aus einem strandnah gelegenen Hotelsaal drang lautes Lachen, Musik und Gläserklirren. Die gesamte Hotelanlage, von der dieser fröhliche Lärm in die warme Abendluft drang, machte einen freundlichen und hellen Eindruck. Der Gebäudekomplex war erst kürzlich fertiggestellt worden. Zwei Armeeangehörige feierten dort ausgelassen mit Verwandten, Freunden und Kollegen ihre Hochzeit. Aus der leicht geöffneten Terrassentür mit bodenlangen Fenstern lugte die Nase eines dunkelhaarigen Mädchens neugierig hervor. Der Blick auf das Mittelmeer und den Poolkomplex davor war traumhaft schön. Sehnsüchtig blickte sie auf eine Laubhütte, die in der Nähe des hoteleigenen Strandes zwischen Palmen und duftenden Blumen auf einem saftig grünen Rasen stand. Das Laubhüttenfest war zwar schon vorüber, aber man hatte die Hütte für die auswärtigen Touristen stehen lassen. Ein malerisches Bild. In der Hütte konnte man sich bestimmt gut vor dem Trubel im Saal und vor den langweiligen Erwachsenen verstecken, ging es dem Mädchen sehnsuchtsvoll durch den Kopf. Bedauernd sah sie an sich herunter. Das schöne lange Kleid, was sie trug, war ihr nur hinderlich. Hinter ihr quengelte ihr jüngerer Bruder, der sich ständig an dem kleinen Anzug herumzupfte. Statt auf der Hochzeit zu sein, hätten die Geschwister lieber irgendwo selbstvergessen im Sand gebuddelt. Saphira zeigte auf die Laubhütte. Gad nickte. Ein guter Ort um sich zu verstecken. Saphira drehte sich um und suchte den Blick ihrer hübschen dunkelhaarigen Mutter.

„Wo wollt ihr denn hin?“, fragte die lächelnd.

Die Familie hatte aus Rücksicht von dem Hochzeitspaar ihre Plätze in der Nähe der Terrasse bekommen, damit die Kinder sich nach draußen zurückziehen konnten.

„Dahin!“, zeigte Saphira mit ihrem Zeigefinger auf die Hütte.

Ein prüfender Blick schweifte über die Umgebung, ehe die Mutter nickte.

„Dass ihr mir nicht in den Pool fallt!“, warnte sie.

„Ich pass schon auf Gad auf!“, erwiderte Saphira lässig und ließ die große Schwester raushängen.

„Na gut! Ich sehe ab und zu nach euch, dass ihr mir nicht verloren geht!“, willigte die Mutter ein und begleitete die Kinder mit den Augen, bis sie an der Hütte angekommen waren.

Dann drehte sie sich zu ihrem Mann um, dessen Hautfarbe um einige Nuancen dunkler als ihre eigene war und beide lächelten sich an. Sie konnten ihren Nachwuchs gut verstehen. Hochzeiten waren für Kinder meistens eine langweilige Angelegenheit. Doch für die Erwachsenen eine gute Gelegenheit, für eine Weile den Alltag mit seinen Pflichten und Sorgen hinter sich zu lassen. Ganz besonders, wenn man in der Armee als Berufssoldat diente und häufig mit den unschönen Dingen des Lebens konfrontiert wurde.

Eine halbe Stunde später war Saphira mit ihrem kleineren Bruder in ein Spiel vertieft, als sie urplötzlich aufschreckte. Eine durchscheinende, große, männliche Gestalt in schwarzer Kleidung schlenderte gemächlich vom Strand zur Hotelanlage. Saphira kniff ihre Augen zusammen und legte ihren Kopf nachdenklich schief. Wieso war der Mann durchsichtig und warum umgab ihn eine so komische dunkle Wolke?

„Was ist?“, wollte ihr Bruder wissen.

„Da ist ein dunkler Mann!“, wies Saphira auf die Erscheinung.

„Wo?“

„Na da!“, kam es ungeduldig zurück.

„Ich sehe nichts!“

„Bist du blind?“, wurde Saphira ärgerlich.

„Bin ich nicht!“, konterte Gad mit vorgerecktem Kinn.

„Warum siehst du den Mann dann nicht?“, verdrehte Saphira die Augen.

„Weiß nicht!“, zuckte Gad gleichgültig mit den Schultern.

Er hatte keine Lust das Spiel wegen etwas, das er nicht sehen konnte, zu unterbrechen.

Der Blick des unheimlichen Mannes wanderte über die gesamte Anlage und streifte dabei auch die Laubhütte. Saphira gefror das Blut in den Adern. Sie wagte auf einmal nicht mehr zu atmen und legte einen Finger auf ihren Mund, um ihren Bruder klar zu machen, dass auch er still sein sollte. Gad versuchte noch einmal den Mann zu sehen, von dem seine Schwester erzählt hatte. Aber er sah nichts. War das ein neues Spiel? Als er danach fragen wollte, schüttelte Saphira eindringlich den Kopf und bedeutete ihm nochmals mit Gesten still zu sein. Instinktiv spürte Gad, dass Saphira es ernst meinte. Aufgeregt versuchte er, die Gefahr auszumachen. Nichts!

Saphira bekam dagegen mehr mit, als sie vertragen konnte. Die Augen des Mannes! Sie sahen nicht normal aus. Sie leuchteten rot! Saphira betete innerlich, dass der Mann sie und ihren Bruder nicht entdecken würde. War das ein Dämon?

Ein grausames, eiskaltes Lächeln glitt über die schönen Züge des gespenstisch wirkenden Mannes. Einen Wimpernschlag später krachte es ohrenbetäubend. Entsetzt rissen die Kinder ihre Köpfe in Richtung der Detonation. Der Hotelsaal! Steine und zerborstene Möbelteile flogen an Saphira und Gad vorbei und trafen sie wie durch ein Wunder nicht. Die Druckwelle riss die Laubhütte mit sich fort und Saphira schmiss sich auf den Boden und zog ihren jüngeren Bruder mit. Hoffentlich entdeckte der Mann sie bloß nicht! Dann schoss ihr etwas anderes in den Sinn. Mama! Papa! Sie waren in dem Hotelsaal, von dem nur noch ein rußgeschwärztes Loch übrig geblieben war. Saphira blickte sich furchtsam nach der durchsichtigen Gestalt um. Sie nickte zufrieden und verschwand danach spurlos – löste sich einfach in Nichts auf. Das löste Saphiras Starre.

„Mama! Papa!“, schrie sie geschockt.

Ihr Bruder setzte sich auf und betrachtete verständnislos das Loch, das vor wenigen Sekunden noch eine ausgelassene Hochzeitsgesellschaft beherbergt hatte. Er verstand nicht, was passiert war. Dazu war er zu jung.

Saphira fasste ihren Bruder an der Hand und wollte an den Unglücksort eilen, um nach ihren Eltern zu suchen. Da kamen vom Strand auch schon Menschen angerannt. Ein Mann in Armeeuniform hielt die Geschwister fest. Saphira versuchte sich loszureißen.

„Mama! Papa!“ schrieen sie und Gad immer wieder und deuteten auf die rußige, blutige Ruine.

„Oh mein Gott!“, entfuhr es dem Soldaten, als er begriff, dass er die einzigen Überlebenden des Bombenattentats vor sich hatte.

 

Jahre später quälten Saphira immer noch Alpträume, in denen der geisterhafte, furchterregende Mann vorkam. Wieder und wieder musste sie in die erbarmungslosen, rotglühenden Augen blicken, die ihr Todesangst verursachten. Schweißgebadet und mit tränenüberströmtem Gesicht schreckte sie regelmäßig aus dem Schlaf auf. Über den Verlust ihrer Eltern kam sie nie hinweg. In ihrer Vorstellung war es der dunkle Mann, der den Tod all der fröhlich feiernden Menschen verursacht hatte. Erzählt hatte sie niemand davon. Wie sollte ihr auch jemand glauben, wenn nicht einmal ihr Bruder den Mann gesehen hatte!?

Für den Anschlag wurde ein Selbstmordattentäter verantwortlich gemacht. Das Bild des in Frage kommenden Mannes tauchte kurz darauf bei der palästinensischen Widerstandsbewegung auf. Man feierte ihn dort als Held und Märtyrer.

 


 

1. Flitterwochen

 

Lea und Nekael standen eng aneinandergekuschelt am Ufer „ihres“ Sees und begrüßten wie jeden Morgen in ihren Flitterwochen den neuen Tag. Hinter ihnen kam gerade die Sonne über die Berghänge der Golanhöhen und tauchte die Szenerie vor ihnen in ein märchenhaftes Licht. Die feinen Wellenspitzen kräuselten die Oberfläche des Sees und glitzerten in einem warmen Goldorange. Darüber leuchteten kleine Wölkchen in einem intensiven Orangerot und setzten sich stark von dem azurblauen Himmel ab. Perfekt dazu passend wehte ein erfrischender leichter Wind.

An die „moderne“, veränderte, kargere Landschaft hatte sich das Paar mittlerweile gewöhnt. Sie vermissten das Dorf der Vergangenheit nicht mehr, in dem sie vor Jahrtausenden und vielen Inkarnationen von Lea gelebt hatten.

 

Wiedergefunden hatten sie sich vor wenigen Monaten.

Gott selbst hatte es so bestimmt...

 

Begonnen hatte alles in vorsintflutlicher Zeit. Nekael war damals als Wächterengel eingesetzt gewesen. Er hatte die Aufgabe gehabt, über den geordneten Beginn der bewussten, beseelten Menschwerdung zu wachen. Mit sechs weiteren Engeln seiner Art hatte er sich im Bereich des Nahen Ostens aufgehalten. Im Verlauf der Zeit waren die Engel mehr und mehr über die Entwicklung des Lebens auf der Erde fasziniert gewesen. Weswegen sie immer größeren Anteil am Alltag einzelner Seelen genommen hatten. Das Ganze hatte in dem Wunsch gegipfelt, selbst auf die Erde zu kommen, um mit den Frauen, zu denen sie inzwischen eine unengelhafte Zuneigung entwickelt hatten, zusammen zu leben. Als die Sehnsucht unerträglich geworden war, übertraten sie mutwillig mehrere Gesetze des Himmels und verbrachten verbotenerweise viele glückliche Jahre auf der Erde. Zur Strafe wurden sie als körperlose Geister ins Reich der Finsternis verdammt. Luzifer konnte sie gut als Verführer und Anstifter zu bösen Taten gebrauchen. Die Erinnerung an „ihre“ Frauen waren während ihres Dienstes bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Auch die Frauen hatten in gewisser Weise ihre Strafe bekommen. Lea und alle übrigen Frauen hatten sich darauf eingelassen, sich mit „ihren“ Engeln in einem Trauungsritual auf ewig zu binden. Dieses Gelübde wurde nach ihrem Tod nicht gelöst. Fatal nur, dass ihre Erinnerungen an die Zeit mit ihren himmlischen Männern tief in ihrem Unterbewusstsein verschlossen und verschleiert wurde. So konnten sie sich nie erklären, warum sie sich auf kein männliches Wesen einlassen konnten und erst recht keine Liebe empfanden, sondern höchstens platonische Zuneigung.

Erst Jahrtausende später sollte die Geschichte ein gutes Ende nehmen, als Lea die Aufgabe bekam, Nekael zurück ins Licht zu holen. Das Ganze war verkompliziert worden, indem sie erst reinen Tisch mit ihrem Karma machen musste, um ihren Engel ganz erlösen zu können. Sie hatte in ihrem alten Leben, um mit Nekael zusammen sein zu können, ihren Verlobten verlassen müssen. Der war darüber so erbost gewesen, dass er sich der Schwarzen Magie zugewandt und seine Seele der Finsternis verschrieben hatte. Als Dämon hatte er Lea ewige Rache geschworen. Erst als sie ihn in einer Gegenüberstellung dazu gebracht hatte, ihr zu verzeihen und er in den Schoß des Himmels zurückgekehrt war, durfte Nekael seinen Körper wieder in Besitz nehmen. Im Allerheiligsten der Engelwohnstatt hatte sein alter und neuer Herr Luzifer ihn dann in sein neues Amt eingeführt, welches ihn zu einem Diener für das Licht und die Finsternis gemacht hatte.

Lea kam der Aufenthalt dort im Rückblick stets wie ein Traum vor. Es war aber auch zu fantastisch, was dort geschehen war. Nekael hatte den Status des Ersten Erzengels des Finsteren Reiches erhalten und Lea Unsterblichkeit, die ihr aus zwei Gründen von Luzifer verliehen worden war. Zum einen als Wiedergutmachung für die lange, lieblose Zeit und zum anderen als Garantie für Nekaels kontinuierliche Arbeit. Er brauchte Lea als Anker im Licht. Als Mensch wäre sie im Gegensatz zu Nekael weiter dem Kreis aus Werden und Vergehen unterworfen gewesen. Für Nekael hätte das jedes Mal einige Jahre Verzicht bedeutet, bis Lea im nächsten Leben wieder erwachsen gewesen wäre. Ein Verzicht, der, da er seinen Körper wieder hatte, gefährlich für die Welt und seine neue Aufgabe hätte werden können. Als entfesselter Engel, der sowohl Licht als auch Finsternis in sich trug, hatte er eine für Menschen unvorstellbare Macht. Schon einmal hatte er die Welt mit seinen Kräften bedroht. Aus Trauer und Wut über die Trennung von Lea hatte er zusammen mit seinen Wächterengelfreunden mit der Sintflut einen Teil der Welt unter Wasser gesetzt, bevor er vom Erzengel Michael gestoppt und verurteilt worden war. Lea allein hatte es in der Hand, ihn zu bändigen und ihn an seine lichten Wurzeln zu erinnern. Er brauchte sie, um sich auszubalancieren. Ohne Lea herrschte Chaos in ihm.

Als sich Lea der Verantwortung, die auf ihr lag, bewusst geworden war, fürchtete sie zunächst, der Aufgabe nicht gerecht werden zu können. Ihre Bedenken waren jedoch nach und nach verschwunden. Schon mehrfach hatte sie bewiesen, dass sie Nekael notfalls zurückpfeifen konnte, wenn er drohte auszurasten oder wieder der Dunkelheit zu verfallen. Jetzt war sie stolz auf ihren Engel und stolz darauf seine Frau zu sein. Er hatte ihr nach unendlich lang scheinender Zeit das Gefühl zurückgebeben, eine fühlende und liebende Frau zu sein. Als Krönung für sie hatte er sie ein zweites Mal geheiratet – auf Menschenart.

 

Nekael schaute amüsiert auf seine Menschenfrau hinunter, die unbewusst geseufzt hatte.

„Ach, ich könnte ewig hier so stehen und dem Sonnenaufgang zusehen.“, entfuhr es ihr.

„Der Sonnenaufgang dauert aber nicht ewig, Kleines! Außerdem dachte ich, dass du den Sonnenuntergang am liebsten magst.“, raunte er ihr ins Ohr, dass es kitzelte.

Lea blickte gespielt empört auf und sah ihrem Mann in die unglaublich blauen Augen. Sein blonder Schopf schien durch die frühen Sonnenstrahlen in Flammen zu stehen. Er trug seine Haare oben länger als unten, so dass sich die Naturlocken lediglich oben auf seinem Kopf kringeln konnten.

„Der Sonnenaufgang ist ebenso schön wie der Sonnenuntergang! Als die alte Lea hatte ich keine Zeit gehabt, mir morgens den Sonnenaufgang anzusehen. Meine Familie hätte mir Beine gemacht, wenn ich mit solchen Flausen angefangen hätte.“

„Wenn ich dir nicht vorgeschlagen hätte, dass wir jeden Morgen unserer Flitterwochen hier mit dem Sonnenaufgang beginnen könnten, würdest du immer noch nur den Sonnenuntergang anbeten. Ohne mich wärst du eine hoffnungslose Langschläferin.“, zog er sie auf.

„Frechdachs!“, warf sie ihm mit rausgestreckter Zunge an den Kopf und blitzte ihn mit ihren Augen, deren Farbe undefinierbar war, an.

Nekael warf den Kopf in den Nacken und lachte dröhnend. Sein kleiner Zankapfel! In einer einzigen Bewegung seines Kopfes wandte er sich ihr zu, funkelte sie in gespielter Warnung mit rötlichem Glitzern seiner sonst so blauen Augen an und verschloss jedes weitere Wort, dass ihr auf der Zunge lag, mit einem heftigen Kuss. Leas Gesicht zeigte innerhalb von Sekundenbruchteilen ein ganzes Arsenal von Empfindungen. Es reichte von Tadel über Kopfschütteln zu unendlicher Zuneigung. Wenn er ihr so kam, war sie Wachs in seinen Händen. Er wusste das und nutzte diesen Umstand für sich schamlos aus.

 

Ihre Flitterwochen waren bis jetzt ein einziger Traum gewesen. Abwechselnd hatten sie Orte besucht, die mal mehr Lea oder mal mehr Nekael am Herzen lagen: Bethlehem und Nazareth, den Gazastreifen und das Westjordanland, sowie einige andere Orte in Israel, in denen es kulturell oder politisch brodelte.

Leas Interesse an den Orten, in denen Jesus gelebt hatte, war immer noch sehr groß. Schon als Kind war sie „ihrem“ Glauben, dem evangelischen Christentum, sehr zugetan gewesen. Das hatte sich bis jetzt nicht wesentlich geändert. Auch wenn ihr religiöses Weltbild inzwischen neu geordnet worden war. Besonders, was den Herrscher der Finsternis anging. Ihn umgab ein Geheimnis, um dass so gut wie niemand wusste. Luzifer war eigentlich immer noch der Erste Engel GOTTES! Er hatte sich nur aus Loyalität dem SCHÖPFER gegenüber als Dunkler Pol zur Verfügung gestellt. Niemand, der ihn in seiner Funktion als Herrscher der Finsternis sah, hätte geglaubt, dass hinter seiner finsteren Maske der hellste Engel des Universums steckte. Lea hatte ihn in vollem Glanz und all seiner Würde gesehen. Sie bewunderte Luzifer für seine Kraft und seine Stärke. Von ihm ging für sie keine Gefahr aus. Sie war in gewisser Weise sogar in seinem Dienst. In Acht nehmen musste sie sich dagegen vor seinem Gefolge. Diese Engel waren wirklich dunkel und ohne jede Verbindung zum Licht. Aus gutem Grund: Welcher Engel, der noch einen Funken Licht in sich trug, würde ohne Gewissensbisse und Reue das tun, was von ihm oder ihr aus GÖTTLICHER Sicht erwartet wurde?

Gewöhnlich hielten sich Lea und Nekael von diesen Engeln fern – mit zwei Ausnahmen: Aniguel, der einer der Berater von Luzifer war und Naamah, ihres Zeichens Satansbraut. So sicher wie das „Amen“ in der Kirche würden sie bestimmt bald wieder eine Konfrontation miteinander haben- mit gezückten Waffen und gefletschten Zähnen.

Nekael hatte gleich zu Anfang seines Dienstes als Dunkler Engel Naamah zurückgewiesen und sich damit eine ewige Feindin geschaffen. Die Satansbraut war im ganzen Reich als Nymphomanin bekannt, die jeden vernaschte, der ihr attraktiv genug erschien. Zurückweisungen bekam sie nie, weil es sich keiner mit ihr verscherzen wollte. Jeder wusste, wie nachtragend sie war und wie intrigant. Doch dann traf sie auf Nekael, der auf ihre Reize in keiner Weise ansprach. Das hatte sie angestachelt. Sein wiederholtes „Nein!“ hatte sie maßlos verärgert und ihren Stolz verletzt. Seitdem ließ sie keine Gelegenheit aus, ihm eins auszuwischen. Seit Nekael erneut mit Lea zusammen war, hatte Naamah sie gleich mit auf ihre Abschussliste gesetzt.

Leas „Busenfeind“ war Aniguel, weil sie Albion, ihren Verlobten aus alten Zeiten, in einer Gegenüberstellung die Rückkehr ins Licht ermöglicht hatte. Albion war, nachdem er sich der Finsternis verschrieben hatte, im Dunklen Reich zu Aniguels Lieblingsdämon aufgestiegen. Mit seinem Verschwinden Richtung Himmel hatte Lea Aniguel sehr verärgert. Aus Zorn hatte er Lea und Nekael Rache geschworen. Bis jetzt war zwar, GOTT sei Dank, noch nichts passiert, aber so wie er gestrickt war, brütete er zusammen mit Naamah wahrscheinlich schon wieder etwas aus.

 

Die Sonne war mittlerweile ganz hinter den Berghängen emporgestiegen und die Luft wurde spürbar wärmer.

„Es wird Zeit, Lea! Ich habe keine Lust, unseren letzten Urlaubstag hier zu verplempern. Lass uns zum krönenden Abschluss kommen – Jerusalem.“, drängte Nekael und drückte aufmunternd ihre Schulter.

Lea nickte nur. Ein letztes Mal schaute sie wehmütig über den schimmernden See, an dem sie vor so langer Zeit einmal gelebt hatte.

„Wo möchtest du starten?“, wollte er wissen.

„Im Garten Getsemani an der Kirche der Nationen.“, antwortete sie ihm mit klopfenden Herzen.

 

Lea war Lehrerin und hatte neben Französisch aus ureigenstem Bedürfnis Religion studiert. Sie wollte die letzten Stationen von Jesu Leben mit eigenen Augen sehen und begreifen. Auch wenn diese im Laufe der Zeit mit diversen Kirchen verschiedener Konfessionen zugepflastert worden waren. Den Start sollte die Kirche der Nationen bilden. Auf dem Boden, auf dem die Kirche stand, sollte Jesus darum gebeten haben vom Kreuzestod verschont zu bleiben. Die Kirche wurde darum auch die Todesangstbasilika genannt.

 

„Lass deinen Arm um mich liegen! Ich führe uns hin.“, lächelte Nekael sie an und sprang mit ihr per Teleportation direkt vor das Eingangsportal der Kirche. Das „Springen“ war eins der Dinge, die Lea besonders genoss. Sie brauchten weder Bus, Bahn, Auto, Schiff oder Flugzeug, um an ihr Ziel zu kommen. Einen Moment der Konzentration und schon war man da, dank himmlischer Gaben. Vorsichtshalber materialisierten sie unsichtbar, um keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, sollten Menschen in der Nähe sein. Prompt waren, trotz der frühen Stunde, einige Touristen am Ort. Lea und Nekael versteckten sich hinter einem uralten Olivenbaum, um sichtbar zu werden und als scheinbar normale Touristen aufzutauchen.

Lea blieb sprachlos der Mund offen stehen, als sie vor dem Zaun Halt machte und die Stirnseite der Kirche betrachtete. Sie war wunderschön! Über den drei steinernen Portalen war bis zum Dach ein riesiges Gemälde auf den Stein gemalt, welches Jesus zeigte, wie er zu Gott betete. Links und rechts von ihm waren wohl seine Jünger zu sehen, ging es Lea durch den Kopf. Ein paar Engel waren ebenfalls mit auf dem Bild.

„Schau dir das an!“!, wandte sich Lea bewegt an Nekael.

Der verdrehte nur die Augen.

„Was hast du?“, fragte sie ihn leicht säuerlich, weil er nicht so ergriffen war wie sie.

„Die Engel! Sieh sie dir an!“, verlangte er von Lea und deutete mit dem Kopf in deren Richtung.

„Sie sind doch schön dargestellt!“, verteidigte Lea den ihr unbekannten Maler.

„Aus menschlicher Sicht vielleicht. Was haben sie, was ich nicht habe?“, bohrte er.

„Meinst du etwa die Flügel?“, dämmerte es Lea und begann zu grinsen.

„Sie sind einfach lächerlich! Nur weil wir Engel fliegen können, denken alle Maler der Welt, dass wir Flügel haben müssten. Engel sind keine überdimensionierten Vögel!“, moserte Nekael.

„Gegenfrage: Wie viele Menschen haben Engel in echt und bewusst gesehen? Und wie viele davon können darüber auch noch berichten?“, tippte sie ihm auf die Brust.

„Touché!“, gab sich Nekael geschlagen.

Trotzdem schnitt er den gemalten Kollegen eine Grimasse.

„Ich möchte hineingehen!“, zog Lea an Nekaels Hand.

„Na gut! Aber eins vorweg: Schlepp mich ja nicht in alle Kirchen, Basilikas oder Kapellen, die auf dem Weg liegen. Ich bin zwar gegen solche Bauten nicht allergisch, aber eine derart geballte Ladung bereitet mir Kopfschmerzen.“

„Wäre doch mal nett anzusehen, wenn du schlechte Laune bekommst, dich eine dunkle Wolke umgibt und deine Augen roten Blitzen gleich daraus hervorstechen, während du mitten in einem Kirchenschiff stehst. Ruckzuck hätten wir die Kirche für uns allein.“, witzelte Lea.

„Lea Engel! Versuche mich nicht!“, warnte er sie sanft, aber deutlich.

„Schon gut! Ich habe verstanden! Außer dieser Kirche möchte ich lediglich in die Erlöserkirche und die Grabeskirche. Einverstanden?“

„Damit kann ich leben! Die engen überfüllten Gassen des Leidensweges werden mir der Ausgleich dafür sein.“, griente er lasziv.

„Wenn du meinst, dass du mit mir engumschlungen da durchspazieren kannst, muss ich dich enttäuschen! Wir würden unangenehm auffallen. Der Bereich ist mir mit zu viel Religion durchtränkt und es wäre unhöflich, ihn auf solche Weise zu durchwandern!“, wies sie ihn zurecht.

„Spielverderberin!“, küsste er ihr die Hand, als sie durch das Portal ins angenehm dunkle Innere der Kirche traten.

Mit einem zurechtweisenden Blick zog Lea ihre Hand zurück, was Nekael nur noch mehr amüsierte. Aber er benahm sich und unterließ es Lea weiter zu provozieren.

An der Decke prangten Mosaike. Alle Länder, die sich am Bau der Kirche beteiligt hatten, waren hier verewigt. Ein Fels befand sich im Kirchenschiff, welcher derjenige gewesen sein soll, an dem Jesus voll banger Gewissheit gebetet hatte.

Lea ließ die eher düstere Atmosphäre auf sich wirken, die durch die purpur-blauen Alabasterfenster gewollt war. So konnte man gut der Verzweiflung nachspüren, die Jesus angesichts seines nahenden, grausamen Endes empfunden haben musste.

Lange hielt es Nekael nicht darin aus und drängte Lea wieder hinaus. Ihr war es nur recht. Das Herz war ihr in der Brust eng geworden, bei dem Gedanken, dass hier Jesus um Gnade gefleht hatte, aber genau wusste, dass er um sein vorherbestimmtes Ende nicht drum herum kommen würde.

Sie stellten sich in den Schatten eines der uralten Olivenbäume und betrachteten durch die Bäume hindurch die Altstadt Jerusalems, die vom Ölberg durch ein Tal getrennt war.

„Was hat dich gestört?“, fragte Lea vorsichtig.

„Die dumpfe Atmosphäre darin und deine anschwellende Trauer. Nach all der Zeit musst du um Jesus nicht mehr trauern. Sein Lebensweg war vorherbestimmt – wie deiner und meiner auch.“

Nekael drückte Lea kurz an sich.

„Ich weiß!“, seufzte sie.

„Ich habe mich bewusst dieser Stimmung hingegeben. Es ist eine Möglichkeit, Jesus in seiner Verzweiflung nach all der Zeit nah zu sein. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte er nicht sterben müssen – zumindest nicht so, sondern einen normalen Tod.“, entfuhr es ihr kummervoll.

„Dann wäre im Nachhinein viel weniger Aufhebens um ihn gemacht worden. Es war seine Bestimmung. Und jetzt Schluss damit! Schau dir lieber den Garten an. Er ist eher nach meinem Geschmack als die Kirche. Diese Bäume sind echte Zeitzeugen deines Religionsgründers, Kleines!“

Der eingezäunte Olivenbaumgarten auf dem Ölberg wirkte sehr freundlich und einladend. Die gedrungenen, knorrigen Bäume mochten tatsächlich 2000 Jahre alt sein. Unglaublich!

Langsam schlenderte sie mit Nekael Hand in Hand vom legendären Garten Getsemani in Richtung Altstadt von Jerusalem. Sie überquerten das Kidrontal und spazierten am Grab des Abschalom vorbei, dessen flaschenhalsförmiges Dach sich in den Himmel reckte.

Die Landschaft kam Lea unwirklich vor, eine eigenwillige Mischung aus alt und neu. Sie sog alles, was sie sah in sich hinein. Die Mauern der Altstadt gaben ihr das Gefühl um Jahrhunderte in die Vergangenheit versetzt zu werden. Das Stephanstor, durch das sie schritten, war für sie ein Portal in eine andere Welt. Sie betraten den muslimischen Teil des alten Jerusalems. Entlang vieler Geschäfte, die in ihrer Art und Ansammlung wie ein großer Basar wirkten, lotste Nekael Lea in den hellen Hof der muslimischen Mädchenschule Omariya. Die Burg Antonia, die vorher dort gestanden hatte und in der Jesus zum Tode verurteilt worden war, existierte schon lange nicht mehr.

„Du überraschst mich immer wieder mit deiner Ortskenntnis von dir eigentlich fremden Gegenden. Du läufst hier durch, als wärst du ein Einheimischer und kein Tourist.“, übermittelte Lea ihm bewundernd in Gedanken.

„Ich weiß eben, wie man an die nötigen Informationen kommt und sie augenblicklich umsetzt.“, antwortete er ihr trocken im Geist.

„Ich gehe da lieber auf Menschenart vor und erkunde auf eigene Faust eine neue Umgebung!“, hielt Lea dagegen.

Sie genoss zwar ihre vielen neuen Fähigkeiten seit der Engel Takarosa ihren Schöpferfunken von allen Fesseln befreit hatte, doch es gab Dinge, die sie lieber weiterhin „normal“ machte.

Nekael lächelte sie abschätzend und überlegen von oben her an.

„Tu dir keinen Zwang an und gib mir Bescheid, wann ich dich retten soll.“, klang es jovial in ihrem Kopf.

„Chauvi!“, schoss sie zurück.

Lea legte ein zuckersüßes Lächeln auf und trat Nekael „aus Versehen“ auf den Fuß.

„Vorsicht, Kleines! Wir befinden uns im muslimischen Teil von Jerusalem. Hier wird mir kaum jemand dazwischen funken, wenn ich meine Ehefrau über mein Knie lege.“, grinste er sie spöttisch an.

Lea holte tief Luft, ließ sich aber nicht einschüchtern. Sie und Nekael „spielten“ gerne auf diese Weise miteinander.

Sie bedachte ihn mit ihrem „Das-wagst-du-nicht-Blick“. Laut sagte sie:

„Die Atmosphäre hier ist nicht so intensiv wie im Garten Getsemani. Der Hof hat zwar was, aber ich würde lieber gleich mit dir die Via Dolorosa entlanggehen.“

Nekael ging ohne mit der Wimper zu zucken auf Leas Wechsel ein.

„Gerne!“, verbeugte er sich.

Nur seine glitzernden Augen verrieten, dass der Schalk ihn noch lange nicht verlassen hatte. Besitzergreifend nahm er ihre Hand in seine und marschierte zielsicher mit ihr los.

Lea lachte leise auf. Sie fühlte genau, was in ihrem Mann vorging.

 

Sie liebte die vielen kleinen Auseinandersetzungen mit ihm und bot ihm gern und oft aus reiner Lust die Stirn. Seit ihrem früheren Leben mit Nekael hatte ihr Selbstbewusstsein eine enorme Steigerung erfahren. Sie war keine hilfsbedürftige Frau mehr, sondern eine Kämpferin. Mutig stellte sie sich jeder Herausforderung, die an sie herangetragen wurde. Nekael liebte sie dafür umso mehr. Die größte Herausforderung bisher war er selbst gewesen und war es noch. Sie hatte ihn aus der Finsternis und dem Vergessen geholt, seit er vom Erzengel Michael dazu verurteilt worden war Luzifer zu dienen. In dem jetzigen Leben hatte sie sich mehrfach für ihn eingesetzt und sich sogar mit Metatron, dem Höchsten Engel, angelegt, weil Nekael nicht, wie von ihm gefordert, wieder zu einem reinen Lichtengel geworden war, bevor sein Geist sich mit seinem Körper wiedervereint hatte. Metatron hatte es gehörige Magenschmerzen bereitet, dass GOTT und Luzifer ihn als Halb-und-Halb-Engel auf der Erde einsetzen wollten. Er war der derzeit einzige Engel, neben Luzifer (!), der sowohl dem Licht als auch der Finsternis diente. Doch schon bald würde ein weiterer Wächterengel wie er dazukommen. Nekael hatte seinen alten Freund Asasel bereits gespürt und würde ihn bald aufsuchen. Lea freute sich auf die ihr übertragene Aufgabe, Asasels Frau zu finden und mit ihm zusammenzuführen. Noch mehr freute sie sich, dass sie dabei von ihrem ehemaligen Schutzengel Asturel unterstützt werden sollte. Sie hing immer noch an ihm und war wie er glücklich, dass es ihnen vergönnt war, weiterhin zusammenarbeiten zu können.

 

Nekael bedachte Lea mit einem brennendem Blick auf den Scheitel ihrer langen, welligen dunkelbraunen Haare, die sie zu einem Zopf geflochten hatte. Wie so oft in letzter Zeit durchfuhr ihn ein Hochgefühl. Sie war wieder sein! Und diesmal unwiderruflich. GOTT selber hatte es ihm versprochen. Wer dennoch versuchen würde, Lea von ihm zu trennen, würde es mit all seiner Macht zu tun bekommen. Gnadenlos!

Lea hatte seine Gedanken und Gefühle ungefiltert mitbekommen und ihren Kopf gehoben. Sie antwortete ihm mit einem innigen Blick aus ihren in allen Farben schillernden Augen. Je nach Lichteinfall und Tageszeit entdeckte man darin eine andere Mischung aus Blau, Grau, Braun oder Grün.

„Wir sind von Anfang an füreinander bestimmt gewesen, Nekael! Auch wenn wir zwischendurch daran gezweifelt haben. GOTT wird nicht zulassen, dass man uns noch einmal trennt. “, gab sie ihm zu verstehen und fühlte sich von seiner beschützenden und besitzergreifenden Liebe in einen warmen, schützenden Kokon gehüllt.

Er musste seinen Drang, sie einfach auf seine Arme zu nehmen und an sich zu pressen, unterdrücken. Sie waren nicht allein, sondern nur zwei Touristen unter vielen an einem der geschichtsträchtigsten Orte der Welt.

„Später!“, raunte sie ihm mit einem wissenden Lächeln zu.

„Gefühlloses Weib!“, schmollte er gespielt.

Auch er hatte mit gedämpfter Stimme gesprochen.

Lea blickte ihn mit einer hochgezogenen Braue „mitleidlos“ an, verfiel dann aber ins Lächeln. Seine Augen zeigten wie ein aufgeschlagenes Buch, was in seinem Inneren los war. Kurz nahm sie seine große Hand in ihre und drückte sie. Diese Geste nutzte Nekael blitzschnell um einen Kuss in ihre Handfläche zu drücken, ehe sie in der Lage war, ihre Hand wieder zurückzuziehen. Lea unterdrückte ein aufkeimendes Lachen über seine Impulsivität, was Nekael einen befriedigten Gesichtsausdruck auf sein ebenmäßiges Gesicht zauberte.

 

Inzwischen hatten sie mehrere, in die hellbraunen Mauern der Häuser eingelassene Straßenschilder passiert, auf denen in Hebräisch, Arabisch und Latein die Straßennamen geschrieben standen.

Mit den anderen Menschen, die sich teils lautstark teils fast flüsternd unterhielten, spazierten sie durch die an einigen Stellen mit Stufen versehenen Gassen an alten Sandsteinhäusern und mehreren Kapellen vorbei. Den muslimischen Teil Alt-Jerusalems hatten sie hinter sich gelassen. Der christliche Teil besaß eine deutlich andere Ausstrahlung. Bei der Erlöserkirche, die nur einen Steinwurf von der Grabeskirche entfernt stand, hielten sie an. Andächtig betrat Lea mit Nekael im Gefolge die relativ junge, evangelische Kirche. Sie war erst am Ende des 19. Jahrhunderts gebaut und vom damaligen deutschen Kaiser während seiner Palästinareise eingeweiht worden.

Sobald Lea das Portal aus dunklem Holz passiert hatte, wurde sie wieder von der Stimmung ergriffen, die sie schon in der Kirche der Nationen verspürt hatte. Allerdings lag der Schwerpunkt in dieser Kirche nicht auf der Verzweiflung Jesu, sonder auf dessen Erlösung. Die gesamte Kirche wirkte hell und freundlich und strahlte eine ruhige Feierlichkeit aus. Lea war in ihrem Element. Wer hier atmete, atmete nicht nur einfach Sauerstoff in seine Lungen, befand sie. Mit der Luft sog man gleich die ganze Atmosphäre der religionsdurchtränkten Umgebung mit ein. Aufmerksam ging sie durch das Mittelschiff und an den Außenseiten entlang. Sie berührte andächtig hier und da eine Wand oder eine Sitzbank, blieb versonnen stehen und hing ihren Gedanken nach.

 

Nekael lächelte in sich hinein, während er Lea beim Durchwandern der Kirche beobachtete. Um ihr Raum zu lassen, hatte er sich in der Nähe des Eingangs an eine Wand gelehnt. Die Kirche interessierte ihn wenig. Ihn rührte, mit welcher Intensität Lea alles in sich aufnahm. Sie bewegte sich, als ob sie sich in einer riesigen Schatzkammer befand. Wie würde das bloß in der Grabeskirche werden?, amüsierte er sich im Stillen.

„Hoffentlich bekommt sie keinen religiösen Vollrausch!“, witzelte er im Geist.

Lea hatte ihn am Anfang der Flitterwochen gebeten, mit ihr christliche Stätten zu besuchen, nicht zuletzt, weil sie Religion studiert hatte. Nekael hatte zugestimmt, aber nicht, ohne ihre Sicht betreffs Religion aus seiner Sicht gerade zu rücken.

„Du empfindest dich immer noch als Christin, nach allem was du in den letzten Monaten erlebt hast?“, begann er seine „Attacke“, während sie gemütlich am ersten Tag ihres Urlaubs im Bett gefrühstückt hatten.

„Was soll die Frage!“, hatte sie unwillig geantwortet. „Natürlich!“

Am Umrühren ihres Kaffees spürte er, dass er ihren Nerv getroffen hatte. Gut!

„Wirklich?“, hatte er lauernd nachgehakt und genüsslich in sein Brötchen gebissen.

„Ich bin schon mein ganzes Leben lang Christin und werde es auch bleiben!“, hatte sie ihm mit fester Stimme klar gemacht und sich demonstrativ ihrem Frühstück zugewandt. Für sie war die Diskussion damit erledigt gewesen. Für ihn nicht.

Nachdem sie angekleidet waren und sich prüfend im wandhohen, ebenholzumrandeten Schlafzimmerspiegel betrachtet hatten, hatte er es anders versucht.

„Du bist - du warst bis vor kurzem ein normaler Mensch. Mit mir zusammen solltest du in anderen Dimensionen denken, Lea! Seit wann bist du als Seele Christ?“, verlangte er von ihr zu wissen.

Zuerst hatte sie ihn mit großen Augen angestarrt, bis sie zu begreifen begann, worauf er hinauswollte. Doch so leicht hatte sie nicht klein beigeben wollen, seine kleine Amazone. Zögernd hatte sie überlegt, ab welcher Inkarnation sie im christlichen Glauben verankert war und kam auf etwa 1000 Jahre.

„An was glaubtest du davor?“, hatte er weitergebohrt.

„An die germanischen Götter!“, hatte sie nachdenklich geantwortet.

Ihre Seele hatte stets in der Nähe von Nekaels Wirkungskreis inkarniert. Dennoch war sowohl vom Himmel als auch vom Reich der Finsternis peinlich darauf geachtet worden, dass sie erst in diesem Leben wieder zusammengekommen waren.

„Und davor?“

„An einen Schöpfer.“, krauste sie ihre Stirn.

Es war anstrengend für sie, mit einem Erinnerungsvermögen klar zu kommen, dass ihre kompletten Existenzen von Anfang an enthielt. Meistens blendete sie diesen Teil aus. Sie betrachtete das Meiste davon ohnehin nur als Ballast.

„Wenn du die Zeiten, in denen du von verschiedenen Glaubensrichtungen geprägt warst, in Relation setzt, als was würdest du dich dann bezeichnen?“

„Als eine Seele, die stets an eine höhere Macht geglaubt hat.“, hatte sie zusammenfassend festgestellt.

„Jetzt ergänze es mit dem erst vor kurzem Erlebten. Glaubst du oder weißt du?“

Lea hatte geseufzt, bevor sie ihm die gewünschte Antwort gegeben hatte.

„Ich weiß, dass es GOTT gibt. Ich habe seine Gegenwart in der Engelwohnstatt unmittelbar gespürt, als wir im Allerheiligsten waren. So gesehen stehe ich über jeder Religion. Ist es das, was du von mir hören wolltest?“

„Ja! Und? Würdest du dich so gesehen noch als Christin bezeichnen?“, hatte er zufrieden seine unbeantwortete Frage wiederholt.

„Aus einer höheren Perspektive wohl nicht. Jesus ist vom Himmel aus gesehen ein Religionsgründer unter mehreren. Das ändert aber nichts daran, dass ich immer noch in meinem letzten Leben verwurzelt bin. Mit Sicherheit werde ich es auch noch eine Weile bleiben.“, hatte sie ihm entgegengehalten.

„Damit bin ich einverstanden.“, hatte er genickt.

„Bist du jetzt fertig mit deiner Belehrung?“, hatte sie sich nicht verkneifen können zu bemerken und ihm auf die Brust getippt.

„Fast!“, hatte er sie mit einem rötlichen Aufleuchten seiner Augen von oben her angegrinst, um ihr eine weitere Besonderheit ihrer selbst vorzuführen.

Lea war nicht nur mit GOTT eng verbunden, sondern durch Nekael auch mit Luzifer, dem Herrscher der Finsternis.

Lea hatte gestöhnt über die Kompliziertheit ihres Standes.

Halb spöttisch, halb tröstend hatte Nekael seine Arme um sie gelegt und ihr auf das Haar geküsst.

„Es ist alles eins, Kleines! Es sind nur zwei Seiten derselben Medaille. Wir sind die Ersten, die das in aller Klarheit am eigenen Leib erfahren haben. Und es wird unsere Aufgabe sein, es unseren früheren Gefährten ebenfalls zu vermitteln, damit sie uns bei der beginnenden Rückkehr allen Seins ins Licht als Wächter beistehen.“

„Ich weiß!“, hatte Lea geflüstert und bittend hinzugefügt:

„Lass mir etwas Zeit! Ich brauche noch das Gefühl menschlich zu sein. Mein christlicher Glaube gibt mir Halt, bis ich bereit bin, mich mit einer Aufgabe zu befassen, die mein bisheriges Denkvermögen sprengt.“

In dem Moment hatte Lea ungewohnterweise ein wenig verloren gewirkt. Nekael hatte sie an sich gedrückt und ihr ins Ohr geraunt:

„Dein Wunsch sei dir gewährt!“

 

Versonnen kehrte Lea zu Nekael zurück. Ihr war anzusehen, dass sie gerade tief mit ihren christlichen Wurzeln verbunden war.

Nekael stieß sich von der Wand ab und blickte voller Zuneigung und ein wenig neckend auf seine Frau.

„Nekael an Lea! Bist du noch da?“, blies er ihr sanft ins Ohr.

„Ich bin ganz da, wo ich sein will! Lass uns gleich zur Grabeskirche gehen, bevor ich diese Stimmung verliere.“, bat sie ihn mit einem verträumt-entrücktem Blick.

„Dann folge mir, du Lamm!“, zog er sie auf und nahm sie bei der Hand.

Sein gutmütiger Spott perlte wirkungslos an ihr ab. Willig überließ sie sich seiner Führung.

Draußen vor dem Kirchenportal empfing sie das warme Herbstwetter des Nahen Ostens. Lea spürte die Wärme kaum. Sie war völlig versunken und damit beschäftigt, die letzten Orte, an denen Jesus auf der Erde gewandelt war, in sich aufzunehmen.

Während Nekael mit Lea die wenigen Schritte bis zur Grabeskirche in Gemeinschaft mit einer Menge anderer Touristen zurücklegten, sprach er sie leise an.

„Bevor du den heiligsten Bau der Christlichen Kirche betrittst, möchte ich von dir wissen, was du darüber weißt. Es wäre sogar in meinen Augen schade, wenn die Eindrücke lediglich an dir vorbeirauschen.“

„So weit ich informiert bin, ist die Grabeskirche im 4. Jahrhundert von einem römischen Kaiser errichtet worden. Sie ist Anfang des 11. Jahrhunderts im Auftrag eines Kalifen zerstört und von den Kreuzfahrern im gleichen Jahrhundert wieder aufgebaut worden. Sie besteht aus mehreren Teilen, die die letzten Stationen Jesu umschließen.“, leierte sie herunter.

„Nicht schlecht! Welche Konfessionen katholischen Glaubens sind in der Grabeskirche vertreten?“

„Die römisch-katholische, griechisch-orthodoxe, armenisch-apostolische, syrisch-orthodoxe, koptische und äthiopisch-orthodoxe Konfession.“

„Du hast deine Hausaufgaben gemacht, mein Schatz! Weißt du auch, wer die Schlüsselgewalt über die Grabeskirche hat?“

„Ich nehme an, dass die Kirchen das unter sich ausgemacht haben.“, zuckte Lea die Schultern.

„Mitnichten! Die konnten sich nicht einigen. Schon seit Jahrhunderten wird die Kirche von zwei muslimischen Familien auf- und zugeschlossen. Außerdem haben sie schon so manchen Streit zwischen den verschiedenen Parteien geschlichtet. Soweit zur Friedfertigkeit der Christen!“, lächelte er sie schelmisch an.

„Komm mir jetzt nicht damit! Wenn du schon den Fremdenführer spielen möchtest, dann erklär mir beim Durchgehen durch die verschiedenen Teile der Kirche, wo ich mich gerade befinde!“, ließ sie sich von Nekael nicht aus der Ruhe bringen.

„Okay!“

Kaum hatte er das ausgesprochen waren sie auch schon inmitten vieler anderer Touristen am Haupteingang angekommen. Gleich hinter dem Portal wies Nekael auf einen großen, rechteckigen Stein aus Marmor, der sich aus dem Boden abhob und über dem mehrere Öllampen gehängt waren.

„Der Salbungsstein!“, kommentierte er.

Mehrere Leute ließen es sich nicht nehmen am Stein niederzuknien, innezuhalten und ein kurzes Gebet zu sprechen. Lea nicht. Sie faltete lediglich still die Hände. Mit ihren erweiterten Sinnen nahm sie die inbrünstigen Gedanken anderer Besucher der Kirche auf. Viele nur auf der Gefühlsebene, weil sie die Sprachen, in denen sie dachten, nicht verstand. Die Menschen hier kamen aus aller Herren Länder, um sich die heiligste Stätte ihres Glaubens anzusehen. Lea versank eine Weile in ihre innere Welt. Als sie genug hatte, gab sie Nekael ein Zeichen mit seiner Führung weiterzumachen.

Er leitete sie rechts entlang zum Golgotafelsen, der Stelle, an der Jesus am Kreuz gestorben war. Zwei prächtige Altäre standen dort. Einer war direkt über dem Platz, an dem das Kreuz einst aufgestellt worden war. Man konnte gebückt unter der Altarplatte das Loch im Felsen sehen. Lea knotete sich die Brust zusammen. Dieser Ort war für sie eindeutig der unangenehmste.

„Wie konnten Menschen sich gegenseitig einen so grausamen Tod nur antun?“, dachte sie.

„So war damals das Gesetz, Kleines. Nicht nur Jesus ist eines grausamen Todes gestorben. Menschen haben sich zu jeder Zeit Dinge angetan und tun es noch, die für ein lichtvolles Wesen wie dich unvorstellbar waren und sind. Ich spreche da aus einschlägiger Erfahrung, wie du weißt.“

„Trotzdem! Jesus’ Tod am Kreuz war scheußlich.“, beharrte Lea.

„Ohne Frage!“, bestätigte Nekael ihr.

„Ich möchte zum Grab!“

„Kein Problem!“

Ohne zu zögern führte Nekael sie zielsicher zur sogenannten „Rotunde“. Hier war über dem Grab Jesu ein prächtig verziertes Mausoleum errichtet worden. Geduldig wartete Lea, bis sie an der Reihe war und hinein konnte. Zu sehen war der leere Stein, als Zeichen der Auferstehung.

Über dem Mausoleum in der Mitte der Kuppel war ein rundes Fenster eingelassen, von dem ein vergoldeter Strahlenkranz ausging.

„Die Himmelfahrt!“, flüsterte Lea und fühlte Tränen in ihren Augen brennen.

„Wo ist Jesus jetzt?“, ging es ihr durch den Kopf.

„Da fragst du in mir eigentlich den Falschen, Kleines. Ich war nicht dabei und habe auf der anderen Seite gestanden. Soweit ich weiß, lebt er in der Engelwohnstatt. Er hat sich nach diesem Leben nicht mehr inkarniert. Wegen seines Lebenswandels zählt er zu den aufgestiegenen Seelen.“, beantwortete er ihr ihre Frage.

„Was ist mit seinem Status als Sohn GOTTES?“, konnte sie sich die Frage nicht verkneifen.

„Das wäre eine Frage für Metatron, Kleines! Aber weil du es bist, will ich mal nicht so sein.“

Absichtlich machte Nekael eine Kunstpause.

„Also?“, hakte Lea nach, während sie andächtig die Kuppel betrachtete.

„Wie du vielleicht weißt, hat es am Anfang der Christenheit einen Streit gegeben – ob Jesus menschlich war oder GOTTES direkter Sohn. Auf einem Konzil ist das zweite beschlossen worden, um Jesu Status zu untermauern. Erklärt das deine Frage?“

„Wie sieht das der Himmel?“

„Lea!“

„Ja? Ich höre!“

„Hmpf!“

„Bitte?“

Da drängte sich eine andere Stimme dazwischen.

„Was ist los bei euch? Hängt der Haussegen etwa schief?“

„Was machst du in meinem Kopf, Asturel, während ich mit meinem Mann Urlaub mache?“, mokierte sich Lea.

„Du hast gerade Schwingungen ausgesandt, die mich aufgeschreckt haben. Ich bin immer noch eng mit dir verbunden, Lea! Als dein ehemaliger Schutzengel konnte ich das unmöglich ignorieren.“, stellte Asturel sachlich fest.

„Wo steckst du denn?“, wollte sie neugierig wissen.

„Ich habe Nachforschungen angestellt, während ihr euch vergnügt habt. Nur so viel: Ich stelle euch demnächst den Schutzengel von Saphira vor.“, ließ er sie gutgelaunt wissen.

„Heißt sie so wie damals?“, erregte sich Lea.

„Ja! So weit ich gehört habe, sollten alle Frauen der Wächterengel in diesem Leben ihren alten Namen wiederbekommen, um die Sache für beide Betroffenen zu erleichtern.“

„Schlau, schlau!“

„Wenn du schon mal geistig bei uns bist, altes Haus, kannst du Lea gleich noch eine Frage beantworten, für die ich mich beim besten Willen nicht zuständig fühle.“, klinkte Nekael sich ein.

„Was für eine Frage denn?“, kam es amüsiert-interessiert von Asturel.

„Ich wollte von Nekael wissen, ob der Himmel Jesus als den Sohn GOTTES ansieht.“, wiederholte Lea ihre Frage.

Ein schallendes Lachen kam als Antwort durch den Äther, was Nekael zum Verdrehen seiner Augen veranlasste und Lea zum Verziehen ihrer Mundwinkel.

„Kein Wunder, dass Nekael sich um die Beantwortung drückt. Er ist an diesem Punkt noch zu sehr Dunkler Engel, als dass er die Frage aus Sicht des Himmels beantworten würde, Lea.“

„Dann beantworte du sie mir!“, forderte Lea.

Nekael scharte mit einem Fuß auf der Erde. Sie sah ihm an, dass er die Störung schnell beendet haben wollte. Andererseits war er Asturel dankbar, dass er ihm diese Gretchenfrage abnahm.

„Jesus ist als normaler Mensch geboren worden. Das Besondere an ihm ist und war, dass sein Schöpferfunke nicht so unterdrückt war, wie bei den anderen Menschen. Seine Verbindung zum Himmel war schon als Kind sehr eng. So war es ihm möglich Dinge zu tun, die seine Mitmenschen später als Wunder beschrieben. Er zählt zu den hellsten Seelen des Universums. Es war seine Aufgabe, den Menschen eine neue Religion zu geben, mit denen sie sich identifizieren konnten. So gesehen ist es verständlich, dass er als Sohn GOTTES verehrt wird.“

„Danke, Asturel!“

„Gern geschehen! Bis bald, ihr zwei!“

„Verschwinde!“, grummelte Nekael.

„Bin schon weg!“, tönte es amüsiert in ihren Köpfen.

Lea konnte nicht anders als Nekael mit einem fetten Grinsen anzusehen. War er übellaunig wegen ihrer Frage oder weil Asturel sich eingeklinkt hatte? Ihr Herzallerliebster schrieb das Wort Eifersucht nämlich mit Großbuchstaben.

„Das war dein Teil des Tages!“, ließ der mit unbewegter Mine fallen.

„Jetzt bin ich dran! Komm mit!“, forderte er.

„So war es abgemacht, mein Dunkler!“, nickte sie gutmütig und folgte ihm aus dem Gewühl der Grabeskirche ins helle Licht hinaus.

„Wo führst du mich hin?“, fragte Lea interessiert.

„In den modernen Teil Jerusalems. Lass uns hier eine versteckte Ecke aufsuchen. Ich habe keine Lust den ganzen Weg zu Fuß zurückzulegen. Wir springen!“, teilte er ihr kurzangebunden seine Entscheidung mit.

„Kein Problem!“, willigte Lea ein.

Ihr bedingungsloses Einlenken vertrieb Nekaels Anflug von schlechter Laune, als wäre er nicht da gewesen. Eigentlich hatte Lea ja nur eine einfache Frage gestellt. Sie konnte nichts dafür, dass ihm Manches, was den Himmel anbetraf, noch gegen den Strich ging. Er steuerte eine Seitengasse an und suchte einen verschwiegenen Platz auf, den er in einer schattigen Hausnische entdeckte.

„Entschuldige meine Gereiztheit, Kleines!“, nahm er ihr Gesicht in seine Hände und gab ihr einen sanften Kuss auf den Mund.

„Schon vergeben!“, lächelte sie ihn verständnisvoll an.

„Wir machen uns unsichtbar, damit wir uns völlig ungestört umsehen können. Verstanden?“

„Absolut!“, nickte Lea.

„Dann los!“

Nekael hielt mit einer Hand Kontakt zu Lea, weil nur er wusste, wo sie landen würden.

Sie materialisierten vor einem mit hohen Mauern umgebenen, vergitterten Haus, das ansonsten einen hellen freundlichen Eindruck machte.

Lea betrachtete das Gebäude mit gemischten Gefühlen. Die Gitter ließen das Haus trotz Garten drumherum eher wie ein Gefängnis als wie ein Heim wirken. Das war das andere Israel – das, welches für die Menschen voller Gefahren steckte.

„Wir sind im arabischen Teil Jerusalems. Dies ist ein jüdisches Haus.“, erklärte Nekael.

„Müssen die Bewohner soviel Angst vor Übergriffen haben, dass sie aus ihrem Haus eine Trutzburg gemacht haben?“, fragte Lea beklommen.

„In diesem Teil der Stadt schon. Ich möchte ein Experiment mit dir machen.“

„Was für eins?“, wollte sie wissen.

„Fühle! Lass alle deine eigenen Gedanken in den Hintergrund treten und öffne dich für die geistigen Strömungen die sich an diesem Ort befinden“, wies Nekael Lea an.

Dank ihrer Unsichtbarkeit war es für ihn kein Problem, sich als Lehne hinter Lea zu stellen, während sie die Augen schloss und seinen Anweisungen nachkam. Kein Mensch muslimischen Glaubens, der an ihnen vorüberging, konnte so durch ihr Verhalten beleidigt werden. Er war nicht scharf darauf, Aufmerksamkeit zu erregen oder sich auf eine unnötige Auseinandersetzung einlassen zu müssen.

Lea leerte systematisch ihren Kopf. Ihr Geist schaltete auf Empfang um und wurde zu einer lebenden Antenne. Nekael begleitete sie im Hintergrund.

„Was spürst du?“, begann er, als Lea so weit war.

„Als Basis eine Spannung, die sich anfühlt, als könnte sie sich jederzeit entladen.“, murmelte Lea.

„Gut! Was noch?“

„Angst, Trauer, Zorn und – Hass?“, fragte Lea mehr, als das sie etwas feststellte.

„Gut erkannt! Das sind Zutaten, die ein Dunkler Engel braucht, um Menschen erfolgreich auf die Finstere Seite zu ziehen. Asasel kann sich glücklich schätzen, in diesem Land zu arbeiten. Er kann sich regelrecht die Rosinen rauspicken. Die Strömungen sind hier besonders intensiv.“, klang Nekael fast ein wenig neidisch.

„Du denkst immer noch wie ein Verführer des Bösen, mein Dunkler!“, tadelte Lea ihn.

„Das muss ich sogar!“, verteidigte er sich. „So komme ich leichter an meine früheren Gefährten heran. Wenn ich Asasel zu Anfang weismachen kann, dass ich mit ihm auf einer Stufe stehe, wird er sich nicht gegen mich verschließen. Als reiner Lichtengel hätte ich keine Chance. Denke daran, wie ich auf dich bei unserer ersten Begegnung reagiert habe, du Leuchtfeuer!“, zog er Lea auf.

„Erinnere mich nicht daran! Es war total frustrierend!“, stöhnte sie.

„Für mich wäre es nicht anders. Asasel war für mich neben Semjasa so etwas wie mein bester Freund. Deshalb haben uns auch hauptsächlich die Beiden besucht. Eine Ablehnung würde mich nicht nur frustrieren. Sie würde mir obendrein die Aufgabe mit ihm sehr erschweren. Wenn ich mich Asasel als scheinbar Gleichgesinnter nähern kann, bevor er spitz kriegt, dass ich meinen Körper wieder habe, wird es leichter sein, ihn zu seinem eigenem Besten zur Zusammenarbeit zu bewegen.“

„Ich hoffe für dich, dass du es schaffst und keine Steine von der Finsteren Seite in den Weg gelegt bekommst.“, entgegnete Lea mit leisem Zweifel.

„Das lass meine Sorge sein, Kleines! Durch meine neue Aufgabe steht mir mehr Macht als je zuvor zur Verfügung und außer Luzifer weiß es noch keiner. Das ist mein Vorteil!“, lächelte er grimmig vor sich hin.

„Was du schamlos ausnutzen solltest, mein Dunkler!“, riet sie ihm.

„Selbstredend!“, klang es mit einem Hauch Vorfreude in Leas Geist.

„War das alles, was du mir hier zeigen wolltest, Nekael?“, lenkte Lea auf Nekaels ursprüngliches Thema zurück.

„An dieser Stelle ja! Lass uns in unser Haus zurückkehren.“, schlug er vor.

„Gern! Ich bin ganz voll von den heutigen Eindrücken.“, entgegnete Lea dankbar.

 

Wenige Augenblicke später standen die Beiden im Hausflur ihrer Villa aus dem späten 19. Jahrhundert in Norddeutschland. Sie hatten sie erst vor kurzem erworben und komplett renovieren lassen. Beim Kauf hatten sie darauf geachtet, dass das Grundstück möglichst abgelegen lag, um sich vor neugierigen Blicken schützen zu können. Dennoch war die Entfernung zu der Schule, in der Lea bisher noch als Lehrerin angestellt war, nicht allzu groß. Ihr Anwesen lag an einem Hügel und grenzte hinten an einen Wald.

Die ganze Einrichtung wirkte teuer und gediegen. Fast alles war in strengem Schwarz-Weiß gehalten. Nur wenige Farbtupfer, wie z. B. eine rote Blumenvase auf dem Fensterbrett im Treppenhaus, lockerten das Bild auf. Fast der gesamte Fußboden bestand aus dunklem, gemusterten Parkett. Nur im Wohnzimmer lag ein großer schwarzer Berber unter der Sitzgruppe. Küche und Bad waren schwarzschillernd gefliest. Die meisten Wände waren weiß gestrichen und mit Bildern geschmückt. Geld spielte bei Nekael keine große Rolle. Luzifer war so freundlich gewesen, ihm ein ansehnliches Kapital zu verpassen, damit er sich einen bequemen und luxuriösen Lebensstil ermöglichen konnte. Außerdem besaß er dank seines Dienstherren einen wasserdichten Lebenslauf. Offiziell war er Investmentberater im Bankenwesen. Sein Büro hatte er sinnigerweise im eigenen Haus. So war er jederzeit in alle Richtungen einsatzbereit.

Lea hatte bei dem vielen Schwarz erst gezuckt, aber nachgegeben. In seiner Zeit als Dunkler Engel hatte Nekael eine Vorliebe für alles Dunkle entwickelt. Wer konnte ihm das verdenken? Deshalb hatte Lea ihm weitgehend freie Hand gelassen, zum Ausgleich aber dafür gesorgt, dass wenigstens ein paar kleine Farbtupfer das Haus freundlicher erscheinen ließen.

Sie fröstelte in ihren dünnen Sachen, die für einen warmen Tag in Israel geeignet waren, aber nicht für die herbstlichen Temperaturen in Deutschland.

„Zieh dir was Wärmeres an!“, riet Nekael, während seine sommerliche Kleidung auf seinem Leib verschwamm und zu seinem üblichen, elegant wirkenden schwarzen Outfit wurde: Seidenhemd und Tuchhose, die von einem Ledergürtel mit schlichter Silberschnalle gehalten wurde.

Lea überlegte kurz, was sie tragen wollte und machte ihm das seltsame Umkleiden nach. Sie wechselte zu einer hellbraunen Hose und einem dunkelbraunen, weichen Wollpullover.

Die Fähigkeit, sich kraft seiner Gedanken seine Kleidung zu erschaffen, hatte Nekael ihr auf einer einsamen Insel beigebracht. Sie bekam immer noch eine sanfte Röte im Gesicht, wenn sie an die Geschichte dachte.

 

Nachdem Lea für beide in der Küche einen Becher Kaffee aufgebrüht hatte und sich Nekael eine Packung Vollkornkekse mit Schokolade gegriffen hatte, schlenderten sie ins Wohnzimmer rüber und ließen sich in die schwarzen Lederpolster eines großzügigen Zweisitzers sinken.

Über den Rand ihrer dampfenden Becher hinweg sah Nekael Lea an und fragte, ob sie der Meinung sei, nun genug Eindrücke von Israel gesammelt zu haben, um mit ihrer Aufgabe, Saphira zu finden, beginnen zu können.

Nachdenklich versank sie in seinem Blick, schweifte dann zur gegenüberliegenden Terrassentür ab und blieb auf der Miniaturlandschaft, die Nekael im Garten geschaffen hatte, hängen. Der Teich hatte die genaue Form des Sees in Israel, an dem sie einst zusammen gelebt hatten. Die Hänge waren ebenfalls original nachempfunden. Für Besucher bot sich lediglich ein hübscher Anblick, für Lea und Nekael hatte der Garten dagegen eine stark symbolische Bedeutung.

„Ich glaube schon! In den paar Tagen unseres Urlaubs habe ich viel über Land und Leute des heutigen Israels gelernt. Ich war überrascht, wie viele verschiedene Bevölkerungsgruppen in diesem kleinen Land leben. Kein Wunder, dass so viel kulturelle und territoriale Sprengkraft vorhanden ist. Auch habe ich nicht gewusst, dass jüdisch und jüdisch ein riesengroßer Unterschied sein kann. Es gibt ähnlich viele Strömungen wie bei uns Christen. Das hätte ich nicht gedacht. Fast vermessen, dass man versucht, dieses Sammelsurium unter einem Staat zusammenzuhalten.“, schüttelte Lea sanft den Kopf.

„Dann hast du eine Ahnung davon, wie Saphira aufgewachsen ist. Egal, in welchem Teil Israels sie lebt, sie wird mehr Gefahren und mehr Gewalt ausgesetzt gewesen sein als du, du behütetes Wesen.“, grinste Nekael Lea neckend an.

„Was kann ich dafür, dass man mich wie ein rohes Ei behandelt hat?“, zuckte sie die Schultern.

„Gar nichts, Kleines! Ich wollte dir nur klar machen, dass Saphira ein ganz anderes Umfeld als du haben wird. Möglicherweise ist sie zuerst misstrauisch. Was man ihr nicht verübeln könnte. Da du dich um sie kümmern und sie auf Asasel vorbereiten sollst, nehme ich an, dass sie nicht von einem Staat Engeln umgeben ist, wie es bei dir der Fall war.“, spekulierte Nekael.

„Das hat auch Vorteile! Ich habe manchmal bei dem vielen Getue um mich einen Rappel bekommen.“, seufzte Lea.

„Nicht nur du! Ich dachte erst, ich kriege dich nie allein zu fassen. Aber zur richtigen Zeit hat deine Leibgarde die Kurve gekratzt.“, verzog Nekael sein Gesicht zu einer Grimasse.

„Ich war auch froh, endlich mit dir allein sein zu können.“, lächelte Lea in Erinnerung an Nekaels Ungeduld.

„Die „Jungs“ um Asturel sind aber schwer in Ordnung. Ich bin froh, dass ich weiterhin mit ihnen in Verbindung stehe und sie mir beim Schutz von Saphira helfen, sobald ich sie gefunden habe.“

„Ich fürchte, dass wir sie sehr bald nötig haben werden. Unsere „Freunde“ werden bald rauskriegen, dass wir dabei sind, Asasel und Saphira wieder zusammenzubringen. Das wird ihnen sicher nicht gefallen. Noch ein Wächterengel, der die Seiten wechselt, wird ihnen schwere Kopfschmerzen bereiten. Ich bin jetzt schon gespannt, auf welche Weise sie versuchen werden, unsere Aufgabe zu boykottieren.“

Beim letzten Satz hatten Nekaels Augen wie Saphire geglitzert.

„Ich auch! Irgendwie brenne ich sogar darauf, Naamah und Aniguel wiederzusehen.“, wurde Lea von seinem Tatendrang angesteckt.

„Dann lass uns die letzten paar Tage unserer Freizeit schon mal das Terrain sondieren. Ich strecke meine Fühler aus, um Asasel ausfindig zu machen und du steckst deinen Kopf mit Asturel zusammen, der anscheinend schon Kontakt mit Saphiras Schutzengel aufgenommen hat. Aber glaub ja nicht, dass ich dich lange mit ihm allein lasse!“, drohte er spielerisch.

„Ich dachte du hast kapiert, dass Asturel nur väterliche Gefühle für mich hat, du Dickschädel! Außerdem glaube ich, dass er sich mit Maja angefreundet hat. Auf unserer Hochzeit hatte er einen passenden Anzug zu ihrem Kleid an. Und ist dir nicht aufgefallen, dass ihre Stola aus dem Stoff war, aus dem sonst die Engelgewänder gemacht sind?“

Nekael kniff kurz nachdenklich die Augen zusammen. Nachfolgend brach er in schallendes Gelächter aus.

„Sag nicht, dass er auf seine alten Tage zum Schwerenöter wird! Ich denke er hat Schiss davor abgestraft zu werden!“

Nekael schlang sich amüsiert die Hände hinter den Kopf und ließ sich leise lachend in die Polster sinken.

„Asturel hat zurecht keine Lust, für lange Zeit in der Versenkung zu verschwinden. Er ist zu diszipliniert, um sich einer Liebe hinzugeben, die ihm nicht gestattet ist. Aber vielleicht können wir ihm ja helfen?“, grinste Lea schelmisch.

„Das wäre zu überlegen, Kleines! Auf jeden Fall würde es mir einen Riesenspaß machen, wenn wir ihm mitteilen könnten, dass er sich menschlich benehmen darf. Seine Wangen werden mehr glühen als meine Augen in meinem dunkelsten Zustand.“

Nekaels Lächeln wirkte in diesem Moment äußerst selbstzufrieden und eine Spur lasziv. Ihm kam in den Sinn, dass er Asturel damit gleichzeitig half und eins auswischte. Das war ganz nach seinem Geschmack.

„Du bist unverbesserlich!“, schimpfte Lea gespielt.

„Und du lässt mich gewähren und genießt es!“, begannen seine Augen schalkhaft zu blitzen. Doch da war noch mehr drin zu lesen.

Leas Herz machte einen Sprung. Nekaels Verlangen war erwacht, wie so oft, seit seiner geistig-körperlichen Wiedervereinigung. Sein großes Bedürfnis nach Sex hatte er ihr ungeniert damit erklärt, dass er Jahrtausende mit ihr nachzuholen hätte und seine Zeit als Dunkler Engel ihn verändert hätte. Lea grübelte ab und zu darüber nach, ob er seine dunkle Seite nur als Vorwand nutzte. Während ihrer ersten gemeinsamen Zeit hatte er hauptsächlich die geistige Verbindung zu ihr gesucht. Heute lag der Schwerpunkt eindeutig auf dem Physischen. Vielleicht holte er wirklich all das nach, was er schon damals gern mit ihr gemacht hätte, aber zu anständig war, es auch tatsächlich auszuführen. Dieser überaus menschliche und vor allem männliche Nekael faszinierte sie und rührte an ihrer eigenen Sexualität, die sie eigentlich nie gelebt hatte.

Lea fühlte sich schwach werden. Ihre Glieder schienen ihr nicht mehr zu gehören wurden zu Pudding. Was würde er als Nächstes tun?

Trügerisch sanft nahm Nekael ihr den Becher aus der Hand und stellte ihn auf den Tisch. Als sich ihre Hände berührten, war es, als würden kleine Funken überspringen. Nekael stand auf und zog Lea an den Händen hoch. Schneller als Lea zwinkern konnte, hob er sie auf seine Arme.

Unwillkürlich schmiegte sie sich wie eine Kätzchen an seine Brust. Sie wollte ihm einen verführerischen Augenaufschlag schicken. Statt dessen wurde ein herzhaftes Gähnen daraus.

Nekaels Augen funkelten.

„Willst du dich vor deinen ehelichen Pflichten drücken, Weib?“, tadelte er sie gespielt.

„Nicht drücken, nur ein klein wenig verschieben. Ich fürchte, mein Körper muss sich erst einmal etwas ausruhen, bevor er es mit dir aufnehmen kann. Der Tag war ziemlich anstrengend.“, erwiderte sie so kokett sie konnte.

„Was seid ihr Menschen doch schwach!“, foppte er sie genüsslich.

„Das hast du vorher gewusst! Trotzdem hast du dich in mich verliebt. Jetzt musst du damit fertig werden, dass ich nicht so unerschöpflich bin wie du, wenngleich Luzifer dafür gesorgt hat, dass mir das Altern und Sterben erspart bleibt, du Ausbund an Kraft und Ausdauer!“, schlug sie ungerührt zurück.

„Was dir fehlt ist Training!“, warf er ihr „verächtlich“ an den Kopf.

„Man nennt es einfach müde! M-Ü-D-E! Wenn du es aufregend findest mit einer schlafenden Frau rumzumachen. Bitte sehr!“, reckte sie ihm herausfordernd ihr Kinn entgegen.

„Wetten, dass du nicht einschläfst?“, prahlte er.

„Um was wetten wir?“, stieg Lea ein.

„Wer morgen das Frühstück macht!“, grinste Nekael breit.

„Einverstanden! Bring mich ins Bad! Wenn ich ins Bett gehe, kannst du versuchen mich vom Schlafen abzuhalten. Das wird eine harte Nuss für dich werden!“, grinste sie zurück.

Nekael setzte sich mit ihr in Bewegung und stieg die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf, indem sich unter anderem zwei Bäder, Nekaels und Leas Schlafzimmer und ein Gästezimmer befanden.

„Ich werde dich erwarten!“, lächelte Nekael hinterhältig.

„Oh! Das befürchte ich!“, tat Lea eingeschüchtert.

Als Nekael sie vor der Badezimmertür heruntergleiten ließ, presste er sie kurz an sich, um ihr zu zeigen, wie erregt er war.

„Du solltest kalt duschen! Sonst könntest du ein Problem bekommen!“, riet Lea ihm.

„Ich denke nicht! Bis gleich!“, meinte Nekael siegessicher.

Er verpasste ihr einen leichten Klaps auf den Po und drehte sie zur geöffneten Tür.

„Macho!“, schüttelte sie den Kopf.

„Stets zu Diensten!“, deutete er eine Verbeugung an und verschwand gutgelaunt in Richtung Schlafzimmer.

 

Wer gewonnen hat? Nekael natürlich! Das Frühstück machte Lea aber gern. Es war das erste Mal in den Flitterwochen. Bis zu dem Morgen hatte er sich immer darum gekümmert, weil das Aufstehen vor dem Sonnenaufgang so gar nicht Leas Ding war...


 

2. Der Schwur

 

Am Tag darauf teilten sich Nekael und Lea wie abgesprochen auf. Während Lea mit Asturel für eine Ausgangslagebesprechung betreffs Saphira die Köpfe zusammensteckte, zog Nekael los, um sich genauer in Israel umzusehen. Es wurde ernst ...

 

Nekael materialisierte zuerst in den Golanhöhen. Aber nicht am See, wie in den Tagen zuvor mit Lea, sondern auf dem kargen, vegetationslosen Gipfel des Berges Hermon. Um diese Jahreszeit gab es sogar schon wieder Schnee in der Höhenlage und es schneite auch jetzt leicht aus einer größeren grauen Wolke. Nekael fluchte leise. Aber nicht wegen des Wetters.

Ganz in der Nähe stand eine Militärstation. Außerdem waren die Hänge des Gebirges das einzige Skigebiet Israels. Die Gegend war längst nicht mehr so einsam wie früher.

Da Nekael bei dem was er vorhatte allein sein wollte, hielt er einen gebührenden Abstand von jeglichen zivilisatorischen Zeugnissen. Nicht, dass man ihn hätte sehen können. Er war für Menschen unsichtbar hergekommen. Der Grund seines Kommens war denn auch ein ganz privater. Er hatte entschieden, an alter Stelle einen Schwur zu leisten.

Der Altar von damals, der für ihn der passendste Platz gewesen wäre, existierte längst nicht mehr. So suchte sich Nekael eine andere Stelle in der Nähe, an der er feierlich niederkniete, seinen Kopf senkte und seine Hände wie zu einem Gebet faltete. Den eiskalten Wind, der ihm durch die Haare fuhr, spürte er nicht. Auch nicht die kleinen Schneeflocken, die auf seinem gebeugten Nacken schmolzen. In diesem Moment war er ganz Engel. Alles Menschliche war von ihm gewichen. Die Aura, die ihn umgab, legte ein beredtes Zeugnis von seinem Status ab. Sein übliches Orange war durchzogen von hellgleißenden und tiefschwarzen Schlieren.

„Heute und hier schwöre ich im Namen des Himmels und im Namen des Reiches der Finsternis einen dreifachen heiligen Eid.“, begann er seinen Monolog mit fester, volltönender, tiefer Stimme.

Eigentlich hätte er Metatron und Luzifer Bescheid sagen sollen, ging es ihm kurz durch den Sinn. Egal! Er würde sich auch ohne ihre bezeugende Anwesenheit an seinen ausgesprochenen Eid halten. Er war zwar ein außergewöhnlich leidenschaftlicher Engel, aber einer, der sich ohne Wenn und Aber an sein gegebenes Wort hielt.

Nekael schloss die Augen, um sich voll und ganz auf die folgenden Worte zu konzentrieren.

„Dies ist der Ort, an dem wir Wächterengel vor Jahrtausenden die Erde betreten haben, um uns zu nehmen, was wir begehrten. Wir heirateten Frauen aus dem Menschengeschlecht und verbreiteten himmlisches Wissen. Im Namen GOTTES hielt der Erzengel Michael deswegen Gericht über uns und verstieß uns aus dem Himmel. Jahrtausendelang haben wir seitdem als Dunkle Engel in Luzifers Diensten Menschen zu bösen Taten verführt und alles vergessen müssen, was uns einst etwas bedeutet hat. Wir wurden in alle Winde zerstreut und all unserer einstigen Macht beraubt.

Bis jetzt!

Durch GOTTES Gnade bin ich der erste der ehemaligen Wächterengel, der seine Frau und seinen Körper zurückerhalten hat. Ich habe im Himmel durch den SCHÖPFER nicht nur Absolution erhalten, sondern auch eine Macht, die meine frühere um ein Vielfaches übersteigt.

Darum der dreifache heilige Eid:

Im Namen GOTTES schwöre ich, diese Macht nicht zu missbrauchen, sondern sie zum Wohl des Ganzen einzusetzen.

Im Namen Luzifers schwöre ich, meine Aufgabe als Erster Erzengel des Finsteren Reiches mit aller Kraft und Härte wahrzunehmen und die Erde vor unerlaubten Übergriffen von der Dunklen Seite während der beginnenden Rückkehr allen Seins ins Licht zu schützen.

Im Namen GOTTES und Luzifers schwöre ich, nicht eher zu ruhen, bis ich meine alten Gefährten Asasel, Semjasa, Seriel, Samsaveel, Arakiel und Armaros aus der Finsternis und dem Vergessen geholt habe. Sie sollen gleich mir Erlösung erfahren und ihre rechtmäßigen Ehefrauen zurückerhalten. Möge die Ehre der Wächterengel in neuem Glanz erstrahlen!“

Nekael hielt einen Moment inne, um seine Worte auf sich wirken zu lassen. Sein Eid war ausgesprochen und für ihn bindend.

Als er seinen Kopf hob und aufstehen wollte, weiteten sich seine Augen vor Erstaunen. Er war nicht mehr allein.

„Wohl gesprochen!“, nickte ihm Luzifer beifällig in seiner tiefschwarze Finsternis aussendenden Gestalt zu. Lediglich seine Augen leuchteten rotglühend aus all dem Schwarz hervor. Sein Lächeln wirkte dementsprechend unheimlich und eisig.

„Dem kann ich mich nur anschließen. Bei deinem letzten Eid lugte mir allerdings deine rebellische Ader ein wenig zu sehr durch, Nekael! Die Betonung auf „rechtmäßig“ wäre nicht nötig gewesen!“, relativierte die andere, gleißende Helligkeit verbreitende Gestalt das Lob. Metatron!

„Was macht ihr denn hier?“, entfuhr es Nekael entgeistert, während er sich erhob.

„Man kann zwar keine gesprochenen Worte durch die Beobachtungskugel hören, aber man kann hervorragend durch sie sehen! Metatron hat mich informiert, dass du und Lea heute mit der Suche nach Asasel und seiner Frau beginnen wollt.“, entgegnete Luzifer. Er genoss sichtlich Nekaels Verlegenheit.

„Asturel war so frei, mich von eurem Stand der Dinge zu unterrichten.“, erklärte der Oberste Engel.

„Petze!“, funkte Nekael dazwischen.

Metatron ließ sich von seinem Einwand nicht aus dem Takt bringen.

„Da habe ich Luzifer Bescheid gegeben. Anscheinend sind wir Beide auf die Idee gekommen, dich durch die Kugel zu beobachten, um zu sehen, was du tun wirst. Als du hier materialisiertest und dich niederknietest, war klar, dass du etwas schwören würdest.“, erklärte Metatron wesentlich ernster als sein finsteres Pendant, welches immer noch grinste.

„Da sind wir ohne uns abzusprechen im gleichen Augenblick hier aufgetaucht, um mitzubekommen, was für einen Eid du ablegen würdest. Wie gut, deine Worte gehört zu haben. Ich werde dich darauf festnageln, Nekael!“

„Kein Problem!“, fing sich Nekael und schaute seinem Herrn mit einem leisen Lächeln fest in die rotglühenden Augen.

„Ich hätte auch ohne die Anwesenheit von Dir und Metatron zu meinem Eid gestanden.“, führte er noch aus und deutete eine Verbeugung an, die von Luzifer mit der gleichen Bewegung beantwortet wurde.

„Ich würde es nicht so salopp ausdrücken wie Luzifer, aber auch ich werde deine Worte im Gedächtnis behalten und dich gegebenenfalls daran erinnern, falls du deine Macht eines Tages in verantwortungsloser Weise gebrauchen solltest.“, betonte Metatron.

„Was du nicht brauchen wirst! Ich habe Lea, um mich auszubalancieren. Lass sie mir, und du wirst nichts an mir auszusetzen haben. Das Gleiche gilt für meine Gefährten.“, erwiderte Nekael mit leicht erhobenem Kinn.

Metatron seufzte mit einem angedeuteten Kopfschütteln.

„Dein Trotz wird dich wohl nie verlassen!?“

„Wenn du dich über meine Art und Weise beschweren willst, wende dich an unseren SCHÖPFER. Er hat mich so gemacht, wie ich bin.“, gab Nekael ein wenig gnadenlos zurück, was Luzifer erneut amüsierte.

„Du hast ja Recht! Da gibt es nichts dran zu rütteln.“, straffte Metatron seine Schultern.

Es hatte keinen Sinn mit Nekael einen Streit anzufangen. Doch sein eigener Eid setzte ihm nun deutliche Grenzen, freute sich der Oberste Engel insgeheim.

„Wir haben dein Wort Erster Erzengel Luzifers. Halte dich daran!“, mahnte er dennoch.

Für sich selbst beschloss er, Nekaels Charakter in Zukunft nicht weiter zu kritisieren. GOTT hatte jeden Engel nach seiner Vorstellung geschaffen. Wenn Nekael nicht der seinen entsprach, war es nicht an ihm, das in Frage zu stellen. Er hatte lange genug gebraucht, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.

Luzifer hatte mit Nekaels Art offensichtlich keine Probleme. Er verstand sich prächtig mit ihm.

„Das werde ich!“, versprach Nekael standfest.

Er verkniff sich ein Verziehen seiner Mundwinkel, um Metatron nicht zu einer neuerlichen Bemerkung zu provozieren. Deutlich spürte er seinen inneren Kampf.

„Gut! Dann beginne mit deiner dir aufgetragenen Aufgabe!“

Der Oberste Engel unterstrich den Satz mit einer Geste seiner Hände.

„Ganz meine Meinung! Ich bin gespannt, wie du dich machst. Wir verlassen dich jetzt, um dir den nötigen Raum zu geben. Doch sei dir gewiss, dass du in nächster Zeit auf Schritt und Tritt beobachtet werden wirst. Nicht nur von mir und Metatron!“

Das war eine deutliche Warnung vorsichtig zu agieren.

„Das ist mir klar! Bis dann!“, nickte Nekael seinem Herrn ein wenig spöttisch zu.

Er wusste, vor wem er sich in Acht nehmen musste.

Nachdem alle Drei ein letztes Mal Blicke ausgetauscht hatten, verschwanden die Hüter des Lichtes und der Finsternis, wie sie gekommen waren. Spurlos.

Nekael atmete tief durch und anschließend auf. Damit hatte er nicht gerechnet. Er lächelte in sich hinein. Eigentlich war es gut, dass seine Worte von Metatron und Luzifer gehört worden waren. So bekam alles seine Ordnung.

Er sah sich noch einmal um und versank für einen Augenblick in sich selbst.

„Ich finde dich, Asasel! Und wenn ich dich gefunden habe, lasse ich nicht eher locker, bis du deine Frau und deinen Körper wiederhast. Versprochen!“

Nekael schloss die Augen und seine Arme breiteten sich wie von selbst aus. Er streckte seine Fühler weit aus und spürte den größten Quellen dunkler Strömungen und Gedanken nach. Sie könnten ihn direkt zu Asasel führen. Es dauerte nicht lange, bis er mehrere Seelen ausgemacht hatte, die reif für die überzeugende Arbeit eines Dunklen Verführers waren und sprang.

 


 

3. Dunkler Engel Asasel

 

Irgendwo in einer Kleinstadt im Inneren Israels:

 

Eine größere Gruppe Menschen stand an der Bushaltestelle der Hauptverkehrsstraße, um zur Arbeit, zum Studium, zur Schule oder sonst wohin zu kommen. Die Straße und die Gehwege waren wegen langer Trockenheit staubig geworden. Jede leichte Brise wirbelte kleine beigefarbene Wölkchen auf. Die Umgebung war überwiegend mit sandsteinfarben verputzten, dreistöckigen Miethäusern bebaut, die vorn durch schmale Rasenflächen zur Straße hin abgegrenzt wurden. Nach dem heißen Sommer war vom Grün kaum etwas übrig geblieben. Selbst die in regelmäßigen Abständen gepflanzten Palmen sahen traurig aus. Der Boden lechzte förmlich nach Regen, der meist nur in den Wintermonaten ausreichend fiel.

Die Gesichter fast aller Wartenden wirkten noch müde. Nur bei einem jungen Mann mit dunklem Teint stachen die braunen Augen hellwach aus dem Gesicht heraus. Er war so wach und so im Hier und Jetzt wie in seinem ganzen Leben noch nicht. Ein kleiner schwarzer Rucksack saß eng geschnallt auf seinem Rücken.

In der Nähe schlenderten Soldaten mit geschulterten Maschinengewehren vorbei.

Ein gewöhnliches Bild in einem unruhigen Land.

Der junge Mann mit dem Rucksack atmete ein paar Mal tief durch, um sich zu beruhigen. Er wollte um keinen Preis auffallen. Sein Vorhaben sollte nicht schon im Ansatz scheitern. Er war hier, um wenigstens ein paar der verhassten Zionisten mit in den Tod zu reißen. Seine Familie würde nach seinem Ableben eine hübsche Summe Geld erhalten und er selbst würde als Märtyrer verehrt werden. Was konnte sich ein Gotteskrieger mehr wünschen?

Was der Mann nicht sehen und spüren konnte, war eine geisterhafte, finstere Gestalt, die weniger als einen Meter neben ihm stand.

Zufrieden und voller Vorfreude betrachtete sie den Mann, der gleich in den Tod gehen wollte.

Der erwartete allen Ernstes von einer ganzen Schar Jungfrauen auf der „anderen Seite“ empfangen zu werden. Muslimische Märtyrer genössen Privilegien gegenüber den normalen Gläubigen und würden gleich ins Paradies kommen, hatte man ihm weis gemacht. Der Mann lächelte versonnen. Er malte sich sein jenseitiges Leben in den schönsten Farben aus.

Der Geist lächelte bösartig. Er würde den verblendeten Narren enttäuschen. Statt der willigen Bräute würde er ihn erwarten.

 

Nekael materialisierte mit einem Abstand von etwa 50 Metern neben der Quelle, die er ausgemacht hatte. Es war die Sechste, die er aufsuchte. Bisher war seine Suche erfolglos geblieben. Asasels Auswahl war so groß, dass Nekael im Nachhinein immer neidischer auf seinen alten Gefährten wurde. Aber es war kein Wunder, dass Hass und Gewalt in dieser Gegend der Erde so gut gediehen. In diesem Land prallten unversöhnliche Glaubensrichtungen und Kulturen aufeinander.

Unsichtbar sondierte Nekael aus sicherer Entfernung die Gruppe Menschen, die wie eine Herde Schafe beieinander stand und offensichtlich auf einen Bus wartete. Sein „Aspirant“ war leicht zu erkennen. Seine Seele sandte starke Wellen aus. Der junge Mann trug etwas Schwarzes auf dem Rücken.

„Ein Rucksack voll mit Sprengstoff. So, so! Da habe ich wohl einen jungen, leidenschaftlichen Selbstmordattentäter gefunden.“, lächelte Nekael süffisant.

Er betrachtete die Umgebung des Todeswilligen genauer und hielt den Atem an.

Da war er! Asasel!

Nekaels Herz machte einen Sprung. Er hatte seinen alten Freund gefunden!

Seinen ersten Impuls, zu ihm zu eilen und ihn zu begrüßen, musste er mit aller Macht unterdrücken. Ihm war bildhaft im Gedächtnis geblieben, was geschehen war, als Lea ihn freudig begrüßen wollte. Sie hatte ihn zu sich gerufen und ihn damit völlig überrumpelt. Er hatte sich von ihr bedroht gefühlt. Sie war viel zu hell für ihn gewesen. Aus Reflex hatte er sie mit finsterer Energie beschossen. Im letzten Augenblick hatte Lea einen Schutzschild errichtet, um sich vor seiner Attacke zu schützen. An entscheidender Stelle hatte es für sie ein Problem gegeben. Lea hatte die Erinnerungen an ihr gemeinsames Leben während ihrer ersten Inkarnation schon wieder bekommen. Er nicht!

Jetzt könnte ihm mit Asasel durchaus ähnliches widerfahren, wenn er ohne Vorwarnung auf ihn zugehen würde. Nekael fluchte innerlich. Die Begrüßung, die er sich wünschte, musste warten, bis sein alter Freund ebenfalls seine Erinnerungen zurückerhalten hatte. Es schmerzte, aber das war eben Stand der Dinge!

Um sich abzulenken, konzentrierte er sich deshalb auf den jungen Araber und tastete sich behutsam in seine Gedanken hinein. Er wollte unter allen Umständen vermeiden, dass Asasel ihn bemerkte, der sicher ebenfalls im Geist des Mannes lauerte. Um den Mann machte er sich keine Sorgen. Mühelos glitt er in dessen geistige Welt hinein.

Wie verquer menschliche Vorstellungen doch sein konnten! Er glaubte doch tatsächlich, dass er mit der Bluttat, der er begehen wollte, etwas Gutes tat! Nekael lächelte spöttisch. Die besten Seelen für eine Abkehr vom Licht fand man immer wieder unter den fanatischen Gläubigen. Egal, welcher Konfession sie angehörten!

„Was passiert, wenn ich den Beiden einen Strich durch die Rechnung mache?“, überlegte Nekael sinnend.

Ihm war nach einem „Scherz“ zumute. Wenn er sich Asasel schon nicht bemerkbar machen durfte, wollte er wenigstens sehen, wie sein einstiger Gefährte und dessen junger Heißsporn reagieren würden, wenn er die Tat im letzten Moment vereitelte. Die Möglichkeit dazu entdeckte Nekael Sekunden später.

Die patrouillierenden Soldaten waren noch in der Nähe. Nekael freute sich über diesen Zufall. Er sprang unsichtbar mitten unter sie und machte gleich den Kopf der Truppe aus. Sofort infiltrierte er dessen Gedanken.

„Lasst uns umdrehen! Hier werden wir heute Morgen nichts mehr entdecken. Ich würde die auf den Bus wartende Gruppe lieber noch einmal unauffällig beobachten.“

„In Ordnung! Sollen wir uns unbemerkt an den Häuserecken verteilen?“, fragte einer der Untergebenen.

„Gute Idee! Postiert euch!“, forderte Nekael durch den Anführer die Soldaten auf.

Leise kamen die uniformierten Männer der Anweisung nach.

Da kündigte dumpfes Motorengeräusch auch schon die Ankunft des Busses an.

Der junge Todeswillige bekam glänzende Augen und ein irres Hochgefühl. Gleich nach seinem Einstieg wollte er die Bombe an seinem Leib hochgehen lassen. Das Paradies nahte!

Nekael sah sich um. Welcher der Soldaten stand für eine Schusssalve am günstigsten?

Der in Frage kommende Mann hatte sich nur 20 Meter von der Gruppe entfernt am nächstgelegenen Haus versteckt. Nekael nahm sich seiner an.

Aus einer „Intuition“ heraus legte der Soldat sein Maschinengewehr an und zielte auf den Kopf des jungen Mannes mit dem schwarzen Rucksack auf dem Rücken. In dem Moment, wo der seinen Fuß auf die erste Stufe setzte, drückte er ab.

Ein lautes Knattern zerriss die Luft. Der Selbstmordattentäter fiel sofort mit mehreren Löchern im Hinterkopf tot um. Die umstehenden Menschen schmissen sich ohne Rücksicht auf mögliche Verletzungen auf die Erde, um einer weiteren Schussfolge möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Dem Busfahrer waren einige Kugeln um die Ohren gesaust. Aber er war „wie durch ein Wunder“ mit dem Schrecken davongekommen. Nur das Fenster hinter ihm sah ein wenig wie ein Sieb aus.

 

An diesem Punkt zog sich Nekael aus dem Geschehen zurück, um nur noch zu beobachten.

 

Die Soldaten stürmten aus ihren Verstecken hervor und kamen herbei, um sich den Toten, der in einer größer werdenden Blutlache lag, anzusehen. Der Schütze voran. Als sein Vorgesetzter dazukam, fauchte er den Soldaten an, der immer noch sein Maschinengewehr umklammert hielt.

„Spinnst du? Was ist, wenn du einen Unschuldigen getötet hast? Wir haben schon genug Ärger mit den Arabern im Land. Wenn sich herausstellt, dass du voreilig geschossen hast, werden sich für diesen Toten mindestens zehn freiwillige Selbstmordattentäter melden und wer weiß wie viele Menschen töten.“

„Ich glaube nicht, dass er unschuldig ist!“, verteidigte sich der Soldat, wenn auch etwas bleich.

Einer seiner Kollegen kniete sich nieder, um den Toten, der mit dem Gesicht nach unten auf dem Asphalt lag, zu untersuchen. Er öffnete vorsichtig den Rucksack und nickte grimmig.

„Er hat den richtigen Riecher gehabt! Hier ist eine Ladung Sprengstoff drin.“

„Dann nehme ich alles zurück und danke dir für dein Eingreifen. Aber gewagt war es trotzdem!“, wandte sich der Leiter des Trupps an den Schützen, der erleichtert wirkte.

 

Das folgende Geschehen blendete Nekael aus. Ihn interessierte brennend, wie sich Asasel und der bestimmt entsetzte, junge Mann verhalten würden.

 

Asasel war gerade mit einem bühnenreifen Wutanfall beschäftigt. Die Flüche, die er ausstieß, hätte jeden Geistlichen verstört „Blasphemie!“ hauchen lassen und in eine Ohnmacht getrieben. Nekael verursachten sie einen stillen Lachkrampf.

„Du bist immer noch so wortgewandt wie früher, alter Knabe! Es wird mir ein Vergnügen sein, mit dir wieder verbal die Klingen zu kreuzen. Leider muss das noch eine Weile warten.“, bedauerte er.

Nekaels Aufmerksamkeit wanderte zu dem Toten. Dessen Seele schlüpfte gerade aus der leblosen Hülle. Deutlich sichtbar löste sich die Silberschnur auf, die den Körper mit der Seele verband. Schräg hinter der Seele erschien mit kummervoller Miene sein Schutzengel, der von einem Todesengel begleitet wurde.

Erstaunt und entsetzt sah sich der Mann um. Er war nicht im Paradies gelandet. Statt dessen sah er seinen blutenden Körper auf dem Asphalt liegen und registrierte in aller Deutlichkeit, dass er es nicht mehr geschafft hatte den Sprengstoff zu zünden.

„Nein!“, brüllte er verzweifelt.

War ihm sein Versagen zum Verhängnis geworden? Musste er jetzt deswegen in die Hölle?

„Du elender Rohrkrepierer!“, tobte Asasel und versetzte der eh schon entsetzten Seele den nächsten Schock. Asasel war in seinem Zorn zu einem furchterregenden, Schwärze versprühenden Dunklen Engel mit rotglühenden Augen geworden. Dass er nur ein Geist war, tat seiner Vorstellung keinen Abbruch.

Der Mann zog verschreckt seinen Kopf ein und ließ die noch folgende Schimpftirade über sich ergehen.

„Fast hättest du die Tat begangen, die nötig gewesen wäre, um dich zu einem Gefolgsmann Luzifers werden zu lassen. Aber du Trottel musstest dich erwischen lassen! Ich hasse es, unverrichteter Dinge abziehen zu müssen.“

„Lass es gut sein, Asasel!“, schaltete sich der Todesengel dazwischen.

„Asasel? Der Wüstendämon?“, flüsterte die Seele völlig entsetzt.

„Der und noch mehr, du elender Wurm von einem Menschen!“, deutete Asasel eine höhnische Verbeugung an.

Der Schutzengel glitt heran und umgab die Seele mit seiner tröstenden Aura.

„Genug! Hier endet deine Befugnis, Verführer Luzifers! Zum Glück hat mein Schützling die Tat nicht ausführen können! Sonst wäre er für das Licht eine ganze Weile verloren gewesen. Auch so habe ich genug zu tun, seinen verwirrten Geist wieder zu ordnen!“, ließ er verschnupft fallen.

„Wenn es nach mir gegangen wäre, du Glühwürmchen, wäre diese mickerige Seele hier für immer im Reich der Finsternis verschwunden. Aber dein Schützling ist ja ein vollkommener Versager. Du kannst ihn behalten und ihm deinen Daumen geben. Das Riesenbaby ist ja nicht mal in der Lage mit seiner Hand den eigenen Mund zu finden.“, wütete Asasel.

„Verschwinde!“, wies der Todesengel Asasel mit seinem ausgestreckten Arm davon.

„Bin schon weg! Ich suche mir einen würdigeren Bewerber für das Finstere Reich. Die Unfähigen könnt ihr ruhig behalten!“, höhnte Asasel und löste sich in Rauch auf.

 

Nekael löste sich ebenfalls von dem Schauspiel. Er hatte genug gesehen. Ein schiefes Grinsen lag auf seinem Gesicht, während er sich mit geschlossenen Augen auf den Sprung nach Hause konzentrierte.

„Das wird nicht leicht werden, alter Freund! Du bist ein erstklassiger Dunkler Engel. Was anderes habe ich auch nicht von dir erwartet. Möge das Spiel beginnen!“

Als er seine Augen wieder aufschlug, stand Nekael in seinem Arbeitszimmer. Die komplette Einrichtung des Raumes war schwarz. Nur die Wände prangten in einem dunklen Anthrazit. Nekael ließ sich in seinen großen, ledernen Chefsessel plumpsen und legte seine langen Beine auf den Schreibtisch aus Ebenholz. Die Arme verschränkte er lässig hinter dem Kopf. Das eben Erlebte ließ er mit geschlossenen Augen noch einmal Revue passieren.

Er überlegte Asasel mit seinem Astralleib aufzusuchen, wenn er ihn das erste Mal offen aufsuchen würde. In dieser „Verkleidung“ konnte er ihm vortäuschen, ebenfalls noch ein Verführer zu sein. Auf diese Weise wäre es möglich, Asasel unauffällig in die gewünschte Richtung zu dirigieren. Roch er zu früh Lunte, musste Asasel auf brachiale Art und Weise davon überzeugt werden, dass seine Zeit als Dunkler Engel sich dem Ende zuneigte. Das wollte Nekael seinem Freund ersparen.

Nekael seufzte und erhob sich. Er wollte in Erfahrung bringen, was Lea mit Asturel ausgebrütet hatte.

 


 

4. Ein alter Freund von Asturel

 

Asturel hatte so lange mit seinem Erscheinen gewartet, bis er nach seiner Ankunft im Hausflur Nekael nur noch einen Morgengruß zunicken konnte.

Der wiederverkörperte Wächterengel und Lea hingen wie zwei Verschmachtende aneinander. Fast ständig lagen die Finger Nekaels auf seiner menschlichen Frau. Alles in Leas Nähe wurde argwöhnisch von ihm kontrolliert. Nicht einmal eine Mücke hätte eine Chance gehabt, sich ihr unbemerkt zu nähern, geschweige denn sich an ihr zu laben, solange er sich in ihrer unmittelbaren Nähe befand. Sein Beschützerinstinkt ließ den eines Schutzengels regelrecht alt aussehen. Asturel war davon seltsam berührt. Das lag nicht nur daran, dass Lea bis vor Kurzem sein Schützling gewesen war und er sich ihr noch immer sehr verbunden fühlte. Da war noch etwas Anderes in ihm, dem er lieber nicht tiefer auf den Grund ging.

 

Nachdem Lea und Nekael von ihrer Hochzeitsgesellschaft aufgebrochen waren, um ihre Flitterwochen zu beginnen, hatte Asturel sich lange und eingehend mit Maja unterhalten. Sie war eine bemerkenswerte Frau und eine weise, helle Seele. Nur durch ihr Eingreifen war Lea bereit gewesen, sich der Welt der Engel erneut zu öffnen. Ohne sie hätten Lea und Nekael immer noch nicht zueinander gefunden. Sie war, warum auch immer, die Schlüsselfigur in GOTTES Plan gewesen, die Wächterengel und deren Frauen aus ihrem jahrtausendelangen Dornröschenschlaf zu holen, damit sie ihre Aufgabe vollenden konnten.

Asturel hatte viel über Maja nachdenken müssen. Und je länger er das getan hatte, desto merkwürdiger war ihm ums Herz geworden. Sie hatte ihn mit ihrer sanften, feinfühligen Art fasziniert und angerührt. Auch physisch sprach sie ihn an. Ihr eher kurz gehaltenes, blondes Haar umspielte ihre ebenmäßigen Züge und die rahmenlose Brille schmeichelte ihren graublauen Augen, die mehr als das offensichtlich Sichtbare wahrnahmen. Für eine Frau in den mittleren Jahren war sie gut proportioniert und hatte eine angenehme Größe. So hätte er sich eine Partnerin vorgestellt, wenn er ein Mensch gewesen wäre, war es ihm ungebeten durch den Kopf gegangen. Erschrocken über die Richtung, die seine Gedanken genommen hatten, hatte er sich auf der Stelle zur Ordnung gerufen. Dieses Thema war tabu für ihn! Er war kein Wächterengel und hatte nicht vor, etwas Verbotenes zu tun. Er war ein Engel des Himmels, kein Mann der Erde und damit basta! Wahrscheinlich bildete er sich seine Gefühle für Maja ohnehin nur ein. Seine große Nähe zu Nekael hatte ihn bestimmt zu solch abstrusen Ideen verleitet. Um nicht weiter auf gedanklichen Abwegen zu wandeln, war er vorsichtshalber auf Distanz zu Maja gegangen. Bis jetzt.

 

Nekaels Gesichtsausdruck war mysteriös, als er Asturels Gruß erwiderte und gleich darauf verschwand. Asturel hätte schwören können, dass es eine Mischung aus absichtlich unbewegt und wissend war. Wissend wovon?

„Guten Morgen, Asturel!“, lenkte Lea ihn von seiner Grübelei ab.

Mit einem warmen Lächeln kam sie auf ihn zu und umarmte ihn herzlich. Seine haselnussbraunen Augen lagen voll Zuneigung auf ihrem Scheitel, während er, schon wieder in Nachdenklichkeit verfallend, ihre Umarmung erwiderte.

 

Er und Lea waren jahrtausendelang ein wunderbares Gespann aus Schutzengel und Mensch gewesen. Auf platonische Art und Weise war ihre Beziehung daher sehr tief. Als in diesem Leben der Zeitpunkt gekommen war Nekael aus der Finsternis zurück ins Licht zu holen, hatte Asturel Angst gehabt, dass man ihn aus Leas Nähe entfernen würde. Zu seiner großen Erleichterung wurde er in ihrem Umfeld belassen. Auch Lea war glücklich darüber gewesen. Nur Nekaels Begeisterung hatte sich sehr in Grenzen gehalten. Lea hatte mit ihm vor seiner Wiederverkörperung wegen Asturel gestritten. Er hatte ihn als Nebenbuhler gesehen und am liebsten aus Leas Nähe entfernt. Damit war er nicht durchgekommen. Lea wollte weiter Kontakt mit ihrem alten Schutzengel haben und hatte behauptet, dass er für sie zur Familie gehören würde. Mit Mühe hatte Nekael sich damit abgefunden und war Asturel zuerst äußerst misstrauisch begegnet. Doch seitdem die beiden sehr unterschiedlichen Engel sich hatten zusammenraufen müssen, akzeptierte Nekael Asturel.

Als Nekael in der Engelwohnstatt in seine neue Aufgabe eingeführt worden war, hatte auch er, Asturel, eine neue übertragen bekommen. Die ehemalige Schutzgruppe um Lea war ihm ganz unterstellt worden. Er sollte sich weiter um ihre Sicherheit kümmern und in Zukunft, übergeordnet, auch um die Sicherheit der übrigen Frauen der Wächterengel, die Lea finden und auf ihr Schicksal vorbereiten sollte. Asturel war mit seiner neuen Aufgabe mehr als zufrieden. Man hatte ihn nicht, wie befürchtet, auf das Abstellgleis geschoben. Er blieb weiter mitten im Geschehen.

 

„Guten Morgen, Lea! Lange nicht gesehen.“, begrüßte er sie mit seiner sanften, tiefen Stimme.

„Was Wunder, Asturel! Ich bin eigentlich immer noch in den Flitterwochen.“, stemmte Lea die Fäuste in die Seiten und grinste ihn schalkhaft an.

„Bist du glücklich mit Nekael?“, rutschte es Asturel heraus.

„Sehr! Ich genieße jede Minute mit ihm. Erst durch Nekael fühle ich mich in allen Bereichen des Seins lebendig. Ich bin wieder ganz! Und wie geht es dir?“, blickte Lea ihren alten Schutzengel forschend in die Augen.

„Danke, gut!“, antwortete Asturel ein wenig schleppend.

„Schwindler!“, tippte Lea ihm auf die Brust.

„Was heißt hier Schwindler?“, entrüstete sich Asturel.

„Ich spüre eine versteckte Traurigkeit in dir, mein Freund! Es ist doch nicht mehr, weil du mich hast gehen lassen müssen, oder?“, wollte Lea ein wenig lauernd wissen.

„Nein! Das ist es nicht! Aber wieso meinst du, dass ich traurig bin?“, stellte Asturel interessiert die Gegenfrage.

„Es ist so ein Gefühl! Menschliche Frauen sind, was gewisse Dinge angeht, recht sensibel, weißt du? Und ich habe das Gefühl, dass du dich wegen irgend etwas zurückhältst. Kann das sein?“, hakte Lea vorsichtig nach.

„Es gibt schon etwas! Aber darüber möchte ich nicht reden. Noch nicht!“, antwortete Asturel wahrheitsgemäß.

„Das habe ich mir gedacht!“, nickte Lea.

„Wenn ich jemanden zum Reden brauche, werde ich mich an dich wenden. Einverstanden?“

„Gerade so eben! Einen Tipp vorweg: Warte nicht zu lange. Das könnte nach hinten losgehen!“, orakelte Lea.

Asturel bedachte sie mit einem intensiven Blick. Konnte Lea wissen, warum er seit ihrer Hochzeitsfeier eine Spur melancholisch geworden war? Um von sich abzulenken, wechselte er das Thema.

„Ich bin nicht hergekommen, um mit dir über mich zu diskutieren! Lass uns lieber anfangen, etwas über Saphira zu erfahren. Sie wird uns in der nächsten Zeit am meisten beschäftigen. Wo können wir uns hinsetzen? Wir brauchen übrigens einen dritten Platz! Ich habe vor, Simiel zu rufen, den Schutzengel von Saphira.“, eröffnete Asturel.

„Sehr schön! So kann ich mir ein Bild von meiner alten Bekannten machen, ohne sie ausspionieren zu müssen. Das kommt mir sehr entgegen! Zum Reden gehen wir am besten ins Wohnzimmer. Das ist der beste Ort!“, bestimmte Lea und führte Asturel in den großen, großzügig eingerichteten Raum. Asturel sah sich um. Selbst in diesem Raum herrschte das strenge Schwarzweiß des übrigen Hauses vor. Die Wände waren weiß gestrichen, der Teppichboden auf dem dunklen Parkettboden schwarz und die Couchgarnitur schwarz. Ebenso der Tisch, die Schränke und das bodenlange Bücherregal. Selbst die ganzen technischen Geräte wie Stereoanlage, DVD-Player und Plasma-Fernseher hatten eine schwarze Hülle. Asturel schüttelte lächelnd den Kopf.

„Wie hältst du das aus? Deine alte Wohnung war wesentlich freundlicher eingerichtet!“

„So streng ist die Einrichtung gar nicht! Auf dem Boden neben der Terrassentür stehen große Yucca-Palmen. Die sind grün! Auf dem Tisch liegt ein gelber Läufer und darauf steht eine Schale mit Obst. An der Wand hängen Bilder, die immer einen Farbtupfer in ihren Schwarzweißtönen aufweisen. Was ist daran streng?“

Lea lächelte verschmitzt. Sie war auf Asturels Worte gefasst gewesen.

„Du weißt wie staubanfällig schwarze Möbel sind?“, konnte Asturel sich nicht verkneifen.

„Möchtest du mein Haushälter sein?“, feixte Lea.

„Nein, danke! Ich bleib lieber bei dem was ich kann!“, wehrte Asturel ab.

„Dann ist es ja gut! Weißt du, Asturel, wenn man sich zu zweit einrichtet, muss man immer Kompromisse machen. Nekael mag eben dunkle Farben am liebsten. Ich habe an der Stelle nachgegeben. Aber ich sorge durch farbige Akzente dafür, dass das Haus nicht zu streng und eintönig wirkt.“, erklärte Lea kategorisch.

„Okay! Damit muss ich mich wohl zufrieden geben. Es ist nicht mehr deine Wohnung alleine.“, zuckte Asturel mit den Schultern und beließ es dabei.

„Darf ich mich wieder auf dem Sessel breit machen? Diese Möbelstücke finde ich zugegeben besonders bequem.“, sah er Lea höflich bittend an.

„Gern!“, wies Lea einladend auf den gemütlich aussehenden, schwarzen Ledersessel am Kopf des niedrigen Tisches. Er stand dem großen Fernseher an der Wand gegenüber.

Mit einem kaum hörbaren, wohligen Seufzen sank Asturel hinein.

Lea setzte sich schräg zu ihm in einen Doppelsitzer und sah ihn aufmerksam an.

„Nun? Was hast du herausgefunden?“

Die Gelegenheit von sich abzulenken, ließ sich Asturel nicht entgehen.

„Saphira ist etwa so alt wie du. Sie lebt im nördlichen Teil Israels in der Nähe der Mittelmeerküste. Dort ist sie auch aufgewachsen. Ihr Lebenslauf und ihre Familiengeschichte unterscheiden sich sehr von deiner, Lea! Darum möchte ich, dass Simiel selbst dir schildert, mit wem du es zu tun bekommst.“

„Gern! Ist Simiel denn so ohne weiteres abkömmlich?“, fragte Lea erstaunt.

Asturel hatte sich auch immer zwischendurch „rumgetrieben“. Aber die Gegend, in der Saphira lebte, war nicht mit dem ruhigen Norddeutschland zu vergleichen. Sie konnte sich vorstellen, dass Simiel im Gegensatz zu Asturel Schwerstarbeit leisten musste.

Ihrem Schutzengel huschte bei Leas Gedanken ein Lächeln über das Gesicht.

„Simiel hat, ohne Frage, viel zu tun, Lea! Aber für ein paar Minuten ist er durchaus abkömmlich. Er ist stets eng mit Saphiras Geist verbunden und kann ohne Zeitverzögerung zu ihr eilen, wenn sie ihn brauchen sollte.“

„Ich nehme an, dass deine Verbindung zu mir auch so eng war!?“

„Sicher!“, bestätigte Asturel.

„Immer noch?“, hakte Lea interessiert nach.

„Nicht mehr so eng, seit du mit Nekael zusammen bist. Aber, ja! Eine Verbindung besteht noch. Wie soll ich dich sonst weiterhin beschützen?“, erklärte Asturel mit erhobenen Händen.

„Schon gut! Du musst dich nicht verteidigen! Ich weiß, dass du meine Privatsphäre mit Nekael nicht antastest.“, winkte Lea ab.

„Sag mal, muss ich noch irgend etwas über Simiel wissen, bevor du ihn holst?“

Auf diese Frage verfiel Asturel kurz ins Brüten.

„Eine Sache sollte ich dir vielleicht schon vorher erzählen.“, nickte er nachdenklich.

„Nur zu!“, ermunterte Lea ihn.

„Wie du weißt, sind die Schutzengel für die Zeit der Ehe, die die Frauen mit den Wächterengeln eingegangen waren, sozusagen von ihrem Dienst suspendiert worden. In unserem Gefühl des Abgeschobenseins haben wir uns zusammengetan und sind zu Leidensgenossen und Freunden geworden. So hatten wir auch noch eine Weile, nachdem wir unsere Aufgabe als Schutzengel wieder aufgenommen hatten, immer noch Kontakt zueinander. Mit Simiel war das allerdings so eine Sache.“, wiegte Asturel mit dem Kopf.

„Warum?“

„Wie hast du dich gefühlt, als Sariel und ich dich in die Engelwohnstatt gebracht haben?“

„Traurig, verzweifelt, wütend!“, beschrieb Lea knapp.

„Saphira war es nicht anders ergangen. Sie war allerdings einige Nuancen wütender als du und hat sich mehr gewehrt, ihre Erinnerungen verschließen zu lassen. Sie wollte nicht vergessen, dass sie einen heftigen Groll auf den Himmel hatte. Ihr hatte man wie dir gezeigt, was aus ihrem Engel geworden war und ihr damit einen gehörigen Schock verpasst. Die Bestrafung Asasels war für sie eine maßlose Ungerechtigkeit, weil er sich aus ihrer Sicht am meisten um die Menschen ihres Dorfes gekümmert und ihnen geholfen hatte. Sie empfand deswegen eine so tiefe Ablehnung gegen den Himmel, dass sie sich erst bereit erklärt hatte den Schleier des Vergessens um ihre Erinnerungen legen zu lassen, als sie Simiel das Versprechen abgenommen hatte, dass er den Kontakt zu den anderen Engeln des Lichtes auf ein Minimum beschränken würde.“

„Will heißen, dass Simiel für Saphira zu einem himmlischen Eremiten geworden ist.“, interpretierte Lea trocken.

„So könnte man es umschreiben.“, lächelte Asturel über Leas Wortwahl.

Auf Leas Zügen erschien ein schadenfroh wirkendes Lächeln.

„Sie wird explodieren, wenn sie bei wiedererlangtem Gedächtnis die Fehler des „Buches Henoch“ erkennt. Asasel wird als Hauptschuldiger genannt.“

„Dann gib es ihr nicht!“

„Vielleicht ist das aber der Einstieg, mit dem ich sie am besten auf ihr Schicksal einstimmen kann.“, wandte Lea ein.

Bei ihr war es jedenfalls so gewesen. Auch wenn sie Jahre gebraucht hatte, um mit der Erkenntnis fertig zu werden. Jahre waren allerdings ein Zeitraum, der ihr mit Saphira leider nicht zur Verfügung stehen würde.

„Mag sein! Aber ich hoffe, dass es eine andere Lösung gibt.“

„Wir werden sehen!“

„Wie dem auch sei! Seit Saphiras Erinnerungen an Asasel versteckt worden sind, habe ich mit Simiel nicht mehr gesprochen. Dementsprechend überrascht war er, als ich ihn gerufen habe und ihn aufsuchte, während du dich mit Nekael verlustiert hast.“

Unfreiwillig überzog eine feine Röte Leas Gesicht. Weil sie neugierig war, was Asturel weiter zu erzählen hatte, enthielt sie sich jedoch einer bissigen Bemerkung.

„Er freute sich mich zu sehen, deutete mir aber gleich an, dass er sein Versprechen, seinen Kontakt zu anderen Engeln des Himmels auf ein Minimum zu beschränken, weiterhin einhalten wollte.“

„Also musstest du dich kurz fassen.“, warf Lea ein.

„Nur zu Anfang! Als ich ihm in knappen Worten schilderte, was die letzten Monate bei uns geschehen war und warum ich ihn aufsuchte, wurde er zunehmend gesprächiger, sogar ein wenig aufgeregt.“

„In ihm glomm wohl die Hoffnung auf, dass sich Saphiras Verhältnis zum Himmel normalisieren könnte. Wenn auch mit gemischten Gefühlen, wie ich meine. Schließlich müsste er als Kröte einen wiedererstandenen Asasel schlucken, hm?“

„Stimmt!“, schmunzelte Asturel.

„Dann weiß ich aus Erfahrung, wie er sich jetzt fühlt. Nicht wahr, Asturel?“, zog sie ihn auf.

Asturel quittierte diese Bemerkung mit einem schiefen Grinsen und einem Nicken.

„Da du ihn hierher rufen möchtest, gehe ich davon aus, dass er zu einer Zusammenarbeit mit dir und mir grundsätzlich bereit ist.“

„Er will sich zumindest anhören, was du ihm zu sagen hast. Er wollte dann für sich und Saphira entscheiden, ob er kooperiert.“

„Dieses Verhalten nennt man „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!““, grinste Lea.

„Immerhin habe ich ihn dazu bewegen können, hierher zu kommen.“, verteidigte sich Asturel.

„Stimmt! Und dafür bin ich dir dankbar. Ich glaube, ich weiß, wie ich ihn am besten überzeuge. Würdest du ihn jetzt bitte rufen? Ich brenne darauf, mit ihm zu sprechen.“

„Gern! Überstürze nur nichts, Lea! Ich kenne dich! Wenn du einmal in Fahrt bist, wird Rücksicht zunehmend ein Fremdwort für dich!“, mahnte Asturel.

„Ich werde mich bemühen!“, versprach sie, wenn auch mit klopfendem Herzen und feuchten Händen. Sie wollte nichts verpatzen!

Lea „hörte“ den mentalen Ruf, den Asturel aussandte, um Simiel herzubestellen, aber sie verstand nur den Namen. Ein Schreck fuhr ihr durch die Glieder.

„In welcher Sprache hast du ihn gerufen?“, wollte sie bang von Asturel wissen, der absichtlich so verfahren hatte, um Lea auf eine Hürde aufmerksam zu machen.

„In Hebräisch!“, grinste er.

„Oh GOTT! Wieso habe ich daran nicht gedacht! Saphira lebt in Israel! Verdammt!“, schimpfte sie vor sich hin.

„Keine Angst! Er spricht Deutsch! Aber durch Saphira ist er Hebräisch gewohnt.“

„Was heißt, dass ich ein Problem mit ihr haben werde. Ich kann nicht genug Hebräisch, um mich mit ihr unterhalten zu können. Wie gut spricht sie Englisch?“

„Ich fürchte so gut wie du!“, unkte Asturel wenig teilnahmsvoll.

„Dann muss ich Hebräisch lernen oder Saphira Deutsch.“, ereiferte Lea sich.

„Ersteres wäre besser! Dir stehen Mittel und Wege zur Verfügung, die dir das Erlernen einer Sprache in allerkürzester Zeit ermöglichen.“, erklärte Asturel seelenruhig.

Leas Augen leuchteten auf.

„Du meinst, ich kann Hebräisch so schnell lernen wie Gedankenlesen?“

„Sozusagen über Nacht!“, bestätigte Asturel.

„Gibt es dafür einen Lehrer oder kann das Nekael übernehmen?“

„Wir haben einen Sprachspezialisten in unseren Reihen. Er heißt Ygilon. Er wird dir die Sprache sicher akkurater beibringen als Nekael. Er kann zwar auch Hebräisch. Aber sein Wortschatz lässt, wie ich finde, manchmal zu wünschen übrig.“, rümpfte Asturel seine Nase.

Lea konnte sich ein fettes Grinsen nicht verkneifen. Als Dunkler Engel hatte Nekael durchaus ein anderes Vokabular drauf als Asturel, der zeit seines unsterblichen Lebens ein Lichtengel geblieben war.

„Dann sollten wir das baldmöglichst in Angriff nehmen. Sonst wird meine erste Unterhaltung mit Saphira reichlich sprachlos.“, stellte Lea trocken fest.

Ein leises Räuspern ließ Asturel und Lea aus ihrem Gespräch hochfahren.

„Oh! Entschuldige Simiel! Ich war so vertieft mit Lea, dass ich dein Erscheinen glatt übersehen habe.“

„Nicht so schlimm! So habe ich ungestört einen ersten Eindruck von deinem ehemaligen Schützling bekommen. Guten Tag, Lea!“, verneigte sich Saphiras Schutzengel auf die höfliche Art der Engel.

„Guten Tag!“ erwiderte Lea den Gruß. „Schön, dass du gekommen bist. Setz dich doch zu uns!“

Sie stand pflichtschuldigst auf und wies Simiel einen Platz im Zweisitzer ihr gegenüber zu.

Mit steif wirkenden Bewegungen setzte der sich. Man sah ihm deutlich an, dass er verlegen war. Er war Gesellschaft, die über Saphira hinaus ging, kaum noch gewohnt.

Das ließ Lea Zeit, Simiel zu betrachten. Er war so groß wie Asturel. Klar, sie waren im gleichen Rang. In den letzten Monaten hatte Lea gelernt, dass die Größe eines Engels von seinem Rang abhing. Je höher auf der „Himmelsleiter“ desto größer.

Simiels übrige Erscheinung unterschied sich deutlich von ihrem Schutzengel. Er hatte intensive, hellgraue Augen, eine goldbraun getönte Haut und schulterlange, dunkelbraune Haare, die durch einen Mittelscheitel geteilt, in Wellen herunterhingen. Er trug die traditionelle Kleidung der Engel aus dem Himmel: ein langes, weißes Gewand mit weiten Ärmeln, das bei entsprechendem Lichteinfall in allen Farbtönen schillerte. Asturel dagegen hatte sich durch seine mittlerweile häufigen Aufenthalte auf der Erde, der herrschenden Mode angepasst. Er bevorzugte eine helle Bluejeans, gepaart mit einem weißen Oberteil. Da in Deutschland Herbst herrschte, hieß das, dass er über dem Polohemd einen weißen Baumwollpullover trug. Simiel ließ den Vergleich mit ruhigem Blick über sich ergehen. Er hatte sich bewusst nie irgendeiner Zeit angepasst. Wozu auch? Saphira war seine einzige Gesellschaft. Asturel hatte ihn mit seinem Besuch aus seinem Trott aufgescheucht. Im Stillen wünschte er sich seit langem ein Ende seiner selbstgewählte Isolation herbei. Leas Auskünfte könnten dabei eine entscheidende Rolle spielen. Eine leichte Beschwingtheit überkam ihn.

„Asturel hat mich neugierig auf dich gemacht. Würdest du mir aus deiner Sicht schildern, wie es dir bei der Erweckung Nekaels gegangen ist? Das könnte mir einen Anhaltspunkt geben, was Saphira erwartet, wenn sie sich bereit erklärt, Asasel wiederzusehen.“

„Gern! Eine Frage trotzdem vorweg, Simiel!“

„Sie sei dir gestattet!“, nickte er bereitwillig.

„Saphira hat dir, wie mir Asturel berichtete, die Kontakte zu anderen Engeln des Lichtes vor der Verschleierung ihrer Erinnerung eingegrenzt. Wieso hast du dich all die Zeit daran gehalten?“

„Es war eine Frage des Prinzips. Ich ahnte, dass ihr irgendwann die Erinnerungen wiedergegeben werden würden. Wenn sie dann erfahren sollte, dass ich mein Versprechen gebrochen habe, sobald sie nicht mehr in der Lage war, sich daran zu erinnern, würde sie mir nie wieder vertrauen. Das wollte ich nicht riskieren.“

„Hat sie sich nicht nach der Verschleierung über dein Verhalten gewundert?“

„Ich habe ihr nie viel Zeit zum Wundern gelassen. Die Abstände zwischen ihren Inkarnationen sind sehr kurz gewesen. Gerade lang genug, um das vergangene Leben zu verarbeiten und das nächste Leben in groben Zügen zu planen.“

„Sehr weise! Hast du dich nicht allein gefühlt?“

„Ich stehe hier nicht zur Debatte!“, wehrte Simiel ab.

Lea merkte trotzdem, dass Simiel unter seiner selbstgewählten Einsamkeit litt. Ließ es aber dabei. Sie wollte seine Mitarbeit nicht riskieren. Um ihn würde sie sich später immer noch kümmern können.

„Du hast Recht! Also, wie war das für mich ...“, begann Lea und suchte nach den richtigen Worten.

„Lass mich die wichtigsten Stationen, die meine Beziehung zu Engeln geprägt haben, aufzählen. Als kleines Kind habe ich eine enge Verbindung mit Tanael gehabt. Er hat mir in diesem Leben die Basis für das Leben mit Engeln gegeben und mir einen ungezwungenen Umgang mit Deinesgleichen beschert. Als er sich von mir verabschieden musste, habe ich eine ganze Weile um ihn getrauert. Als Jugendliche hatte ich Alpträume bekommen und um himmlische Hilfe gebeten. Da ist mir im Traum Asturel erschienen und hat mir erklärt, dass die bösen Träume von jemandem herrühren, den ich aus einem längst vergangenen Leben kennen würde. Er und einige andere Engel hätten dafür gesorgt, dass ich fortan ruhig schlafen könne. Ich wäre mit der Antwort zufrieden gewesen, wenn er sich, was Nekael anging, nicht verplappert und mich neugierig gemacht hätte. Als ich nachbohrte, vertröstet er mich auf später. Weil ich keine Ruhe gab, ließ man mich das „Äthiopische Buch Henoch“ finden. Ich spürte nach dem Lesen, dass mich der Teil mit den Engeln persönlich betraf und erriet, dass ich eine der Frauen sein musste, die vor langer Zeit mit einem Engel verheiratet gewesen waren. Beim Nachgrübeln zog ich die Schlussfolgerung, dass mein „Mann“ durch seine Bestrafung zu einem Dunklen Engel geworden sein musste und bekam Angst. Ich brach jede Brücke zur Welt der Engel ab und wollte fortan ein ganz normales Leben führen.“

„Das kann ich gut verstehen! Ein Dunkler Engel ist für einen Menschen allein schon von der Vorstellung her sehr bedrohlich.“, nickte Simiel.

„Wohl wahr! Meinem Schicksal konnte ich dennoch nicht entgehen.“, seufzte Lea.

„Wie Asturel erzählte, bist du durch eine Lichtarbeiterin wieder in Kontakt mit Engeln getreten.“, gab Simiel ihr den Anstoß weiterzuerzählen.

Lea warf einen prüfenden Blick in die Richtung ihres Schutzengels. Doch der ließ sich in diesem Augenblick nicht in die Karten schauen. So fuhr Lea fort.

„Stimmt! Maja hat mir Mut gemacht. Kurz danach begann ein wahrer Reigen. Mein Schöpferfunke wurde geweckt und ich erhielt in der Engelwohnstatt meine Erinnerungen zurück. Anschließend bekam ich Unterricht in den unterschiedlichsten „übersinnlichen“ Disziplinen. Die Engel gaben sich bei mir buchstäblich die Klinke in die Hand. Das alles mündete für mich in meiner ersten Begegnung mit Nekael – als Geist.“

„Wie war das für dich?“, wollte Simiel interessiert wissen.

„Schaurig und frustrierend! Ich hatte mit den Erinnerungen auch meine Liebe zu ihm wiedergefunden und war viel zu hell für ihn. Er beschoss mich mit dunkler Energie und stritt jede Beziehung zu mir ab, weil sein Gedächtnis an den entscheidenden Stellen Lücken aufwies. Wir trennten uns unverrichteter Dinge. Mir war zum Heulen zumute!“

„Siehst du Asturel! Das will ich Saphira um jeden Preis ersparen! Sie ist auch so schon traumatisiert genug!“, ging Simiel in eine ablehnende Haltung über.

„Lass dir den Rest auch noch erzählen! Danach ist alles bedeutend anders verlaufen.“, hielt Asturel dagegen.

Lea betrachtete Simiel neugierig. Ihr lag die Frage auf der Zunge, warum Saphira traumatisiert war. Aber Asturel machte ihr stumm ein Zeichen, dass sie sich diese Frage verkneifen sollte.

Na gut! Vielleicht würde ihr später auf diese Frage geantwortet werden.

„Durch meine Erinnerungen gepuscht, wollte ich unbedingt, dass Nekael seine Erinnerungen ebenfalls wieder zurückerhielt. Wenigstens einmal wollte ich den Ausdruck von Liebe auf seinem Gesicht wiedersehen. Asturel und ich begannen daran zu arbeiten, dass ich meine Aura so verdunkeln konnte, dass meine nächste Begegnung mit Nekael besser verlaufen würde. Bis dahin erhielt ich weiter Unterricht und begann mit Nekael gedanklich Kontakt aufzunehmen. Erstaunlicherweise ging er widerstandslos darauf ein. Später gestand er mir, dass er schon zu dem Zeitpunkt eine unterschwellige Anziehung zu mir empfand. Stück für Stück kamen wir uns näher, auch wenn unsere Konversation ein geistiges Schlagabtauschen war. Dann tat ich etwas, wofür mir Asturel am liebsten die Leviten gelesen hätte.“

„Du hast ihn direkt in deinen Geist eingeladen und ihm die Möglichkeit gegeben, dich auf die Dunkle Seite zu ziehen.“, warf Asturel ein.

„Aber es war der einzig richtige Weg!“, verteidigte Lea ihr Handeln und verdrehte die Augen.

Asturel war im Nachhinein immer noch unwohl bei dem Gedanken.

Auf Simiels Zügen erschien ein verhaltenes Lächeln.

„Wir gehen häufiger so miteinander um! Besonders, nachdem ich wieder mit Nekael zusammen bin, Simiel! Das heißt aber nicht, dass unsere Beziehung schlechter geworden ist. Sie hat nur eine andere Qualität erhalten. Ich lasse mir von meinem lieben Schutzengel nicht mehr alles vorschreiben.“

„Hmpf!“, kam es unartikuliert von ihm.

„Das ist interessant! Ob Saphira auch so reagieren wird?“, sinnierte Simiel.

„Schon möglich! Wenn sie sich mit Asasel erneut verbinden kann, wird sie dir ein Stück entwachsen. Aber wenn sie annähernd so ist wie ich, wird sie die Verbindung zu dir aufrecht halten wollen. Ich habe mit Nekael darum gestritten – und gewonnnen.“, lächelte sie Simiel aufmunternd zu.

„Das lässt hoffen! Wie hat sich Nekael benommen, nachdem er durch dich seine Erinnerungen wiedererhalten hat? War es tatsächlich das Trauungsritual, das seine Erinnerungen wieder hervorholte?“, taute Simiel weiter auf.

„Der Reihe nach: Ja, es ist das Trauungsritual! In ihm liegt mehr Macht, als ich damals schon gespürt hatte. Es ist der Schlüssel. Was heißt, dass auch Saphira Asasel ihre Trauung noch einmal schauen lassen muss, um ihn aus dem Vergessen zu holen. Es ist übrigens der schwierigste Moment. Sowohl für die Frau als auch für den Engel. Ich war ihm wehrlos ausgeliefert, aber ihn hat es fast zerrissen. Sein Energieniveau stieg derart an, dass er sich vor Schmerzen kaum noch eingekriegt hat. Später habe ich ihm wieder zu einem erträglicheren Level verholfen. Worüber er mir sehr dankbar war. Danach waren wir zwei unzertrennlich. Buchstäblich! Er hat sich seitdem mir gegenüber sehr anständig benommen. Sein Beschützerinstinkt ist bemerkenswert und seine Eifersucht allen männlichen Wesen mir gegenüber fast grenzenlos.“, schmunzelte Lea.

„Anständig?“, echote Asturel.

Lea wurde rot, fing sich aber gleich wieder und erklärte forsch:

„Nekael ist durch seine Zeit als Dunkler Engel triebhafter geworden. Er braucht mich mehr denn je.“

„Aha!“, machte Simiel nur.

„Und wenn du mich fragst: Ich würde es jederzeit wieder tun. Endlich fühle ich mich wieder ganz. Endlich weiß ich, dass ich lieben kann, einen Mann lieben kann! Kurz gesagt: Ich bin überglücklich wieder mit Nekael vereint zu sein.“, schloss Lea ihre Ausführungen.

Sie blickte Simiel bedeutsam an. Eine unausgesprochene Bitte lag darin.

„Scheint so, als wenn es für Saphira trotz einiger Hindernisse das Erstrebenswerteste wäre, ihre Verbindung zu Asasel wiederzubeleben.“, seufzte er.

„Unbedingt! Ganz gleich, welche Hindernisse aus dem Weg geräumt werden müssen!“, drang Lea weiter in ihn.

„Fast hast du mich überzeugt!“, schwankte Simiel noch.

„Warum nur fast?“, hakte Lea nach.

„Das, liebe Lea, ergibt sich aus Saphiras Lebenslauf, den ich dir jetzt schildern werde. Und dann urteile selbst.“, erwiderte Simiel mit bedeutungsschwerer Mine.

 


 

5. Saphiras bisheriges Leben

 

Leas Blick schwenkte fragend zu Asturel hinüber, der sie mit einem ernsten Nicken wieder an Simiel verwies.

„Wenn du so anfängst, muss ich mich wohl auf Einiges gefasst machen.“

Lea lehnte sich aus Anspannung unbewusst ein Stück vor. Sie wollte kein Wort verpassen.

„Leider ja! Saphiras Hintergrund und Leben sind alles andere als rosig und ich konnte wenig tun, um ihr zu helfen.“, bestätigte Simiel kummervoll.

„Dann raus damit! Im Gegensatz zur dir habe ich keine Anweisung vom Himmel, mich weitgehend aus ihrem Schicksal herauszuhalten. Ich darf eingreifen und gedenke es zu ihrem Besten zu tun.“, versuchte Lea Saphiras Schutzengel Mut zu machen.

Konnte Lea für Saphira die Erlösung ihres Kummers und ihrer Qualen sein?, ging es Simiel durch den Kopf. Lea wirkte so selbstsicher und zuversichtlich, dass ein Hoffnungsschimmer in ihm aufglomm. Er holte tief Atem, ehe er mit Saphiras Geschichte begann.

„Um dir ihre Situation zu verdeutlichen, möchte ich dich mit ihrer Familiengeschichte vertraut machen. Ihre Großeltern mütterlicherseits stammten aus Deutschland. Sie lernten sich in dem Konzentrationslager kennen, in welches sie beide gesteckt worden waren und Zwangsarbeit verrichten mussten. Seelisch und körperlich gezeichnet, überlebten beide wie durch ein Wunder die schwere Zeit und heirateten nach Kriegsende. Sie versuchten sich in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. Aber sie waren in dem Land, in dem sie so gequält worden waren, einfach nicht in der Lage, sich von den erlebten Gräueltaten zu distanzieren und zu erholen. Als 1948 der Staat Israel gegründet wurde, beschlossen sie ins Land ihrer Vorväter auszuwandern, in der Hoffnung, dort neue Wurzeln schlagen zu können. Nach kurzer Zeit bekamen sie ihr einziges Kind Ester, Saphiras Mutter. Die Spannungen im jungen Staat ließen sie auch dort nicht zur Ruhe kommen. In ihrer Gegend wohnten viele Juden, die dem Holocaust entronnen waren. Immer wieder kamen deren grausige Erlebnisse hoch. Sei es im Friseursalon beim Haare zusammenfegen oder anderen alltäglichen Dingen, die an sich harmlos waren, aber hintergründig eine Verbindung zu durchlittenen Ängsten und Qualen aufwiesen. Als in der Nähe der Golanhöhen Siedlungen errichtet wurden, zogen, nein flohen Saphiras Großeltern dorthin. Sie freundeten sich mit einer benachbarten Familie an, deren Vorfahren nie das Heilige Land verlassen hatte. Saphiras Mutter heiratete später den ältesten Sohn der Familie. Gideon und sie blieben nach ihrer Wehrpflichtzeit in der Armee, um ihr wiedererstandenes Vaterland zu verteidigen, wenngleich Ester keinen Dienst mit der Waffe verrichtete, sondern im Büro arbeitete. Ein paar Jahre später kam Saphira als Wunschkind zur Welt. Zwei Jahre darauf ihr Bruder Gad.“

„Du erzählst förmlich im Telegrammstil!“, beschwerte Lea sich lächelnd.

„Ich wollte es kurz halten. Es ist wichtig, dass du grob über ihre Familie Bescheid weißt. Nun kommt Saphiras eigene Geschichte.“, ratterte Simiel herunter.

„Nur zu!“, forderte Lea ihn auf.

Sie war jetzt schon berührt und sie spürte, dass da noch mehr war, viel mehr. Was war in Saphiras Leben passiert, dass Simiel so voller Bedenken steckte?

„Als Fünfjährige war Saphira mit ihren Eltern und ihrem Bruder auf einer Hochzeit von Armeeangehörigen eingeladen worden. Viele Personen in wichtigen Funktionen waren in dem Festsaal des Hotels versammelt. Ein unwiderstehliches Ziel für rachsüchtige, vertriebene Araber. Ein Selbstmordattentäter konnte sich trotz Sicherheitspersonal einschleichen. Saphira spielte gerade mit ihrem Bruder im Garten des Hotels, als eine Bombe detonierte und alle Menschen in dem Saal in den Tod riss, darunter auch ihre Eltern.“

„Wie schrecklich!“, entfuhr es Lea.

„Ja! An dieser Stelle gibt es noch mehr zu erzählen. Aber dazu komme ich später. Sie und ihr Bruder wurden von der Familie ihrer Tante aufgenommen. Saphiras Schock über den Tod ihrer Eltern wandelte sich in ohnmächtige Wut um, was dazu führte, dass sie schon als junges Mädchen beschloss, den Kampf ihrer Eltern fortzuführen und zur Armee zu gehen. Saphiras Großeltern traf der Tod ihrer Tochter besonders hart. Sie verkrafteten ihn nicht. Jedes Mal, wenn Saphira mit ihrem Bruder zu Besuch kam, verfiel ihre Oma vor Kummer ins Jammern und Weinen. Du musst wissen, dass Saphira ihrer Mutter stark ähnelt, trotz dass sie die dunkle Haar- und Hautfarbe von ihrem Vater geerbt hat. Saphira stieß das Verhalten ihrer Oma ab. Nicht lange und sie verweigerte jeden weiteren Besuch. Kurze Zeit später gaben sich ihre Großeltern auf. Sie starben kurz hintereinander.“

„War Saphiras Verhalten nicht zu hart gegenüber ihren Großeltern?“

„Saphira musste früh lernen mit Gewalt umzugehen. Die Jammerei ihrer Großmutter war für sie schlicht unerträglich. Sie konnte sich nicht in sie hineinversetzen.“, teilte Simiel ihr lapidar mit.

„Trotzdem klingt es gefühllos.“

„Das stimmt schon, Lea! Aber weiter. Ihre Tante war und ist mit einem Offizier der israelischen Armee, der Zahal, verheiratet. Sie hatte schon zwei Söhne, als sie Saphira und Gad zu sich nahm. Die neue Familie gab den Waisen ein Heim, Halt und die Liebe, die sie brauchten, um trotz aller erlebten Schrecken zu Menschen mit Rückgrat heranzuwachsen. Saphiras Cousins Ephron und Jeshua wurden zu ihren großen Brüdern. Sie mochten ihre adoptierte Schwester, die sich anders als viele Mädchen benahm. Und wie es sich für große Brüder gehört, zogen sie Saphira gerne auf. Sie lernte durch sie sich effektiv gegen männliches Gehabe zu behaupten.“

„Sehr gut! Möglich, dass sie diese Fähigkeit bei dem wiedererweckten Asasel braucht. Nekael ist mir manchmal einfach zu machomäßig drauf. Es schadet nicht, wenn die Jungs ab und zu ausgebremst werden.“, warf Lea amüsiert dazwischen.

Simiel nahm Leas Äußerung mit einer hochgezogenen Augenbraue zur Kenntnis, ehe er fortfuhr.

„Als Jugendliche führte das bei ihr dazu, dass sie eher männliche Vorlieben entwickelte. Zu ihrem Glück ist ihre Ersatzfamilie weder orthodox noch ultraorthodox. Sie tolerierten Saphiras maskuline Art, waren in gewisser Weise sogar froh darüber, weil ihnen dadurch eine pubertierende Zicke erspart blieb.“

Mit einem hintergründigen Lächeln blickte Simiel Lea auf ihre Reaktion wartend an.

„Hey! Du kannst ja richtig modern in deiner Wortwahl werden.“, spöttelte sie.

„Ganz so altbacken wie ich aussehe bin ich nicht! Eremitentum ist in meinem Fall nicht gleichbedeutend mit Ignoranz gegenüber den Zeichen der Zeit. Ich halte mich gewöhnlich nur zurück. Du versuchst mich ein wenig.“, gab Simiel offen zu.

Leas Augen leuchteten für einen Moment triumphierend auf. Er kam aus sich heraus!

„Bleib so! Wenn Saphira mit dir in direkten Kontakt tritt, wird sie dankbar sein, einen Schutzengel zu haben, der eine moderne Sprache benutzt und sich nicht anhört, als wenn er aus der Thora zitiert.“

Die Worte brachten Simiel erneut zum Schmunzeln.

„Du bist gut! Ich glaube, Saphira und du könntet prima miteinander auskommen. Ihr Sprachstil ähnelt deinem in gewisser Weise. Sie findet auch immer die passenden Worte.“

„Schön! Ich freue mich darauf, sie kennenzulernen. Ich gedenke mit ihr ein unschlagbares Frauenteam zu gründen. Je weniger sie sich einschüchtern lässt, desto besser.“

Asturel zog den Kopf ein und machte ein gespielt verzweifeltes Gesicht.

„Du hast keinen Grund theatralisch zu werden!“, warf Lea ihrem alten Schutzengel mit ausgestrecktem Zeigefinger an den Kopf.

„Noch so eine wie du wird schwer zu ertragen sein!“, schoss er grinsend zurück.

„Noch so eine wie ich wird nötig sein, um einen weiteren ehemaligen Wächterengel von seinem Dasein als Dunkler Engel zu erlösen.“

„Touché!“, streckte Asturel die Hände zum Zeichen seiner Aufgabe aus.

„Was gibt es noch aus Saphiras Leben zu erzählen? Einige Jahre fehlen noch, wenn Saphira ungefähr so alt sein soll wie ich.“, wandte Lea sich zurück an Simiel.

„Richtig!“, beeilte der sich zu sagen. „Eines müsste dir sogar recht bekannt vorkommen. Ihr Interesse für das andere Geschlecht bewegt sich auf rein kameradschaftlicher Ebene. Das hat ihren Pflegeeltern am Anfang Magenschmerzen gemacht!“

„Warum wohl? Hat Saphira darunter gelitten?“, wollte Lea mitfühlend wissen.

„GOTT sei Dank nicht wirklich! Sie machte Tante und Onkel klar, dass es reichen würde, wenn ihre Brüder für neue israelische Mitbürger sorgen würden. Wer will schon eine Frau haben, die im Außendienst als Soldatin allen möglichen Gefahren ausgesetzt ist?, argumentierte sie. Dem hatten ihre Pflegeeltern nichts entgegenzusetzen. In der heutigen Zeit kann man niemand mehr zu einer Heirat zwingen, auch wenn eine unverheiratete Frau eine komische Vorstellung für viele Israelis ist.“

„Sie ist tatsächlich wie ihre Eltern in die Armee gegangen und macht Dienst mit der Waffe?“, hakte Lea interessiert und bewundernd nach.

„Ja! Am Anfang unterstützte ihr Onkel sie sogar in dem Wunsch. Er ist, wie ich schon sagte, selbst in höherer Position für die Armee tätig. Als er ihr einen frauengerechten Job vermitteln wollte, erklärte sie ihm, dass sie keinen Bürojob gemeint hatte, sondern den Dienst mit der Waffe. Fest der Meinung, dass sie bald aufgeben würde, ließ man sie die harte Ausbildung beginnen. Die Zeit war dann auch alles andere als ein Zuckerschlecken. Aber Saphira hielt zäh und ausdauernd an ihrem Ziel fest. Ihr Bruder verstand ihren Eifer genauso wenig wie ihr Onkel. Gad war nach der Wehrpflichtzeit froh, der Armee entrinnen zu können und begann ein Studium in Amerika, von dem er bis heute noch nicht zurückgekehrt ist.“

„Möchte er denn wiederkehren?“, wollte Lea neugierig wissen.

„Möglicherweise bleibt er in Amerika. Er hat Andeutungen gemacht, dass er einen Job in Aussicht hat und überlegt ihn anzunehmen. An das Attentat, das seine Schwester so geprägt hat, kann er sich kaum erinnern. Er möchte einfach in Ruhe leben.“, entgegnete Simiel sachlich.

„Kann ich verstehen! Was macht Saphira jetzt?“

„Sie hat ihre Vorgesetzten durch ihre Entschlossenheit und Fähigkeiten beeindruckt. Man hat ihr die Leitung einer Einsatztruppe übertragen.“

„Wow! Eine weibliche Kommandantin! Sag mal, Simiel, eigentlich müsste Saphira die Aufgabe, die ihr vom Schicksal zugedacht ist, doch wunderbar liegen! Sie scheint mir selbstbewusst und kämpferisch zu sein. Genau die richtige Mischung!“, meinte Lea aufgekratzt.

„Du hättest Recht, wenn sie bei dem Attentat auf der Hochzeit nicht eine geisterhafte Begegnung gehabt hätte, die ihr jahrelang Alpträume beschert hat.“

„Sag mir nicht, dass das Asasel war!“, sank Lea in sich zusammen.

„Doch!“, bestätigte Simiel mit kummervoller Miene.

„Oh nein! Hat er ihr etwa was angetan?“, fragte sie teilnahmsvoll.

„Sie hat ihn lediglich am Tatort gesehen. Doch sein Aussehen allein war gänsehautauslösend. Der dämonische Ausdruck seines Gesichtes verfolgt sie teilweise heute noch. Als sie Gad währenddessen gefragt hatte, ob er ihn auch sehen könnte, hatte der den Kopf geschüttelt. Saphira erkannte, dass sie die Einzige war, die diesen Geist sehen konnte und sie beschloss, das Erlebnis in sich einzuschließen, um nicht als verrückt zu gelten. Als Jugendliche ging sie der Sache dennoch verstohlen nach. Sie hält ihn für den Dämon Azazel. Was irgendwie auch stimmt.“

„Dämon Azazel?“, echote Lea.

„Es gibt einen alten jüdischen Brauch, in dem er eine Rolle spielt.“, belehrte Simiel Lea.

„Welchen?“

„Er wird als Dämon zweiten Ranges und als Hüter des Bockes beschrieben. Am Sühnefest, das die Juden am zehnten Tag des siebten Monats früher feierten, brachte man zwei Böcke zum Hohepriester, die er ausloste: einen für GOTT, den anderen für Azazel. Der, auf den das Los des Herrn fiel, wurde geopfert. Sein Blut diente zur Sühne. Der Hohepriester legte dann seine Hände auf den Kopf des anderen und übertrug symbolisch seine Sünden und die des Volkes auf das Tier. So als Sündenbock gezeichnet, führte man das Tier in die Wüste und ließ es frei, zur Verfügung Azazels.“

„Da hat sie ja einen tollen Eindruck von Asasel bekommen! Als Dunkler Engel mag er ja viele schlimme Dinge begangen haben. Aber als Wächterengel war er große Klasse und hatte viel für Menschen übrig. Saphira muss sich wieder daran erinnern!“, meinte Lea leidenschaftlich.

„Dann erzähle ihr vor der Rückgabe ihrer Erinnerungen nicht, dass er es war, der ihr die schlimmen Alpträume verursacht hat. Sonst hast du schlechte Karten. Die Erkenntnis hinterher wird sie schon genug schmerzen.“, riet Simiel.

„Stimmt!“, nickte Lea betrübt.

„Ein weiteres Problem ist ihre alte Wut auf den Himmel. Das wird eine Zusammenarbeit mit Lichtengeln nicht gerade vereinfachen.“, fügte er hinzu.

„Aus gutem Grund! Hoffentlich vertraut sie mir wenigstens! Wir sitzen schließlich im selben Boot. Meine Wut musste nach bestimmten Erkenntnissen auch erst mal verrauchen. Nicht wahr, Asturel?“, funkelte Lea ihren alten Schutzengel gespielt an.

„Ich kann für den GÖTTLICHEN Plan nichts! Ich war wie du und Nekael nur ein Spielball. Wir Schutzengel waren genauso ahnungslos. Aber wie du inzwischen weißt, musste alles so geschehen.“, verteidigte sich Asturel.

„Leider! Es macht die Sache nur so kompliziert!“, seufzte Lea und versank in Gedanken.

„Meinst du, dass es mit allem Für und Wider klug wäre, Saphira aus ihrem Vergessen zu holen?“, meldete sich Simiel in das entstandene Schweigen.

Er hatte sich lange genug von seinem Schützling ferngehalten und wollte zurück.

„Letztlich bleibt uns nichts anderes übrig! Asasel muss wiedererweckt werden. Und wie du erfahren hast, geht das nur mit Saphiras Hilfe. Die Frage ist nur, wie komme ich in Saphiras Nähe und freunde mich mit ihr an? Ich bin keine Soldatin! Es macht mich nervös, mich in einem mit Waffen umkämpften Gebiet aufzuhalten. Mich als Kollegin einzuführen, fällt damit aus. Was macht sie, wenn sie Feierabend hat?“, wollte Lea wissen.

„So Allerlei! Sie besucht wie die meisten jungen Leute Lokale mit Freunden, geht ins Kino und besucht dann und wann Konzerte.“, gab Simiel Auskunft.

„Das hört sich ungefährlicher an. Wäre nur noch die Sprachbarriere!“, grinste Lea spitzbübisch in Richtung Asturel.

„Ich habe dir schon gesagt, dass ich dir einen Lehrer besorgen kann. Bis dahin könntest du Saphira einen unsichtbaren Besuch abstatten, um dir ein Bild von ihr zu machen. Das würde das Kennenlernen vereinfachen.“, schlug der vor.

„Einverstanden! Würdest du mich zu Saphira führen, wenn ich dich rufe, Simiel?“

Simiel zögerte erst, ehe ihm in den Sinn kam, dass Lea kein normaler Mensch mehr war und viele Dinge tun konnte, die eigentlich nur Engel zu tun imstande waren.

„Gern! Du hast in mir die Hoffnung geweckt, dass doch noch alles gut wird.“, nickte er.

„Es wird! Die Frage ist nur, wie viele Hindernisse wir bis zu unserem Ziel beseitigen müssen.“, wiegte Lea mit dem Kopf.

„Reichen die vorhandenen nicht?“, wurde Simiels Ton bang.

„Schon! Aber es würde mich wundern, wenn die Seite der Finsternis uns seelenruhig machen lassen würde. Luzifer steht zwar auf unserer Seite, aber sein Gefolge nicht. Ganz besonders ein gewisses Pärchen hat diebische Freude daran, uns Stolpersteine in den Weg zu legen.“, legte Lea Saphiras Schutzengel offen.

„Wer?“, horchte Simiel auf.

„Aniguel und Naamah! Nekael und ich sind ihre liebsten Feinde. Wenn sie mitbekommen, dass wir einen weiteren ehemaligen Wächterengel und dessen Frau am Wickel haben, werden sie alles dransetzen, uns aufzuhalten. Schon Nekaels Rückkehr ins Licht hat das Gleichgewicht verschoben.“, lächelte Lea unfroh.

Simiel stöhnte wie unter einer schweren Last.

„Musstet ihr euch ausgerechnet Feinde in den höchsten Rängen der Finsteren machen?“

„Das haben wir nicht freiwillig getan! Naamah kann Nekael nicht verzeihen, dass er sie abblitzen ließ und Aniguel hasst mich, weil ich ihm seinen Lieblingsschüler weggenommen habe, der rein zufällig mein verflossener Verlobter war und mir den Garaus machen wollte. Die entstandene Feindschaft war wohl eher Schicksal als Absicht.“, zuckte Lea mit den Schultern.

Simiel holte erst einmal Atem. In seinem Kopf arbeitete es.

„Wie sieht das mit Schutz für Saphira aus?“, brachte er seine Angst um seinen Schützling zur Sprache.

„Du bekommst mit Sicherheit größere Befugnisse und Asturel wird dir mit meiner einstigen Leibgarde zur Verfügung stehen. Reicht das?“, legte Lea den Kopf schief.

Aufmerksam beobachtete sie die Reaktion Simiels.

„Ich hoffe es! Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich Saphira ins Verderben rennen ließe!“, bekannte er heftig.

„Dazu wird es nicht kommen!“, erwiderte Lea schnell und bestimmt.

„Wir werden uns gemeinsam um Saphiras Sicherheit kümmern.“, machte Asturel seinem alten Freund in ruhigem Tonfall Mut.

„Ich hoffe, dass du Recht behältst und Asturels Zuversicht gerechtfertigt ist!“, seufzte Simiel. „Ich muss es wohl auf den Versuch ankommen lassen.“

Noch immer lag Unsicherheit in seinem Gesichtsausdruck.

„So ist es!“, nickte Lea.

„Dann sehen wir uns bald wieder.“, entschied Simiel.

„Prima!“, freute sich Lea.

„Kann ich nun gehen? Ich habe Saphira ziemlich lang allein gelassen und sitze auf heißen Kohlen, wie ihr Menschen sagt.“, grinste Simiel schief.

„Natürlich kannst du gehen! Danke für dein Kommen!“, nickte Asturel ihm zum Abschied zu.

„Im Nachhinein gern geschehen!“, nickte Simiel zurück und bedachte Lea mit einem Blick, der Hoffnung ausdrückte.

„Dann bis zum nächsten Mal!“, stand Lea auf, um Simiel zu zeigen, dass er auch von ihr aus gehen konnte.

„Bis bald!“, verbeugte er sich ohne weitere Umschweife und war verschwunden.

 

Einen Moment war nachdenkliche Stille. Sowohl Lea als auch Asturel lehnten sich in ihren Sitzen zurück und ließen das Gespräch von eben auf sich wirken.

„Nun? Was hältst du von Simiel?“, ergriff Asturel als Erster das Wort.

„Er ist voll in Ordnung! Ich hoffe für ihn, dass er bald aus seiner selbstgewählten Isolation raus kann. Saphira sollte ihm wieder volle Bewegungsfreiheit geben. Aber das geht wohl erst, wenn sie ihre Erinnerungen an den alten Asasel wieder hat.“

„Vorher hat es keinen Zweck! Sie muss den großen Zusammenhang erkennen und akzeptieren. Erst dann wird sie in der Lage sein, alles im rechten Licht zu sehen. Sie muss nicht nur dem Himmel verzeihen sondern auch Asasel, der ihr in seiner Aufgabe als Dunkler Engel ihre Eltern entrissen hat. Das wird nicht einfach!“, gab Asturel zu bedenken.

„Stimmt! Daran habe ich noch gar nicht in aller Konsequenz gedacht.“, schlug sich Lea mit der flachen Hand vor den Kopf.

„Hoffen wir, dass er in seiner geistigen Umnachtung nicht noch mehr Unheil anstellt.“, fügte sie hinzu.

„Dein Wort in GOTTES Ohr! Wir können es nur abwarten.“

„Vielleicht weiß Nekael mehr! Er sucht unseren Noch-Finsterling ja auf. Ich bin gespannt, was er zu berichten hat.“, versuchte Lea sich und Asturel ein wenig Hoffnung zu machen.

„Ich auch!“, pflichtete Asturel ihr bei.

 

Ende

 

 

 

 

 

 

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